bedeckt München 11°
vgwortpixel

Karlsfeld:Zeeshan Haider will bleiben

Flüchtling als Azubi

Lehrherr mit Lehrling: Michael Gold und der Flüchtling Zeeshan Haider.

(Foto: Asylhelferkreis Karlsfeld)

Der 20-jährige Pakistani hat schon Deutsch gelernt, ist gelernter Grafiker und will seine Ausbildung bei Michael Gold in Karlsfeld vertiefen. Aber er soll abgeschoben werden, weil sein Heimatland als sicherer Herkunftstaat gilt. Jetzt hoffen beide darauf, dass die Behörden mit dem jungen Mann ein Einsehen haben

Er hat einen festen Arbeitsplatz. Und Deutsch spricht er auch. Er hat in seinem Heimatland in Pakistan bereits eine Ausbildung als Grafiker absolviert. In Karlsfeld möchte er seine Fähigkeiten vertiefen und dazulernen. Trotzdem soll der Flüchtling Zeeshan Haider abgeschoben werden. Jetzt hofft der Asylhelferkreis in Karlsfeld, dass der 20-jährige Mann so viel Glück hat wie die Flüchtlinge in dem Film "Willkommen bei den Hartmanns".

Michael Gold, dem in Karlsfeld die Firma Outsign gehört, hat Zeeshan Haider angestellt. Wie der Unternehmer erzählt, bemühte er sich lange Zeit um einen Flüchtling als Auszubildenden. Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte er Erfolg, dank des Wirtschaftsförderers im Karlsfelder Rathaus, Peter Freis, und des Helferkreises Karlsfeld. Allerdings musste der Grafiker erstaunt feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, einen Flüchtling zu engagieren. Er musste zahlreiche bürokratische Hürden nehmen: "Man wird als Arbeitgeber von den deutschen Behörden auf Trab gehalten." Über seinen Lehrling sagt Michael Gold: "Er ist sehr begabt und analysiert sich selbst." Anscheinend haben sich da zwei gefunden, die zusammenpassen. "Das ist meine Lieblingsarbeit, und er ist ein sehr netter Chef", freut sich Zeeshan über seinen Arbeitsplatz.

Mehr Verhör als Anhörung

Nach einer fünfstündigen Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ist die Stimmung bei beiden ziemlich getrübt. Denn die Behörde hat Zeeshans Asylantrag abgelehnt. Das Entwicklungsland Pakistan gilt offiziell als sicheres Herkunftsland. Flüchtlinge, die von dort aus nach Deutschland kommen, haben in der Regel nur eine sehr geringe Chance auf Anerkennung als Asylsuchende. "Das war weniger eine Anhörung als viel mehr ein Verhör", fasst Michael Gold die offiziell als Gespräch titulierte Zusammenkunft in der Behörde zusammen.

Eigentlich gilt bundesweit die so genannte Drei-Plus-Zwei-Regelung, wonach Flüchtlingen während einer dreijährigen Ausbildung eine Duldung und für die zwei darauffolgenden Jahre ein Aufenthaltsrecht zuerkannt wird. Dadurch soll sowohl Flüchtlingen als auch Arbeitgebern mehr Sicherheit geboten werden. Trotzdem soll Zeeshan Deutschland und Karlsfeld verlassen. Seine Betreuerin vom Asylhelferkreis, Heike Tempel, ist sich aber sicher, dass ihr Schützling, zumindest rechtlich gesehen, für die nächsten fünf Jahre in Deutschland bleiben darf. "Was die Flüchtlinge hier bei uns brauchen, sind Sicherheiten und politische Klarheit", sagt sie. "Wir haben einige Arbeitgeber, die gern bereit sind, Asylbewerber zu beschäftigen. Aber auch sie müssten sich sicher sein, dass ihre Angestellten nicht jederzeit wieder abgeschoben werden können." Tempel glaubt fest daran, "dass es langsam besser wird".

Wut und Hilflosigkeit

Gegen die Entscheidung des Bundesamts haben Zeeshan Haider und Michael Gold Widerspruch eingelegt. Laut Gold gibt es so viele vergleichbare Fälle, die juristisch ausgehandelt werden müssen. Es sei nicht einfach gewesen, einen Anwalt zu finden, der sich mit Asylrecht auskenne und freie Kapazitäten habe. In München sind die beiden dann doch fündig geworden. "Ich werde auf jeden Fall bei der Verhandlung dabei sein und klarstellen, wie er sich engagiert und wie er sich bei uns einlebt", sagte Gold. Doch wann die Verhandlung stattfindet und wann Zeeshan erfährt, ob er langfristig in Deutschland bleiben darf oder ob er zurück nach Pakistan muss, weiß niemand so genau. "Es kann in zwei Wochen soweit sein, aber auch erst in einem Jahr", sagt Gold.

Auch für Zeeshan sei es seit seiner Anhörung nicht leichter geworden. "Natürlich hatte er erst mal einen Einbruch. Aber was soll man machen, es muss ja irgendwie weiter gehen", sagt Gold. Inzwischen konnte er seinen Schützling wieder einigermaßen motivieren, sodass er etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blickt. Die Wut und Hilflosigkeit kann Zeeshan dennoch nicht ganz unterdrücken. Der Unternehmer sagt: "Klar kommt man sich verhöhnt vor, wenn alles über den eigenen Kopf hinweg entschieden wird."

Karlsfelder Helferkreis schließt sich Resolution an

Elfriede Peil, Sprecherin des Helferkreises Karlsfeld, sieht die Zeit gekommen, politisch aktiv zu werden: "Bei den Helferkreisen handelt es sich keinesfalls um parteipolitische Institutionen, bei uns sind Mitglieder aus allen möglichen Parteien vertreten, aber es ist langsam an der Zeit, Stellung zu beziehen." Die derzeitige Einstellung der bayerischen Regierung bezeichnete Peil, besonders im Hinblick auf den Fall von Zeeshan Haider, als "völlig unsinnig". Warum sich der Freistaat dagegen sperre, jemanden, der arbeiten wolle und sogar einen Arbeitsplatz habe, arbeiten zu lassen, erschließe sich ihr einfach nicht.

Mehr als 50 Helferkreise aus Oberbayern, die sich für die Belange von Asylsuchenden einsetzen, haben sich zusammengeschlossen und die "Tutzinger Resolution" verabschiedet. Darin wenden sie sich an den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und fordern von der Regierung des Freistaats: "Kein Arbeitsverbot für Asylbewerber, keine Restriktionen bei Bildungsangeboten und Ausbildung sowie keine Abschiebung in der gegenwärtigen Situation nach Afghanistan." Die Resolution, der sich auch der Karlsfelder Helferkreis angeschlossen hat, soll demnächst dem Innenminister überreicht werden.

© SZ vom 09.02.2017/lela
Zur SZ-Startseite