Ihr größter Auftritt seit Bandgründung:Helden des Jazz

Die Bigband Dachau spielt auf dem berühmten Festival in Montreux neben Weltstars wie Herbie Hancock. Mit ihrem Auftritt wirbt sie auch für die "Kulturstadt Dachau". Das junge Ensemble kann sein Glück kaum fassen

Von Gregor Schiegl

Die Bigband Dachau tritt beim Montreux-Jazz-Festival auf, einem der renommiertesten und größten Jazz-Festivals der Welt. "Wir können es selbst noch gar nicht glauben", sagt Schlagzeuger Jan van Meerendonk. "Das ist das Nonplusultra." In diesem Jahr sind in dem Schweizer Ort internationale Größen zu Gast wie Herbie Hancock, Tom Jones oder Macy Gray. Die Bigband Dachau spielt am Freitagabend, 14. Juli, etwa eineinviertel Stunden lang auf einer Open-Air-Bühne auf dem Festivalgelände. Es ist ihr zweiter großer internationaler Auftritt nach dem Konzert im deutschen Pavillon bei der Weltausstellung Expo 2015 in Mailand. Auch Kulturamtsleiter Tobias Schneider freut sich über den Coup: "Für die Kulturstadt Dachau ist das eine große Anerkennung."

Die Dachauer Bigband setzt sich vor allem aus Musikschülern und -studenten zusammen; die meisten sind um die zwanzig. "Wir sind ein junger, verrückter Haufen, der auch Nachwuchsarbeit betreibt", sagt Schlagzeuglehrer und Bandmitglied Jan van Meerendonk. Gegründet wurde die Bigband 2010 von Jörg Hartl als Ensemble unter dem Dach der Knabenkapelle Dachau. Bis dahin gab es keine Band dieser Art im Dachauer Raum. Anfangs orientierte sich die Band in ihrem Repertoire vor allem an den Standards von Swing-Legende Count Basie. Doch dem Ensemble war das zu wenig: Zu ihrer Musik sollte auch wieder getanzt werden wie einst im Tanzclub, wo der Bigband-Jazz seinen Ursprung genommen hat.

Diese Leidenschaft reißt das Publikum mit

Eingebettet in der klanggewaltigen Besetzung eines großen Jazzorchesters mit zwei Schlagzeugern, Synthesizern und Keyboards, kompletter Rhythmus- und Bläsersektion, zeigen die jungen Musiker auch keine Berührungsängste mit Elektro-Sounds und pulsierende Techno-Bässen, um ihrer Musik noch mehr Dampf zu geben. Längst hat die Bigband Dachau zahlreiche Eigenkompositionen, die Bigband-Leiter Tom Jahn komponiert und arrangiert hat, die aber teilweise auch im freien Zusammenspiel entwickelt wurden.

Bigband Dachau

Ein modernes Hochleistungsgebläse des Jazz: die Bigband Dachau beim Amperitiv-Festival 2016.

(Foto: Simon Steinhuber)

"Bei uns passiert relativ viel über Improvisation", sagt Jan van Meerendonk. Sogar bei den Auftritten entspringt vieles der Inspiration des Augenblicks. Bandleader Tom Jahn kanalisiert diese Energie. "Er wirft uns die Phrasen regelrecht zu", sagt der Schlagzeuger, und wenn man die Bigband einmal live gesehen hat, wird verstehen, warum Tom Jahn auch "Tom Tornado" genannt wird. Er reißt die Arme hoch, wirbelt herum. Manchmal fühlt man sich an einen wild gewordenen Fußballtrainer an der Seitenlinie beim Finalspiel erinnert. Aber diese Leidenschaft ist es ja auch, die auf die Band überspringt und das Publikum mitreißt, die auch dazu führt, dass Auftritte in Clubs wie dem "Milla" in München ausverkauft sind.

"So einfach ist das?"

"Alle sind mit Herzblut dabei", sagt Schlagzeuger van Meerendonk, im Bewusstsein, dass die Dachauer Bigband in ihrem Genre etwas Besonderes darstellt. Dass sie in Montreux auftreten würden, hätte aber auch er sich nicht träumen lassen, trotz zwei veröffentlichter CDs und einer Auszeichnung bei "Jugend jazzt". "Wir haben uns beworben, ohne viel Hoffnung, dass das klappt", erzählt Meerendonk. Ein Anschreiben auf Französisch und ein Video vom Auftritt der Band beim "Digitalanalog-Festival 2016" am Münchner Gasteig überzeugte die Organisatoren offenbar. Am 20. März traf die Einladung aus der Schweiz ein und löste Staunen aus. "So einfach ist das?" Eine kleine Schrecksekunde gab es nur, als die Veranstalter fragten, ob die Bigband nicht auch noch gleich am Samstag in Montreux auftreten könnte. An diesem Abend sind sie aber schon in Puchheim gebucht - was zum Glück an der Zusage für den Auftritt am 18. Juli nichts ändert.

Jetzt sind natürlich alle aus dem Häuschen, alle wollen unbedingt mitfahren. "Es ist das erste Mal in unserer Band-Geschichte, dass alle Zeit haben", sagt Meerendonk. Auf der Bühne könnte es ziemlich eng werden: Die vollständige Bigband Dachau zählt 32 Mitglieder. Dass sie "Dachau" im Namen tragen, führte anfangs öfter zu Irritationen und kritischen Kommentaren, berichtet Jan Meerendonk. "Aber Dachau ist nun mal die Stadt, wo wir wohnen, wo wir herkommen." Bei Auftritten im Ausland sagen sie manchmal ein paar erklärende Worte zu ihrer Stadt. "Das wird inzwischen überwiegend positiv aufgenommen."

Botschafter für die Stadt

Kulturamtsleiter Tobias Schneider sieht in der Bigband Dachau "super Botschafter" für die Stadt. Keine Dachauer Band absolviere so viele Auslandsauftritte und begeistere so viele Leute wie sie. Man könnte sie als das lokale Komplementär zu den internationalen Künstlern bezeichnen, die jedes Jahr beim Dachauer Musiksommer auftreten und denen Schneider vor dem Auftritt auch gerne mal persönlich die Stadt und die KZ-Gedenkstätte zeigt. Bei dieser Gelegenheit erklärt er ihnen auch, wie Dachau seine neue Rolle als Lern- und Erinnerungsort gefunden hat, damit die Welt sieht: Dachau stellt sich seiner historischen Verantwortung.

Trotz ihres Renommees ist den Mitgliedern der Bigband der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Sie sind und bleiben vor allem eine Band mit starker lokaler Verwurzelung. So haben sie auch keine Sekunde gezögert, als der Pfarrverband von Sankt Jakob an sie herangetreten ist, ob sie nicht ein Benefizkonzert zugunsten der Dachauer Turm- und Außensanierung spielen könnten. Meerendonk: "Da konnten wir natürlich nicht nein sagen."

Benefizkonzert am Mittwoch, 26. April, Beginn 19 Uhr, Einlass 18.30 Uhr, Ludwig-Thoma-Haus Dachau. Eintritt 10 Euro, Schüler, Studenten 8 Euro, Karten an der Abendkasse.

© SZ vom 15.04.2017/lela
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