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Hommage an Frida Kahlo:Die Mutmacherin

Mit Papierkulissen, Glasperlen und vielen farbenfrohen Bildern erzählt Linda Mössner die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Frida Kahlo.

(Foto: Toni Heigl)

Linda Mössner erzählt in ihrem farbenfrohen Papiertheaterstück "Viva la vida" eindrücklich und einfühlsam die Geschichte der Malerin Frida Kahlo jenseits von Starkult und Verkitschung

Diese Stimme klingt klar, bestimmt, überzeugt, von dem was sie sagt und sehr überzeugend. Kaum zu glauben, dass es sich dabei um Frida Kahlo handeln soll. Erst kürzlich wurde das Tonfragment in der Fonoteca Nacional de México, dem Nationalen Audioarchiv Mexikos, entdeckt. Noch prüfen Forscher, ob es sich bei der Frau, die in diesem Rundfunkbeitrag über den Maler Diego Rivera spricht, tatsächlich um die weltbekannte Malerin handelt. Doch auch ohne authentische Stimme wirkt Frida Kahlos Leben und Werk fort - jenseits allen Starkults, der seit ihrer "Wiederentdeckung" um sie betrieben wird. So auch am Samstagabend bei einem in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichen Streifzug durch ihr Leben. "Viva la vida - Es lebe das Leben" hieß es im mit Papierblumen, Girlanden, Kerzen und vielen Lichterketten stimmungsvoll dekorierten Carport der Leporello Company in der Wieninger Straße. Dort hatte Linda Mössner ihr Kamishibai aufgebaut. Diese Form des Papiertheaters stammt aus Japan, hat eine Jahrhunderte lange Tradition und lässt sich am ehesten mit den Bildtafeln von Bänkelsängern früherer Zeiten vergleichen, die diese auf Märkten zur Illustration ihrer Geschichten verwendeten.

Linda Mössner hat ihr kleines Kamishibai blau gestrichen und mit allerlei tropisch anmutendem Gewächs umrankt. Sie öffnet die Theatertüren, und schon sind die Zuschauer mitten im Garten der Casa Azul, dem blauen Haus in Coyoacán, einem Stadtteil von Mexiko-Stadt. Dieses Haus war das lebenslange Refugium Frida Kahlos - und ist heute ein ihr gewidmetes Museum. Auf die Malerin mit der Monobraue und dem Oberlippenflaum, der strengen Frisur und der farbenfrohen Kleidung stimmt derzeit auch eines von Margot Krottenthalers "MyARTerl" an der realen Hausecke in der Wieninger Straße ein. Mit ihnen erinnert Krottenthaler im Rahmen der großen "Raus"-Freiluft-Ausstellung der Künstlervereinigung Dachau an Künstler, die ihr wichtig sind. Und zu denen gehört eben auch Frida Kahlo. Was wiederum erklärt, warum Krottenthaler diesen Abend ihr gewidmet und Linda Mössner eingeladen hat.

Mit sanfter Stimme entführt Mössner in den Zaubergarten der Casa Azul, lässt Vögel zwitschern und Regen rauschen. Viele bekannte Bilder Kahlos und weniger bekannte Fotografien sind die Kulissen für die Stationen eines Lebens, das geprägt war von Krankheiten, großen und kleinen Lieben, von Sucht und Sehnsucht. "Nichts ist fürs Leben wichtiger als das Lachen. Lachen bedeutet Stärke, Selbstvergessenheit und Leichtigkeit. Tragödien sind dagegen albern." So wird Frida Kahlo oft zitiert. Da müssen Berufspessimisten und Körperoptimierer unserer Tage ganz tapfer sein, weil ihnen diese Frau vorgelebt hat, wie das gehen kann.

1907 wird Frida Kahlo geboren. Ihr Vater Carl Wilhelm Kahlo war aus Pforzheim nach Mexiko ausgewandert, er war ein erfolgreicher Fotograf und hatte in zweiter Ehe Matilde Calderón y Gonzalez geheiratet. Frida ist gerade mal sechs Jahre alt, als sie an Kinderlähmung erkrankt. Als "Frida Holzbein" verhöhnen sie später ihre Mitschüler. Doch sie wehrt sich auf ihre Art, wird für den Vater von sechs Mädchen "der Junge in der Familie", wie Mössner erzählt. Frida will Medizin studieren, ist am 17. September 1925 mit ihrem Freund Alejandro Gómez Arias mit dem Bus unterwegs, als der mit einer Straßenbahn zusammenstößt. Man mag kaum mehr hinhören, so eindringlich schildert Mössner, was geschieht: Frida wird von einer Haltestange durchbohrt, erleidet unzählige Knochenbrüche, muss monatelang in der Klinik bleiben, gefangen in Ganzkörpergips und Stahlkorsett. Und malt ihr erstes Bild: "Selbstbildnis mit Samtkleid". Mössner stellt es in den Rahmen ihres Minitheaters - und das Publikum holt ganz tief Luft angesichts dieser stolzen Gestalt, der man so nicht ansieht, was sie alles ertragen musste. "Ihre Kunst ist wie eine Bombe mit einer Schleife" hat Kahlos späterer Mann, der Maler Diego Rivera, einmal gesagt. Treffender hätte wohl niemand die suggestive Kraft beschreiben können, die von diesen Gemälden immer noch ausgeht. Die insgesamt 54 Selbstporträts sind Projektionen ihrer Wünsche und Sehnsüchte, zeigen eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, weder von 39 Operationen und der Amputation eines Beins, noch von finanziellen Krisen. Sie heiratet den notorisch untreuen Malerstar Rivera zweimal, wird Mitglied der kommunistischen Partei Mexikos, lebt eine Zeitlang in den USA, wird berühmter als Rivera, der zum "Mann an ihrer Seite" wird. Sie hat Affären mit Männern und Frauen, ihre mexikanischen Wurzeln werden immer wichtiger für sie. 1953 ist das Jahr ihres größten persönlichen Triumphes. Sie erhält ihre erste Einzelausstellung in Mexiko und lässt sich kurzerhand im Bett dorthin transportieren. 1954 stirbt sie. Linda Mössner zeichnet ein sehr persönliches Bild dieser erstaunlichen Frau, erzählt von ihrer Vorliebe für Süßigkeiten und verteilt welche, berichtet von Fridas Gier nach Schmuck und verschenkt zur Erinnerung mexikanische Glasperlen.

Es sind diese kleinen, liebe- und respektvollen Gesten in einem im besten Sinne geselligen Ambiente, die diesen Abend so besonders machen "Ich hoffe, dass der Ausgang freudig ist, und ich hoffe, nie wieder zurückzukehren", soll Frida Kahlo kurz vor ihrem Tod gesagt haben. Sie ist zurückgekehrt, wenn auch erst in den 1970er Jahren dank engagierter Künstlerinnen der Frauenbewegung. Und sie bleibt; nicht als Schmerzensfrau, als die sie Kritiker gerne mal diffamiert haben, sondern als Mutmacherin, die aus den Konventionen ihrer Zeit ausgebrochen ist und die das Leben in all seinen Facetten gefeiert hat.

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