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Hitlers Alchemisten:Die Goldmacher im KZ

Helmut Werners Fachgebiet ist Alchemie und beschäftigt sich mit einem kaum bekannten Kapitel der Nazi-Zeit: geheime Goldversuche im KZ Dachau.

Helmut Werner interessiert sich für Alchemie. In seinem neuen Buch "Hitlers Alchemisten" beschäftigt sich der Schriftsteller und Studienrat aus Frankfurt am Main mit geheimen Goldversuchen im Konzentrationslager Dachau. Melanie Staudinger sprach mit dem 68-Jährigen über die Pläne von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, die Versuche und deren Ergebnisse.

SZ: Herr Werner, wie kamen Sie auf die Idee, über die Experimente zu schreiben?

Helmut Werner: Mein Fachgebiet ist die Alchemie. Zu diesem Thema habe ich schon einmal ein Buch herausgegeben. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Experimente im KZ Dachau.

SZ: Wurde im Konzentrationslager Dachau Gold hergestellt?

Werner: Nein, es war alles ein großer Schwindel. Man hätte aus den bayerischen Flüssen und Bächen zwar geringe Mengen Gold gewinnen können - aber nur unter ungeheurem Aufwand und Umweltzerstörung. Das hätte sich, obwohl die Nazis ein Heer von günstigen Zwangsarbeitern und KZ-Gefangenen hatten, nicht gelohnt. Bei diesen Versuchen wurde sehr viel mit giftigen Stoffen gearbeitet - KZ-Häftlinge mussten das ohne Schutzkleidung machen. Wenn das Gold im großen Stil hergestellt werden hätte können, hätte das sehr viele Menschenleben gekostet. Hier stellt sich die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung. Bis auf Oswald Pohl (Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, Anm. d. Red.) sind, soweit ich weiß, alle Beteiligten straflos ausgegangen.

SZ: Warum gab es diese Experimente überhaupt?

Werner: Die Nationalsozialisten brauchten dringend Devisen und Gold, um Rohstoffe für die Rüstungsindustrie zu kaufen. Das Gold aus den besetzten Ländern und das sogenannte Totengold reichte nicht mehr aus. Ein Weg war, Geld zu fälschen. Das passierte etwa im KZ Sachsenhausen. Ein anderer Weg war, Gold zu fälschen. Das zumindest glaubte Himmler.

SZ: Die Versuche wurden von Karl Malchus gemacht. Was können Sie über ihn sagen?

Werner: Seine Geschichte ist faszinierend. Er lebte 1938 noch in England und kam dann nach Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit nahm er Kontakt mit Nazigrößen wie Himmler und Pohl auf. Es gelang ihm, sie zu beschummeln. Für seine Schummeleien war er ein paar Monate im KZ Dachau inhaftiert. Dort experimentierte er weiter und wurde schließlich entlassen. 1954 verlieren sich alle seine Spuren. Manchmal drängt sich mir der Verdacht auf, dass er ein englischer Agent war.

SZ: Können Sie sich erklären, warum die Goldversuche fast in Vergessenheit geraten sind?

Werner: Man wusste zwar, dass es die Versuche gab, aber nicht, welche Personen daran beteiligt waren. In meinem Buch konnte ich die Verantwortlichen jetzt beim Namen nennen. Es gibt einen guten Einblick, wie die SS-Firmen gearbeitet haben und wie verworren die Hierarchie war. Das war von Himmler so beabsichtigt. Auch Geld spielte keine Rolle - Malchus bekam alles, was er wollte.