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Karlsfeld:Flucht als Baby, Rückkehr als Rentner

Günter Meikis, 73, sitzt seit 1990 für die SPD im Gemeinderat.

(Foto: Jørgensen)

Günter Meikis besuchte mit 70 Jahren erstmals wieder seine ostpreußische Heimat

Ich war noch ein kleiner Junge, zwei Jahre und drei Monate alt, da begann unsere Flucht aus der ostpreußischen Hafenstadt Memel. Wir waren fünf Geschwister. Ich kann mich an die Zeit kaum erinnern, ich weiß davon nur aus den Erzählungen meiner Eltern und meiner älteren Geschwister. Wir sind aus Angst geflohen: Es war bekannt, dass die Russen Rache nehmen und alles niedermachen, was ihnen in den Weg kommt. Was wir besaßen, wurde alles vergraben. Nach der Flucht wollten wir über die Ostsee, aber auf die Gustloff sind wir nicht mehr gekommen, Gott sei dank. (Das Schiff wurde im Januar 1945 versenkt, vermutlich von einem sowjetischen U-Boot, mehr als 9000 Menschen starben; Anm. d. Red.) Unser Onkel verschaffte uns Plätze auf einem Minensuchboot, damit kamen wir über die Ostsee. Dann ging es mit der Eisenbahn von Berlin nach Prag. Oft musste man tagelang warten, bis ein Zug kam. Als Dresden bombardiert wurde, waren wir gerade auf den Elbwiesen, das waren traumatisierende Erinnerungen.

Von Prag ging es dann weiter nach Österreich. Am 5. Mai, drei Tage vor Kriegsende, fand uns unser Vater. Desertierte Soldaten wurden von den Österreichern verraten und von der SS kaltblütig erschossen. Mein Vater hielt sich die letzten drei Tage unter einer Matratze versteckt, bis der Krieg aus war, sonst hätten sie ihn womöglich auch noch verraten. Den ersten Herbst bis zum Winter verbrachten wir noch in Österreich. Es war eine schlimme Zeit. Die Österreicher waren auf einmal gegen die Deutschen. Angeblich waren sie selbst ja nie Nazis gewesen. Meine Geschwister mussten zum Betteln gehen, oft gab es nur Kartoffelschalensuppe.

Meine Erinnerung setzt erst ein Jahr später ein, da war ich drei. Im Oktober 1945 kamen wir im Lager 3 in Allach an. Uns wurde eine Ecke zugewiesen - meiner Mutter, meiner Großmutter und meinen Geschwistern; da war auch nichts abgeteilt. Weil wir so viele Kinder waren, wurde uns später eine Wohnung zugewiesen. Es war eine Baracke mit Plumpsklo. Im darauffolgenden Sommer gab es eine Windhose. Das Dach wurde abgehoben, und wir waren wieder obdachlos. Dann kamen wir nach Karlsfeld ins sogenannte Würmlager. Mein Vater hatte inzwischen eine gute Arbeit bei BMW bei den Amerikanern. Das Würmlager war ein von Kriegsgefangenen aufgebautes Steinbarackenlager. Es war komfortabel, mit fließend Wasser, warm und kalt, und mit richtigen Toiletten.

Die Kinder von Karlsfeld gingen anfangs ins Gasthaus "Zur Lüfte" in die Schule Das waren fünf, sechs Kilometer. Es gab keinen Bus, nichts. Wir mussten zu Fuß tippeln. Um zwölf Uhr klopften schon die Kneipenbrüder an den Gastraum und wollten rein. Die ersten vier Klassen waren in einem Raum und die höheren zusammen in einem anderen. In manchen Stunden waren alle acht Klassen zusammen.

Meine Eltern zogen später in die Vogelloh. 1966 habe ich geheiratet, wir sind dann in die Wehrstaudenstraße gezogen. Ab da war ich ein richtiger Karlsfelder. Der Bezugspunkt war aber davor schon Karlsfeld gewesen: Der Sportverein war in Karlsfeld, die Schule war in Karlsfeld, also war ich im Grunde seit 1946 Karlsfelder. Ich war voll integriert, ich habe mit den Bauernbuben bairisch geredet, es gab ja nicht viele Bayern im Ort. Der überwiegende Teil der Klasse waren Flüchtlinge, die meisten aus Schlesien, Pommern und weiß Gott woher. Man hat sich sehr schnell eine Position erarbeitet und war dann geachtet. Mit einem habe ich mal gerungen, um zu sehen, wer stärker ist. Es endete unentschieden.

Hier in Karlsfeld haben wir uns immer sehr wohl gefühlt, hier haben wir unsere Freunde und Verwandte. Bei MTU habe ich meinen Arbeitsplatz gefunden, habe Sport gemacht und Theater gespielt. Man war immer mitten unter den Bürgern. Deswegen bin ich auch auf Anhieb in den Gemeinderat gekommen, obwohl ich sehr weit hinten auf der Liste kandidiert habe.

Wenn man jetzt die Bilder der Flüchtlinge sieht, entwickelt man schon ein Mitgefühl mit den armen Leuten. Die Leute fliehen da hin, wo es ihnen besser geht. Natürlich muss man das politisch regeln, das kann Deutschland nicht alleine schultern. Auch andere Länder der EU müssen ihren Beitrag leisten. Über das Engagement der Karlsfelder für die Flüchtlinge bin ich sehr erfreut. Ich bin aber auch neugierig, wie viele dabei bleiben. Zwei meiner Töchter machen auch mit. Ich habe sie gefragt, warum sie das tun. Sie haben geantwortet, sie wollen einfach nur helfen.

An der Ostsee in Memel ist es übrigens sehr schön, hat man mir gesagt: weißer Sand, fein wie Puderzucker. 68 Jahre später, als ich 70 war, konnte ich mich selbst davon überzeugen: Man kann den Sand kaum fassen, so leicht rinnt er einem durch die Finger. Als ich dorthin kam, war mir gleich etwas vertraut: der Geruch der Mischwälder, der Geruch des Wassers. Es war ein Gefühl wie: Jetzt bin ich daheim.