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Kunst in Dachau:Sammler von Momenten

Grenzgänge zwischen Grafik, Fotografie und Malerei: Gerhard Niedermairs Ausstellung im Wasserturm ist eine Erzählung mit Bildern. Seine Werke offenbaren ein feines ästhetisches Empfinden

Er war schon an vielen Ausstellungen in Dachau beteiligt. Auch im vergangenen Jahr, als die Beuys-Ausstellung des Galeristen Josef Lochner im Untergeschoss des Kaufhauses Rübsamen stattfand, hatte er seine Finger im Spiel. Gerhard Niedermair weiß, wie man Bilder in einer gefälligen Gesamtschau präsentiert, er ist schließlich selbst Künstler. Nun sieht man endlich mal wieder seine Werke - selbstredend in souveräner Niedermairischer Hängung - im Dachauer Wasserturm. Unter den etwa 80 Werken findet sich auch eine Reminiszenz an die "Wandernden Kisten" aus der Beuys-Ausstellung von 2018, allerdings erweitert um eine Limone, die wiederum an den Energiespender für Beuys' Capri-Batterie denken lässt, nur war es da eine Zitrone.

Niedermair ist Künstler - Grafiker, Maler und Fotograf - aber auch ein Sammler von Momenten, die es festzuhalten lohnt, wobei er ihnen durch Verfremdung gern noch zusätzliche Bedeutungsebenen und ästhetische Querbezüge verleiht. Seine Ausstellung im Dachauer Wasserturm ist ein bildstarke Erzählung über drei Etagen in fünf Episoden hinweg, und wie in einem Entwicklungsroman knüpft jede Episode an der vorangegangenen an, baut darauf auf, erweitert sie und spinnt sie fort.

Gerhard Niedermair will mit seinen Bildern Geschichten erzählen.

(Foto: Toni Heigl)

Der Beschäftigung mit Linien folgt die Auseinandersetzung mit Flächen und Formen, die in der darauffolgenden Episode in naturorganischen Ansichten komplexer ausgestaltet wird, in Energie, der Bewegung von Körpern - und schließlich der Bewegung der Gedanken in Form von Schriftzügen. Das mag zunächst etwas akademisch und abstrakt klingen, wird von Niedermair aber mit so viel Fantasie, Poesie und Humor geliefert, dass keine Langeweile aufkommt. Ein weiblicher Rückenakt trägt den Titel "Käthe sieht fern". Wer Käthe ist und was so spannend ist, dass sie nicht mal die Zeit findet, sich etwas anzuziehen, erfährt der Betrachter nicht. "Ich mag Geschichten, die man weiterdenken kann", sagt Gerhard Niedermair.

Sein kreativer Steinbruch ist der Alltag, das Material dafür liegt ja quasi auf der Straße: Blätter und Steine, mit denen er "Fliegende Fische" aufs Papier druckt, der Campari, der so schön rot im Glas schimmert, dient als Malfarbe, alte Urlaubsfotos werden neu beschnitten und übermalt und das glänzende Abendlicht auf der venezianischen Hausfassade durch einen Anstrich mit Blattgold überhöht. Oder Aktgemälde, die er fotografiert und digital bearbeitet: Noch ein paar weiße Linien mit der Maus auf die Oberschenkel gekratzt, schon wirkt die akkurat gezeichnete Figur viel plastischer.

Die Geschichten hinter Niedermairs Bildern sind, wie alle guten Geschichten, oft doppelbödig.

(Foto: Toni Heigl)

Dahinter steckt keine überkandidelte Kunsttheorie, sondern ein feines ästhetisches Empfinden. Man kann es auch so schlicht formulieren wie Gerhard Niedermair: "Es muss gut aussehen." Dafür braucht es aber einen besonderen Blick, denn gut ausschauen kann auch eine mit Teer verschmierte New Yorker Hauswand, wenn sie nachträglich koloriert wird und dann einen höchst detaillierten "Auszug der Tiere aus der Savanne" abbildet. Die Vielschichtigkeit der Ideen wie der Bildebenen und technischen Mittel bringt es mit sich, dass man bei diesen "Grenz-Gängen" - so hat Niedermair seine Ausstellung selbst genannt - oft nicht so ganz genau weiß, wo im zerklüfteten Dreiländereck von Grafik, Fotografie und Malerei man sich nun gerade herumtreibt. Dass man als Betrachter geneigt ist, sich im Zweifelsfall für die Grafik zu entscheiden, ist kein Zufall. Niedermair präsentiert seine Arbeiten durchgängig auf Büttenpapier, was der gängigen Optik einer Druckgrafik entspricht. Auf diese Weise kommt Ruhe in diese lebhaft diverse Bilderschau, sie illustriert aber auch, wie kreativ Niedermair die Mittel der Grafik einzusetzen weiß. Fünf Skulpturen gliedern die Ausstellung und setzen die Marksteine für den Eintritt in jede der fünf Episoden.

Es ist nur konsequent, dass sich Gerhard Niedermair für die Ausstellung mit einem Literaten zusammengetan hat, nämlich mit dem Autor Werner Kafka, der derzeit in Bergkirchen lebt. Er liest aus seinem Roman "Öxing, die nicht ganz fiktive Chronik eines Dorfes" sowie aus seinem Kurzgeschichtenband "Wie der Leidl-Mausi in den Bach gefallen ist - Liebeserklärung an eine Sackgasse". Es sind Geschichten aus dem Alltag, wie sie Niedermair auch erzählt - mit ganz anderen Mitteln, aber einer ähnlich zugewandten Art wie Kafka.

"Es muss gut aussehen", sagt der Künstler Gerhard Niedermair über seine Werke, die er mit verschiedenen Techniken verfremdet.

(Foto: Toni Heigl)

"Grenz-Gänge", Ausstellung von Gerhard Niedermair im Dachauer Wasserturm. Vernissage am Freitag, 25. Oktober, um 19 Uhr. Im Anschluss um 20 Uhr findet eine Autorenlesung mit dem Schriftsteller, Reisebuch-Autor und Fotografen Werner Kafka statt. Öffnungszeiten der Ausstellung Freitag 16 bis 20 Uhr und Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 19 Uhr. Zu sehen bis 3. November.

© SZ vom 24.10.2019

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