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Kunstausstellung in Dachau:Die Welt steht niemals still

"Das Bild ist tot, sobald es fertig ist. Es ist eine Erinnerung. Ein Fossil." Für Margot Krottenthalers sechs Meter langes, 1,60 Meter hohes Tafelbild mit seiner kosmischen Szenerie gilt das nicht. Es lebt und entwickelt sich. Die Künstlerin malt daran während der Ausstellung weiter.

(Foto: Toni Heigl)

Margot Krottenthaler beschäftigt sich in ihrer Ausstellung "pluripotent" mit der Evolution der Kunst. Weil auch diese sich laufend verändert, wird die Künstlerin an einem ihrer Bilder laufend weiterarbeiten

Das Leben ist ein Wunder. Seine atemberaubende Entfaltung über Jahrmillionen kann man anschaulich und recht übersichtlich in einem hübschen Leporello der Dachauer Künstlerin Margot Krottenthaler bewundern. Los geht es mit dem Wimperntierchen, das durch Verwendung von Wachs und Fäden sehr plastisch auf dem Papier schwimmt, über Mehrzeller und die ersten Wirbeltiere bis zum Australopithecus, einem früheren, etwas grimmig dreinschauenden Vorfahren des Menschen. Zufall, Variation, Selektion und Mutation führten und führen immer noch zu einer ungeheuren Vielfalt der Formen. In ihrer neuen Ausstellung mit dem Titel "pluripotent" spürt Margot Krottenthaler diesen Mechanismen nach.

Mit dem Ausdruck "pluripotent" werden Stammzellen beschrieben, die noch auf keinen Gewebetyp festgelegt sind und sich erst noch ausdifferenzieren. Und so ist es ja auch in der Kunst. "Auge oder Nase - in meinem Kosmos entscheide ich über diese Frage", sagt Krottenthaler. Sie gibt aber auch gern mal dem Wildwuchs Raum, in ihren Gemälden wuchern Formen und Farben, breiten sich aus mit tastenden Armen, kreuchen aus Reagenzgläsern - oder werden kurzerhand übermalt. Manchmal muss das Alte zerstört werden, damit Neues entstehen kann. Die Evolution ist kein ruhiger Fluss, sie hat Sprünge, und bisweilen braucht es auch den radikalen Bruch.

Ein zentrales Werk von sechs Metern Länge und 1,60 Metern Höhe zeigt den Kosmos, ohne dass man genau sagen könnte, ob es der Mikro- oder Makrokosmos ist: Ein kugelartiges Objekt schwebt im leeren Raum, es sieht aus wie ein Himmelskörper voller Krater, ein anderes Gebilde erinnert an ein Mitochondrium mit einem bunten Stecksatz von Ribosomen. Während des Ausstellungszeitraums wird Margot Krottenthaler weiter an diesem Bild arbeiten, die Welt steht niemals still. "Das ist ein Prozess, bei dem ich selbst noch nicht weiß, wo es hingeht", sagt die KVD-Künstlerin. Sie folgt ihrer eigenen kreativen "DNA", die sie als Prinzip von bestechender Einfachheit dechiffriert. DNA heißt für sie: "Das nächste ausprobieren."

Neben ihrem Evolutionsleporello und ihren organischen Wucherbildern gibt es noch weitere Werkgruppen in der KVD-Galerie zu sehen. Filigrane Blindprägedrucke von Käfern zum Beispiel. Dünne Nadeln sind in die Papierreliefe gebohrt wie in einer entomologischen Sammlung. Monotypien zeigen die schwebende Schönheit der Mollusken - auf hellem Hintergrund erinnern sie an urzeitliche Fossilien, auf schwarzem Hintergrund wirken sie wie Exemplare, die man zu Forschungszwecken, unters Röntgenauge geklemmt hat. Darin schwingt gleichermaßen Bewunderung für die Natur mit wie das Bedauern, dass der Mensch viele Geheimnisse offenbar nicht durchdringen kann, ohne sie zu beschädigen oder völlig zu zerstören. Oder er mischt sich gleich selbst als Schöpfer ein.

Margot Krottenthalers Vater war Taubenzüchter. Diese sonderbaren Vögel waren als Kind "ein Faszinosum" für sie, anderseits waren sie "auch etwas gruselig". In freier Wildbahn würden Kreaturen wie die absurd hochgezüchteten Kropftauben wohl nicht lange überleben. "Es ist fast eine biologische Kunstform." In der Ausstellung begegnen sie einem als bunte Zeitschriftenfotos, aufgeklebt auf Holzkästen. Ein dünner Wachsüberzug verleiht ihnen eine artifizielle Ästhetik und eine glatte Haptik, die an Menschenhaut erinnert.

Ihre vielleicht spannendste Arbeit geht der Frage nach, ob es nicht auch eine DNA in der Kunst gibt, die dem Werk durch die Jahrhunderte ihren Stempel aufgedrückt hat. Margot Krottenthaler hat dazu viele Gespräche mit Künstlerkollegen, aber auch mit Kunsthistorikern geführt. Ihre Ergebnisse stellt sie in einer Versuchsanordnung mit 80 Petrischalen vor. Auf den Deckeln versammelt sie prägende Formen aus Natur und Kultur: die Venus von Hohenfels, Höhlenzeichnungen, Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat, Viren und Krabbeltiere, Joseph Beuys in Aktion und die Mona Lisa, von der man künstlerisch halten mag, was man will - aber auch sie hat sich "in die DNA eingeschrieben". Auf diesem Wühltisch der Formen macht man überraschende Entdeckungen. Ist so ein Laubbockkäfer nicht ein genauso ebenmäßiges, harmonisch gegliedertes Geschöpf wie Leonardo da Vincis "Vitruvianischer Mensch"? Und ist der Flaschentrockner von Duchamp nicht dem Design eines mikroskopisch kleinen Lebewesens verblüffend ähnlich? Dada gibt es schon seit Jahrmillionen - wer hätte das gedacht?

pluripotent. Ausstellung von Margot Krottenthaler. Vernissage am Donnerstag, 16. Januar, um 19.30 Uhr in der KVD-Galerie. Öffnungszeiten Donnerstag bis Samstag 16 bis 19 Uhr und Sonntag 12 bis 18 Uhr. Zu sehen bis 9. Februar.

© SZ vom 16.01.2020
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