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Kultur in Dachau:Umgarnte Zimmerecken

Die Neue Galerie zeigt Werke von Mojé Assefjah und Anne Sterzbach. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Was sie verbindet, ist die Lust an Illusion und Täuschung

Keine weiße Wand ist wie die andere. Jede hat ihre eigene Struktur. Anne Sterzbach ist Spezialistin darin, diese zu erkennen und mit ihr zu arbeiten. Mit Wollfäden umgarnt sie Zimmerecken, lotet Räume und Entfernungen aus, betont mit Filzflecken eine verschämt überstrichene Strombuchsenabdeckung, verstärkt das Schiefe, das Unebene. Gemeinsam mit Mojé Assefjah stellt sie derzeit in der Neuen Galerie in Dachau aus. Kuratorin Jutta Mannes hat hier zwei Künstlerinnen zusammen geführt, die zwar gleich alt sind - Ende 40 - aber sonst anscheinend wenig gemeinsam haben.

Anne Sterzbachs Werk ist subtil.

(Foto: Toni Heigl)

Da hängt ein Knopf an der Wand. Ein Mantelknopf mit braunem Leder überzogen. Er bildet ein Ensemble mit zwei eierschalfarbenen und einem dunkelblauen Quadrat aus auf Kärtchen gewickeltem Wollgarn und zwei Waschlappen, auch dunkelblau, leicht versetzt zueinander auf dem Boden und an der Decke angebracht. Deko oder grandioser Quatsch? Manch ein Besucher wird sich gar verschaukelt vorkommen. Gegen dieses Gefühl hilft: noch einmal hinschauen, länger hinschauen und sich von Sterzbachs bestrickenden Ideen umgarnen lassen.

Lange Nacht der offenen Türen

DIe neue Galerie.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mojé Assefjahs Werke sind große, die Wände für sich beanspruchende Malereien. Ihre Farben regieren den Raum. Die Bilder erscheinen wie Fenster, die sich zu einem weiten Ausblick öffnen. Assefjah mischt ihre Farben selbst an, sie arbeitet durchweg mit Eitempera, nur so kann sie die Farbtöne selbst bestimmen, die sie meist auf Leinwand, seltener auf Holz aufbringt. Das menschliche Auge, gewöhnt daran, Strukturen zu suchen und Bekanntes in Umrisse hinein zu deuten, erkennt vielleicht Stoffrollen, Schleifen, Blüten, Berge. Dabei lassen sich die Bilder auch als kraftvolle, überbordende Farbstudien, als die reine Lust an einer wohl geordneten Buntheit verstehen.

Lange Nacht der offenen Türen

Mojé Assefjah (l.) und Anne Sterzbach im Gespräch mit Wilhelm Warning.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Vor Kraft strotzende Bilder also in einer Verbindung mit zurückhaltenden, beinahe schüchternen Werken? Das wäre eine allzu offensichtliche Täuschung. Assefjahs Askese liegt bei aller Opulenz der Pinselschwünge in ihren genau überlegten, fein nuancierten und genau abgestimmten Farbverläufen. Sterzbachs Kraft liegt in ihrer Einmaligkeit. Ihre Werke sind nicht wiederholbar, sie entstehen aus genauen Studien des Raumes. Sie nehmen ihre Umgebung auf, schaffen Blickverbindungen und gehen auch auf Assefjah ein.

In Mojé Assefjahs Bildern glaubt man zu versinken.

(Foto: Toni Heigl)

Die beiden Künstlerinnen haben sich erst bei der Vorbereitung der gemeinsamen Ausstellung kennen gelernt. Mojé Assefjah, 1970 in Teheran geboren, wuchs in Deutschland auf, studierte in München und wird heute von der Münchner Galerie Tanit vertreten, die auch Leihgeberin der meisten Werke in der Neuen Galerie ist. Durch Tanit ist Assefjah in der ganzen Welt vertreten, stellte wiederholt in Beirut aus, aber auch in Iran und in den Arabischen Emiraten. Mit ihren Bildern fuhr die Galerie auf verschiedene europäische Messen wie die Swab in Barcelona. Anne Sterzbach, geboren 1969 in Bayreuth, lebt in Nürnberg, wo sie auch studierte und wiederholt ausstellte.

Kosmopolitin trifft Lokalheldin. Die Gegensätze scheinen riesig zu sein. Doch es zeigt sich, dass beide sehr genau, mit viel Überlegung komponieren. Was bei Assefjah temperamentvoll wirkt, wird zuvor mit Bleistift gewissenhaft skizziert. Anne Sterzbachs Werk täte man ebenso Unrecht, es auf seine dekorative Wirkung zu beschränken. Es sind mehr als über die Wände verteilte Kurzwaren. Die kleinen Objekte und vor allem ihre exakte Farbwahl zwischen unscheinbar und beinahe mit der Wand verschmelzend oder kontrapunktisch leuchtend, folgen einer Logik, die ihnen ihre Umgebung vorgibt. Aber nicht nur. Die Garnrollen und die Fäden strukturieren den Raum auch selbst. Sterzbach spinnt sich ihren Raum zurecht. Ergründen wird man ihr Netz genauso wenig, wie Assefjahs Farbenstrudel. Ein bisschen Magie muss sein. Humor ist auch dabei.

Jutta Mannes ist es gelungen, die so gegensätzlichen Werke in eine Beziehung zueinander zu setzen, von der beide Künstlerinnen profitieren. Sie hebt die Stärken hervor und bringt auf den Punkt, was beide bei aller Verschiedenheit eint: Das Spiel mit Illusionen und Täuschungen. Diese Ausstellung ist eine Schule des Sehens.

Mojé Assefjah und Anne Sterzbach. Neue Galerie Dachau, bis 25. November. Dienstag bis Sonntag und Feiertag 13 bis 17 Uhr. Führungen 21. Oktober und 25. November, Künstlerinnengespräch 21. Oktober. Eintritt frei.