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Heimatpfleger und Literat:Hallodri Herbstwind

Theaterprobe Thoma

Wer nicht so Dialektsicher ist wie Autor Norbert Göttler, sollte seine Gedichte lieber nachlesen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Norbert Göttler präsentiert seine Gedichte in Mundart mit Musik

Lyrik und Musik: Wenn beides gut aufeinander abgestimmt ist, kann es sich gegenseitig bestätigen, hervorheben und ergänzen. Einen solchen Glücksfall konnten die Besucher einer musikalischen Lesung in der Furthmühle an der Landkreisgrenze Dachau-Fürstenfeldbruck erleben. Norbert Göttler las von ihm verfasste Herbstgedichte in bairischer Mundart, die Sängerin Kathrin Krückl und Gitarrist Martin Off musizierten. Unerwartet viele, zumeist ältere Gäste waren zu der von Kult A 8, dem Kulturverbund im westlichen Landkreis, organisierten Veranstaltung in die historische Mühle gekommen. Es folgen weitere Lesungen im Landkreis.

"Herbstwindwischpara" ist der erst vor wenigen Tagen im Allitera Verlag erschienene Gedichtband betitelt, aus dem Norbert Göttler vorlas. Illustriert hat den Band Klaus Eberlein. Der Herbst sei die klassische Jahreszeit für Lyrik: das Vergehen der Sommerhitze, Weinlese und Obsternte, das langsame Absterben der Natur, Nebelschwaden, schwarze Wetterkerzen und schwere Herbststürme. Seine Lesung bezeichnete Göttler eingangs als "Experiment, auf das Sie sich einlassen müssen, denn für ungereimte Gedichte in Mundart gibt es keine Grammatik". Bedauerlicherweise sei Lyrik in Dialektform früher oftmals ins Kitschige abgeglitten, erklärte Göttler, der als Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, Publizist, Schriftsteller und Fernsehregisseur tätig ist.

Als gebürtiger Dachauer beherrscht er die bairische Sprache, bekanntermaßen mehr als nur ein Dialekt, wie kaum ein anderer. Seine Gedichte rund um den Herbst weichen ab vom sonst üblichen Klischeehaften oder Lieblichen. Sie spannen einen feinen Bogen zwischen Melancholie und schrägem Witz. Damit gelingt es Göttler in subtiler Weise, die bairische Mundart als unmittelbare Sprache der Seele einzusetzen. So entstehen Texte, die oft nur wenige Zeilen lang sind und starke Bilder zeichnen, wie bei "so a soitsamer dog". Sehr poetisch sind diese Bilder, wenn vom "fiabrigen gfui ums herz" die Rede ist, vom "somma auf d'gant" und von den "muckn di hupfan wia schampusblaserl". Da entstehen vor dem geistigen Auge der Zuhörer Bilder und Erinnerungen, manchmal rätselhaft, der Inhalt nur über das Gefühl zu entschlüsseln. Zum Schmunzeln animierten kurze Gedichte über den "hallodri herbstwind, der se um se soiba draht ois wiar a chopin-woiza", über "wamperte woikn über uns" und "kloane bosheitn".

Was die Lesung von Göttler zu einem Erlebnis macht, ist das gelungene Zusammenspiel von Text und Gesang mit Gitarrenbegleitung. Zu einer "Welt-Premiere" wurde es indes dank der außerordentlichen Vertonung einer Reihe von Herbstgedichten, die Kathrin Krückl und Martin Off einfühlsam in ihre musikalische Sprache übersetzt haben. Hierzu hatte Göttler dem Musikerduo sein gesamtes Textmaterial zur freien Gestaltung und Vertonung überlassen. "Das war spannend und aufregend - ein Geschenk und zugleich eine Herausforderung für uns", sagt die Sängerin. Normalerweise sei es umgekehrt, die meisten Liedtexte würden erst nach der bereits komponierten Musik geschrieben. Nach mehr als einem halben Jahr voller Kompositionsarbeit, Musikproben, Zusammenstreichungen und Umgestaltungen von Textbeiträgen war es geschafft: sie konnten acht Lieder in Mundart präsentieren.

Das Ergebnis kann sich sehen und vor allem hören lassen: Bluessängerin Kathrin Krückl zeigte sich unglaublich wandlungsfähig und ließ sich mit ihrer eindrucksvollen Stimme auf die unterschiedlichen Stimmungen der Lieder ein. Immer wieder setzte sie in unverfälschtem echten Bairisch emotionale Akzente, farbenreich verstärkt von Gitarrist Martin Off, der mit seinen spannungsvollen Soli begeisterte. Extra Applaus erntete das Duo für seine Version von Abzählreimen für Kinder rund um den Herbst: "soinzepfe, hehnakepfe, da somma is vorbei, hemadlenz, vorstadtstenz, hoits an koder rei" und der originelle Streitgesang zwischen dem narrischen Hitzkopf Sommer und dem buntgscheckerten Lumpen Herbst.

Obwohl es keine Pausenunterbrechung bei der fast zweistündigen Lesung gab, konnten Autor und Musiker die Spannung im Publikum bis zuletzt halten. Auf besonderen Wunsch von Norbert Göttler gab es als Zugabe noch einmal das Lied "davo mim wind, auf und davo", vertont nach dessen Gedicht "drachnfreiheit". Wer den "herbstwindwischpara" als Lesung erleben will, kann noch zweimal dabei sein: am Freitag, 5. Oktober, von 19.30 Uhr an im Museum Altomünster und am Freitag, 16. November, um 20 Uhr, in der Kulturschranne Dachau.