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Literatur:Das Rentier spricht englisch

Kinderbuch der Dachauer Autorin Ingrid Zellner ist übersetzt worden

Das vor zwei Jahren erschienene Buch der Dachauer Autorin Ingrid Zellner "Malin und das weiße Rentier" liegt nun auch in englischer Fassung vor. Es trägt den Titel "Malin and the White Reindeer". Zu verdanken ist die Übersetzung Ingrid Zellners Autoren-Kollegin Simone Dorra, die - was nie schaden kann - auch zwei "native speaker" zu Rate gezogen hat. In fünf Episoden erzählt Ingrid Zellner von den Begegnungen des schwedischen Mädchens Malin mit einem sprechenden Rentier namens Dálvi. Die Geschichte ist einfach, klar und kindgerecht erzählt, allerdings ist die englische Version eher etwas für Leser, die schon ein paar Jahre Englisch in der Schule hatten. Für Schüler der Mittelstufe sollte der Band kein Problem darstellen, auch wenn sie vielleicht manche Pflanzennamen wie "fir" und "chanterelle" erst nachschlagen müssen.

Das kleine Buch, zu dem Ingrid Zellner ein winterlicher Besuch in Schweden inspiriert hat, hat auch für Erwachsene seinen Reiz: Das kluge Rentier und die drollige sechsjährige Malin sind sehr sympathisch gezeichnet, die Weltsicht, die Dálvi vermittelt, trägt die Friedensbotschaft schon in sich und bedarf keiner großen Erklärungen mehr: Alles ist mit allem verbunden, Tiere, Pflanzen, Menschen, die Toten und die Lebenden, Sonne und Blumen, Regen und Gras. Das hat man zwar alles schon mal gehört, aber selten so schön gelesen. In Zellners Buch erfährt man außerdem einiges über die alten Legenden des Volks der Samen, den indigenen Bewohnern Lapplands. Man erfährt, warum die Geschenke an Weihnachten durch den Kamin ins Haus kommen und in welchem Verhältnis Dálvi zum wohl berühmtesten aller Rentiere steht: Rudolph mit der roten Nase. Erwachsene Traditionalisten hassen diesen Rudolph ja wie die Pest, gilt er doch als Inbegriff der Kommerzialisierung und Verkitschung des Weihnachtsfests, doch die kluge Dálvi zeigt, dass alte Naturvorstellungen, christlicher Glaube und auch der schrille Rudolph gar nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. So ist diese Geschichte auch eine versöhnliche Parabel, die der Herabsetzung des Anderen, vermeintlich Fremden entgegentritt - wider den herrschenden Zeitgeist.

Das Problem an dem Buch ist eher, dass man nicht so recht weiß, wem man es schenken soll: Kleinere Kinder dürften sich mit dem Englischen schwer tun, auch wenn man ihnen die Geschichte vorliest, größere könnten sich schnell langweilen, weil nicht allzu viel darin passiert, und für Erwachsene bietet eigentlich nur das letzte Kapitel neue und überraschende Einsichten, wenn man beispielsweise erfährt, was die Schamanen der Samen aus Lappland mit unserem Weihnachtsmann zu tun haben. Angesichts des Preises von weniger als zehn Euro, auf Lesegeräten sogar weniger als drei, ist das finanzielle Risiko beim Kauf aber wohl vertretbar.

Ingrid Zellner: Malin and the White Reindeer. Verlag tredition Hamburg, 80 Seiten, 9,99 Euro.