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Holocaust-Überlebende:Ruth Melcer im Karmel-Kloster

Die Auschwitz-Überlebende Ruth Melcer ist für ihr Kochbuch bekannt. Als Zeitzeugin spricht sie im Karmel-Kloster an der KZ-Gedenkstätte über Auschwitz und ihr Leben danach.

(Foto: Stephan Rumpf)

In Dachau spricht die Zeitzeugin über Auschwitz und die Zeit danach

Ausgerechnet ein Kochbuch - ja, aber was für eines, eine Ausnahmeerscheinung auf dem übersättigten Buchmarkt. Die Auschwitz-Überlebende Ruth Melcer hat 2015 ein Buch der Erinnerung an ihre jüdische osteuropäische Familie geschrieben. Vor allem ihrer Mutter und ihrer Tante ist Werk gewidmet. Sie waren starke Frauen, fantastische Gastgeberinnen und kannten wunderbare Rezepte. "Unser Erbe sind die Geschichten, die Anekdoten und die Tradition. Und viele unserer Traditionen sind eng mit dem Essen verknüpft, besonders an Feiertagen", sagt Ruth Melcer, die aus Polen stammt. Die authentischen Familienrezepte sind mit Erinnerungen und Geschichten verwoben, die Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München, verfasst hat. Ihre Texte, die stimmungsvollen Illustrationen von Stephan Schöll und Familienfotos beschwören eine vergangene Welt herauf. Jetzt kommt Ruth Melcer am 8. Februar erstmals nach Dachau, zusammen mit Tochter Vivian und Enkeltochter Elise.

Das überhaupt erste öffentliche Zeitzeugengespräch der Auschwitz-Überlebenden veranstalten evangelische Versöhnungskirche, Karmel-Kloster und Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte. Vorher wirkte Ruth Melcer, wie Kirchenrat Björn Mensing erklärt, zusammen mit Ellen Presser bei einigen Präsentationen von "Ruths Kochbuch" in München mit und gab ARD-alpha ein Interview - in dem es aber nicht um ihre Erfahrungen von Antisemitismus an ihrer Münchner Schule 1951 ging. "Ich hatte eine wunderschöne Kindheit - ab zehn", lautet der Titel des Zeitzeugengesprächs am Donnerstag, 8. Februar, um 19.30 Uhr im Karmelitinnenkloster an der KZ-Gedenkstätte (Alte Römerstraße).

Ruth Melcer spricht über ihre schwere Kindheit im Ghetto und im KZ, aber auch über ihre Rettung und über ihr erfülltes Leben nach der Befreiung. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie im polnischen Tomaszów Mazowiecki. Als die Deutschen 1939 ihre Heimatstadt besetzten, war sie vier Jahre alt, ihr Bruder Mirek zweieinhalb. 1942 musste die Familie ins Ghetto umziehen, nach dessen Auflösung kam sie ins Zwangsarbeitslager Bliżyn, wo der jüngere Bruder 1943 ermordet wurde. 1944 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und dort später auseinandergerissen. Dass Ruth überlebt hat, gleicht einem Wunder. Eine Mitgefangene namens Olga, die als Funktionshäftling gewisse Handlungsspielräume hatte, nahm das hübsche Kind in ihre Obhut, gab ihr zusätzliches Essen und versteckte sie vor Josef Mengele, der Kinder für seine menschenverachtenden Experimente suchte.

Die Befreiung am 27. Januar 1945 in Auschwitz erlebte die neunjährige Ruth auf sich allein gestellt. Doch in Tomaszów Mazowiecki traf sie einige Monate später erst die Mutter und dann auch den Vater wieder. Nach dem Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 beschloss die Familie, Polen zu verlassen. Zunächst lebte die Familie in Berlin in einem Lager für Holocaust-Überlebende, von 1948 an in München. Freudig lernte sie am Hebräischen Gymnasium in München. Als dieses 1951 wegen der Auswanderung der meisten Schüler schloss, wechselte Ruth auf die Mädchenoberrealschule am St. Annaplatz (heute: St.-Anna-Gymnasium).

Als antisemitische Lehrkräfte sie dort schlecht behandelten, schickten die Eltern sie zum Schulabschluss nach Tel Aviv zu Verwandten. Da die Eltern nicht wie geplant nachzogen, kehrte Ruth 1954 nach Bayern zurück und machte eine Ausbildung zur Chemielaborantin. Schließlich zog sie mit ihrem Mann Jossi nach Augsburg und bekam drei Kinder.

Musikalisch wird der Abend mit Werken von Josef Myslivecek, Astor Piazzolla, Robert Schumann und Mark Warschawskyj sowie mit traditioneller Klezmer-Musik gestaltet. Es spielt das Kammermusikensemble des Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasiums unter Leitung von Jutta Wörther (Viola).