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Kommentar:Profitieren vom Wachstum

Die rasante Bevölkerungsentwicklung ist nicht nur schlecht. Doch die Politik ist gefordert, damit bezahlbarer Wohnraum entsteht.

Ist es schlimm, dass die Bevölkerung im Landkreis Dachau so rasant wächst? Nicht unbedingt. Zuallererst profitieren Region und Menschen von diesem Wachstum. Die wirtschaftliche Lage ist ausgezeichnet. Es gibt kaum Arbeitslose. Auszubildende können jeden Beruf erlernen, den sie wollen. Anders als in anderen Gegenden schließen hier nicht die Schwimmbäder, es entstehen sogar neue. Außerdem wird im Speckgürtel eine Schule nach der anderen gebaut. Das kulturelle Angebot ist grenzenlos. Um gutes Theater zu sehen, braucht man als Landkreisbewohner schon lange nicht mehr nach München fahren. Es ist alles vor der Haustür.

Ja, die S-Bahnen und Straßen sind voll. Morgens und abends kollabiert oft das ganze Verkehrssystem. Und ja, die Politik hat in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig getan. Sie hat die Entwicklung verschlafen und teilweise mit fahrlässigen Entscheidungen die Probleme noch verschärft. Etwa haben Kommunen und der Freistaat Sozialwohnungen verscherbelt. Doch statt so zu tun, als könnten irgendwelche schlauen Konzepte das Wachstum eindämmen, sollte die Politik den Menschen jetzt klarmachen: Ja, unsere Heimat hat sich verändert und wird sich weiterhin verändern. Dörfer werden städtischer. Alle rücken enger zusammen. Doch wir profitieren auch davon.

Politiker sehen sich ja gerne als Steuermann. Angesichts des Bevölkerungswachstums will Bayerns Innenminister Joachim Herrmann die "Zuwanderung positiv steuern". Doch das wird scheitern. Wo die Politik tatsächlich gegensteuern muss, ist, dass sich Menschen jeder Gehaltsklasse und jeden Alters das Leben im Landkreis und anderswo leisten können. Es muss viel mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen, egal wie viel das kosten wird. Hier sind alle gefordert, der Bund, das Land und die Kommunen, die letztendlich entscheiden, wo Wohnungen und Häuser gebaut werden. Auch private Grundstückseigentümer und Vermieter sind gefragt. Die Gentrifizierung, wie man sie in der Stadt München erleben kann, darf nicht weiter fortschreiten. Die Mieten, Haus- und Grundstückspreise sind viel zu hoch. Aber noch muss im Vergleich zu London oder New York in der Münchner Region kaum jemand auf der Straße schlafen. Das muss auch in 20 Jahren so sein.

© SZ vom 04.01.2019
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