Martin Niemöllers Sohn im Gespräch "Ich habe den Zorn auf mein Heimatland kultiviert"

Kirchenrat Björn Mensing fragt Heinz Niemöller (links) nach seinem Vater, der einer von 71 evangelischen Geistlichen war, die in KZs inhaftiert waren.

(Foto: Toni Heigl)

Heinz Niemöller erinnert sich an seinen Vater und das KZ Dachau. Neben Bonhoeffer ist dieser Symbolfigur des evangelischen Widerstands. Doch es gab kaum Regimegegner unter den Geistlichen

Von Walter Gierlich, Dachau

Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer sind zu Symbolfiguren für den Widerstand aus den Reihen der evangelischen Kirche gegen den Nationalsozialismus geworden. Dass die beiden, die ihr Eintreten gegen das Unrechtsregime mit KZ-Haft und im Falle Bonhoeffers sogar mit der Ermordung bezahlten, nur zu einer kleinen Minderheit innerhalb des Protestantismus gehörten, ist in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt. Tatsächlich blieb die Mehrheit der Geistlichen - auch große Teile der Bekennenden Kirche, einer oppositionellen Strömung innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus - dem NS-Staat treu und schwieg zu dessen Verfolgungs- und Terrormaßnahmen. Wie die Institution Kirche zum KZ-System stand, hat die Historikerin Rebecca Scherf in ihrer Dissertation mit dem Titel "Evangelische Kirche und Konzentrationslager von 1933 bis 1945" herausgearbeitet.

Das Buch stellte sie am Donnerstagabend in der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in einer Veranstaltung vor, in der auch Heinz Niemöller, der 95 Jahre alte Sohn von Martin Niemöller, in einem Gespräch mit Kirchenrat Björn Mensing darüber berichtete, wie er 1942 seinen Vater mit einer Ausnahmegenehmigung im KZ Dachau besuchen durfte. Zudem mahnte Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in ihrem Grußwort: "Wir können nicht aus der Vergangenheit aussteigen, wir dürfen nicht aussteigen, und wir wollen nicht aussteigen." Gedenken und Erinnern würden immer mehr zu einer Aufgabe, "die wir aktiv gestalten müssen".

Scherf untersucht in ihrer Doktorarbeit vor allem drei Aspekte. Sie dokumentiert die 71 evangelischen Geistlichen, die zwischen 1933 und 1945 in KZs inhaftiert waren, und deren Hafterfahrungen, stellt die Reaktionen auf ihre Verhaftungen seitens der Kirche dar und geht auf deren Seelsorgetätigkeit in den Konzentrationslagern ein. Zu Beginn ihrer Forschungen habe sie festgestellt, dass in den einzelnen Landeskirchen noch sehr wenig über deren inhaftierte Geistliche bekannt war: "Niemand wusste, wie viele es waren, wer es war und wie lange sie im Lager blieben." Bei ihren weiteren Recherchen fand sie dann heraus, dass es zwei größere Wellen von Verhaftungen gab: 1935 und 1941/42. Vor allem in Sachsenburg bei Chemnitz und in Dachau waren die Pastoren inhaftiert. Setzten sich 1935 ihre Pfarrgemeinden noch mit Protesten für diese Pfarrer ein und erreichten, dass sie schließlich auf außenpolitischen Druck nach einigen Monaten wieder frei kamen, so blieb es 1941/42 nicht mehr bei einzelnen Haftmonaten - und öffentliche Proteste gab es auch nicht mehr. Zudem hatten Kirchenvertreter laut Scherf keinen Zugang mehr zu Konzentrationslagern. Die Autorin konnte auf der Grundlage von Tagebucheinträgen und Predigten erstmals das protestantische Leben der Geistlichen im Dachauer Pfarrerblock rekonstruieren und so bereits vorliegende Studien zu den katholischen Priestern ergänzen, die mit mehr als 90 Prozent die Mehrheit der Geistlichen im KZ Dachau ausmachten.

Von April 1933 an war Seelsorge in den Lagern durch die jeweiligen Ortsgeistlichen erlaubt. Allerdings rühmte sich etwa ein Oberkirchenrat, der in engem Verhältnis zur NSDAP stand, in einem Bericht an seine Kirchenleitung, dass "die Rückführung von Schutzhäftlingen in die deutsche Volksgemeinschaft" gelungen sei. 1936 fanden alle zwei Wochen evangelische Gottesdienste im Lager statt, doch der zuständige Pfarrer beklagte bald, dass immer weniger Besucher kämen. Im März 1937 untersagte SS-Chef Heinrich Himmler dann Gottesdienste in allen KZs. "Das Verbot nahmen die Kirchenleitungen ohne Widerspruch hin", erklärte Scherf. Als "symptomatische Reaktion" bezeichnete das die Historikerin, die darauf verwies, dass sich die Kirche nur bis 1936/37 aktiv mit dem KZ-System auseinandergesetzt habe. Ihr Fazit: Nicht nur die Deutschen Christen waren hitlertreu, auch in der Bekennenden Kirche gab es wenig Opposition und nur vereinzelte Mitglieder unter ihnen leisteten Widerstand.

Einer von denen, die sich mit den Nationalsozialisten anlegten, war Martin Niemöller, U-Boot-Kommandant im Ersten Weltkrieg. Anfangs stand er dem Regime positiv gegenüber, doch zunehmend trat er öffentlich gegen Unrecht ein und attackierte die staatliche Kirchenpolitik. 1935 wurde er deswegen erstmals verhaftet. Nachdem er zusammen mit anderen Mitgliedern der Bekennenden Kirche 1936 in einer Denkschrift die Existenz der Konzentrationslager kritisiert hatte, wurde er im Sommer 1937 erneut verhaftet. Sein Sohn Heinz, damals 13 Jahre alt, war an diesem Tag nicht zu Hause. "Das musste ja kommen", habe es damals geheißen, erinnerte er sich am Donnerstagabend in der Versöhnungskirche. Er sei damals vorsichtshalber zu Pflegeeltern nach Gauting geschickt worden, wo er heute noch lebt. Aber er habe alles Wesentliche über das Schicksal seines Vaters erfahren: Martin Niemöller wurde 1938 direkt aus dem Gerichtssaal von der Gestapo als Schutzhäftling ins KZ Sachsenhausen gebracht. "Ich war erleichtert, als ich das erfahren habe, denn ich hatte befürchtet, dass er unauffällig beseitigt würde", erzählte Heinz Niemöller.

Seiner Mutter war es erlaubt, ihren Mann ab und zu zu besuchen, auch als er 1941 ins KZ Dachau verlegt wurde. Er selbst durfte im Herbst 1942 den Vater einmal mit einer Sondergenehmigung sehen, als er zur Wehrmacht eingezogen wurde. Der "ordnungsliebende Vater" habe sich einen exakten Plan für das Gespräch mit dem Sohn aufgeschrieben, erinnerte sich Heinz Niemöller schmunzelnd.

Im Oktober 1945 fuhr der damals 21-Jährige mit seinen Eltern noch einmal ins KZ Dachau und musste schockiert feststellen, dass sich im Keller des Krematoriums die Asche verbrannter Leichen meterhoch türmte. Das Erlebnis war für ihn nachdrücklich: "Ich habe den Zorn auf mein Heimatland kultiviert. Dazu gehörte auch mein Entschluss, für ein Jahr in die USA zu gehen. Daraus wurden dann neun."