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Karlsfeld:Ein Vorbild

Josef Koller auf dem Karlsfelder Seeberg mit Blick aufs Biotop. Immer mit dabei: das Fernglas zur Beobachtung von Vögeln.

(Foto: Archiv Niels P. Jørgensen)

BN erinnert an Naturschützer Josef Koller

Wer je mit Josef Koller durch sein "geliebtes Schwarzhölzl" - so auch der Name eines seiner wunderbaren Bildbände - gestreift ist, wird nie wieder eine noch so unscheinbare Pflanze am Wegrand niedertrampeln oder gar ausreißen. Er wird den Gesang der Vögel schätzen und respektvollen Abstand von deren Nestern halten. Vor bald zehn Jahren, am 12. Mai 2010, ist der Mann, der auf gut 180 Führungen sehr vielen Menschen die Natur nahebrachte, gestorben. 67 Jahre war Koller, der Mitbegründer des Bund Naturschutz (BN) im Landkreis Dachau, bei seinem überraschenden Tod alt. "Er ist für uns immer noch Vorbild und Anregung", sagt der BN-Kreisvorsitzende Roderich Zauscher aus Anlass von Kollers Todestag, an den auch die Gemeinde Karlsfeld mit einer Würdigung seiner Verdienste auf ihrer Homepage erinnert.

Josef Koller, der sein ganzes Leben lang weder ein Telefon noch ein Auto besaß, war ein Mensch, der ohne Natur nicht leben konnte. Und umgekehrt würde es wohl viele Biotope und Schutzgebiete - etwa das Schwarzhölzl oder das Weichser Moos - nicht geben ohne den unermüdlichen Einsatz des früheren Postboten, dessen Bezirk der Münchner Stadtteil Nymphenburg mit dem Botanischen Garten gewesen war. Er war schon Umweltschützer, bevor es diesen Begriff gab. Die Liebe zu den Vögeln hatte er von seinem Vater geerbt, der, ebenfalls Briefträger von Beruf war und 1950 mit Frau und dem achtjährigen Sepp aus München ins damals noch ländliche Karlsfeld zog.

Hier entdeckte der Bub, der mit 15 seine Ausbildung bei der Post begonnen hatte, das nahe Schwarzhölzl, eignete sich autodidaktisch ein enormes ornithologisches und botanisches Fachwissen an und verbrachte bald jede freie Minute draußen in seinem Wald, dem man trotz aller Trockenlegungsmaßnahmen, die schon im 19. Jahrhundert ihren Anfang genommen hatten, noch ansah, dass er zum Dachauer Moos gehörte, das sich einst von Aubing bis Freising erstreckte.

Um das Schwarzhölzl, dieses wertvolle Stück Natur am Ortsrand Karlsfelds, dauerhaft zu sichern, stellte Koller schon 1965 einen Antrag, das Waldstück und seinen Umgriff unter Naturschutz zu stellen - allerdings vergeblich. Es dauerte weitere 29 Jahre, bis das rund sechs Quadratkilometer große Naturschutzgebiet, das überwiegend auf Münchner und Oberschleißheimer Flur liegt, 1994 endlich eingerichtet wurde, diesmal auf Antrag der Regierung von Oberbayern. Dramatisches war in dieser Zeit bereits passiert: 1970 wurde die Ruderregattastrecke für die Olympischen Spiele mitten im Schwarzhölzl angelegt. Dadurch sank der Grundwasserspiegel im einstigen Moorgebiet um weitere zwei Meter ab. Koller zählte 20 Vogelarten, die in der Zeit zwischen den beiden Anträgen verschwanden. Auch Kreuzottern waren nicht mehr zu finden.

Koller engagierte sich bald nicht mehr allein für das Schwarzhölzl: Er beschrieb in seinem ersten Buch die "Vogelwelt im Dachauer Moos und im Allacher Forst", einem ebenfalls unter Naturschutz gestellten Lohwald-Relikt. Und er half, das Weichser Moos zu schützen. Sein vielfältiger Einsatz für die Natur blieb schließlich bei Politik und Behörden nicht mehr unbemerkt: Der "Koller Sepp" erhielt zahlreiche Auszeichnungen, das Bundesverdienstkreuz, die Bayerische Umweltmedaille, die Goldene Verdienstnadel des Bund Naturschutz und die Karlsfelder Bürgermedaille. 1984 empfing er den hochdotierten Bruno-H.-Schubert-Preis für seine Bestandserhebungen über die Vogelwelt im Moos. Koller kaufte eine Wiese in den Amperauen und sorgte dafür, dass ein artenreiches Biotop mit Orchideen und anderen seltenen Blumen entstehen konnte.

Das passt zu dem Mann, der schon in seiner Bundeswehrzeit für Essensmarken Schallplatten mit Vogelstimmen erwarb. Koller, der weder Frau noch Kinder hatte, vererbte sein Haus und Grundstück dem von ihm einst mitbegründeten BN-Kreisverband Dachau. Aus dem Erlös dieses Vermächtnisses konnten Flächen erworben und für die Natur erhalten werden. Da sind zum einen Areale im Krenmoos in Karlsfeld nahe dem Schwarzhölzl, zum anderen ist es ein 25 Hektar großes "ausgesprochen erfolgreiches Naturschutzprojekt im Palsweiser Moos und im Fußbergmoos", wie Zauscher erklärt. Momentan versuche man im angrenzenden Bereich weitere Grundstücke für ein Wiesenbrüterprojekt zu erwerben. "Insgesamt haben wir mit Kollers materiellem Erbe viel mehr erreicht, als anfangs erwartet", versichert der BN-Kreischef. Der Bund Naturschutz setzte denn auch bereits 2012 an Kollers zweitem Todestag einen Gedenkstein für ihn im Schwarzhölzl an den Berg, der durch den Aushub der Regattastrecke entstanden war. Koller hatte dafür gesorgt, dass dieser mit seltenen Blumen, Kräutern und Gehölzen bepflanzt wurde. Schon vorher hatte die BN-Ortsgruppe Dachau zu seinem Gedenken einen Stein am Rand der "Bruno-Schubert-Wiese" an der Amper bei Feldgeding gestiftet.

Koller hat die Natur und speziell seine Biotope nicht nur gepflegt und geschützt, sondern auch fotografiert. Im Keller seines Hauses an der Heidestraße bewahrte er zahllose Fotos und Dias auf. Auch fünf üppig bebilderte Bücher zeugen von dieser Leidenschaft. Unermüdlich betätigte sich Koller zudem als Führer durch die Natur, der den Teilnehmern geduldig seltene Pflanzen zeigte oder ihnen Vogelstimmen erläuterte. Bei solchen Exkursionen hatte man bisweilen Gelegenheit, den sehr umgänglichen und geselligen Naturfreund, der überdies ein echter Menschenfreund war, richtig zornig zu erleben: Wenn er nämlich entdeckte, dass ein Frevler im Naturschutzgebiet wieder einmal eine streng geschützte Pflanze ausgegraben hatte.

© SZ vom 09.05.2020

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