S-Bahn-Nordring Gegen den Verkehrskollaps

Die Trassen der S-Bahnlinien führen vom Zentrum der Landeshauptstadt nach außen und passen schon längst nicht mehr zu den Pendlerströmen. Ein Nordring könnte hilfreich sein.

Von Martin Mühlfenzl und Wolfgang Eitler, Landkreis

Wie die Tentakel einer mächtigen Krake reichen die S-Bahnlinien von der Münchner Innenstadt nach außen; die Anordnung der Trassen ist Ausdruck der Pendlerströme längst vergangener Zeiten: Lange Zeit fuhren Arbeitnehmer fast ausschließlich aus dem Umland in die Stadt zum Arbeiten - heute pendeln morgens deutlich mehr Menschen in den Landkreis München als aus ihm heraus. Das trifft vor allem auf die Boom-Kommunen im Münchner Norden zu: auf die Hochtechnologie- und Medienstandorte Unterföhring, Ismaning und Unterschleißheim, aber auch auf die Universitätsstadt Garching. Und viele Pendler stammen aus dem Landkreis Dachau.

Sie alle brauchen viel Geduld. Das gilt für all jene, die jeden Morgen über verstopfte Straßen und Autobahnen in Richtung Arbeitsplatz pendeln; das trifft gleichermaßen auf Politiker und Planer zu, die eben diese Staus von den Straßen beseitigen und alternative Beförderungsmöglichkeiten ausbauen wollen. Autobahn-Südring, zweite Stammstrecke, Ausbau der A 99, Expressbusse. Die Liste der Projekte in der Landeshauptstadt und in den Landkreisen des Münchner Nordens ist lang; die der Probleme kaum kürzer.

Einer der Lösungsansätze verbirgt sich seit Jahren hinter dem Begriff Tangential-Verbindung. Also einem quer angelegten Brückenschlag zwischen Kommunen auf dem ausschließlich sternförmig angelegten Münchner S-Bahnnetz. Der sogenannte S-Bahn-Nordring gehört zu den wichtigsten Vorhaben im Münchner Norden, um die Region verkehrstechnisch zu entlasten - und als herausragenden Wirtschaftsstandort zu sichern. In der Verkehrskonferenz des gesamten Münchner Nordens hat Stephan Reiß-Schmidt, Stadtdirektor der Landeshauptstadt, vergangene Woche in Dachau nun die Trasse wieder ins Spiel gebracht. Eine Ost-West-Verbindung vom Landkreis Fürstenfeldbruck über den Landkreis Dachau, den Rangierbahnhof München Nord, Milbertshofen, Freimann bis zum Anschluss an die bestehende S-Bahntrasse in Trudering.

Geretsried will heuer schon Schulden abbauen, um in den nächsten zehn Jahren zehn Millionen Euro in die S-7-Verlängerung investieren zu können - vor allem in die Bahnhöfe und den Tunnel in Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In Unterföhring beispielsweise arbeiten nahezu doppelt so viele Menschen wie die Gemeinde Einwohner hat. "Mit unseren 18 000 Arbeitsplätzen begrüßen wir natürlich jeden Vorschlag, der die Verkehrssituation entspannt", sagt Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU). "Der Nordring ist ein wichtiges Infrastrukturprojekt für die Region. Aber er ist auch nur ein Baustein." Denn noch sei der Verkehr auf der Straße über den Landkreis München mehr als ungleichmäßig verteilt, sagt Kemmelmeyer - und verweist auf eine Debatte, die im Süden Münchens immer wieder als längst beerdigt bezeichnet wird, von den Nord-Bürgermeistern hingegen konsequent weitergeführt wird.

"Wir werden immer wieder auch den Autobahnsüdring anstoßen", sagt Kemmelmeyer über ein Projekt, das insbesondere in den Gemeinden Pullach und Grünwald vehement abgelehnt wird. "Auch wenn ich den Ringschluss wahrscheinlich nicht mehr erleben werde, setze ich mich weiter dafür ein", sagt der Unterföhringer Rathauschef. Wie auch für den Ausbau des Föhringer Rings, der als Bestandteil der Tangente 5-Nord eine der wichtigen Einfallstraßen aus dem Münchner Norden in Richtung des Äußeren Rings der Landeshauptstadt darstellt - seit Jahrzehnten kämpft die Kommune um einen vierspurigen Ausbau des Föhringer Rings, da dieser ob seiner exponierten Lage in unmittelbarer Nähe zur Autobahn A 9 vollkommen überlastet ist.

Daher sagt Kemmelmeyer auch: "Die Verkehrsprobleme im Münchner Norden können nur ganzheitlich gelöst werden. Wir müssen den öffentlichen Nahverkehr stärken - in alle Richtungen. Aber wir müssen auch den Straßenverkehr aus den Kommunen heraus bringen und verteilen." Denn bedeutende Industriestandorte reihen sich von Karlsfeld im Landkreis Dachau über Unterschleißheim und Ismaning bis Unterföhring wie an einer Perlenklette von West nach Ost aneinander; heute sind die wichtigsten Verbindungen auf dieser Linie der Münchner Autobahnring sowie der Äußere Ring. "Diese Verbindungen reichen aber schon heute längst nicht mehr aus", sagt Münchens Landrat Göbel.

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Dieser Ansicht sind alle 40 Kommunen der Region München-Nord. Der Landkreis Dachau setzt deshalb auf die Verkehrskonferenz, dessen offizieller Pate der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) ist. In einer Dachauer Erklärung haben die politischen Vertreter des Münchner Nordens zu einer interkommunalen Zusammenarbeit verpflichtet. Mit dem Ziel, die unterschiedlichen Pläne von Gemeinden und Landkreis aufeinander abzustimmen. Es sollen gemeinsame Lösungen gefunden werden.

Zurzeit arbeitet der Landkreis Dachau an einem Verkehrskonzept für alle 17 Kommunen. Dabei geht es um neue Straßenführungen und die Vernetzung mit dem öffentlichen Nahverkehr. Der Nachbarlandkreis München hat das renommierte Zürcher Unternehmen Ernst Basler + Partner mit der Erstellung einer Studie beauftragt. Mit dieser, sagt Landrat Christoph Göbel (CSU), sollten Verkehrsströme untersucht, Konzepte für die sogenannte Intermobilität - also das Zusammenspiel von mindestens zwei Verkehrsarten - entwickelt, Möglichkeiten der Elektromobilität vorangetrieben werden. Er spricht von einem "ganz neuen Ansatz, der letztendlich in unsere übergeordnete Verkehrsplanung einfließen soll". Er fügt hinzu:: "Wir müssen über den eigenen Tellerrand hinausschauen." Und zum Nordring meint er: "Da wäre so eine Tangentiale der richtige Ansatz."

Dachaus Landrat Löwl sagt: "Ich finde, dass der Nordring ein großes Potential hat." Freilich sei fraglich, wie die Pendler aus dem Dachauer Landkreis Zugang erhalten . Mit anderen Worten: "Wir brauchen eine eigene Verbindung. Am besten schon in Karlsfeld." Denn die bestehende Nordring-Trasse für den Güterverkehr führt dort östlich der S-Bahn auf der Seite der ICE-Trasse durch Karlsfeld.

Alle diese Fragen werden Teil der Verkehrskonferenz sein. Löwl sagt: "Wir haben kein Erkenntnisproblem." Der Norden ist die Region mit den größten Herausforderungen. "Außerdem haben wird die Bereitschaft zur Zusammenarbeit." Und für ihn ganz wichtig: "Wir diskutieren mit München auf Augenhöhe." Während der Landkreis München bereits einen Verkehrsgutachter engagiert hat, setzen die Dachauer zunächst auf eine gesonderte Datenerhebung, die sie bereits mit einer Bürgerbeteiligung verbunden haben. Erst im dritten Schritt soll dann ein Gutachten für die Zukunft des gesamten Verkehrs erstellt werden.