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Global Dignity Day:"Ich lächle zum Beispiel jeden an"

Dignity Day

Ihre Erkenntnis am Global Dignity Day: Wer sich mit dem Thema bewusst auseinandersetzt, überdenkt auch sein Handeln im täglichen Leben.

(Foto: Nils P. Jørgensen)

Schüler der Bavarian International School in Haimhausen machen sich darüber Gedanken, worin die Würde des Menschen besteht.

Das Auditorium ist gut gefüllt, die Ohren der Kinder gespitzt, die Blicke gespannt nach vorne gerichtet. Auf der Bühne stehen gut zwei Dutzend Schüler, einer nach dem anderen schildert mehr oder weniger alltägliche Erlebnisse: Von einem Mann, der nicht gut zu Fuß unterwegs war und dem ein Schüler und sein Vater deshalb halfen, an sein Ziel zu kommen. Von einem Tanzwettbewerb, bei dem sich eine junge Tänzerin den Fuß verstauchte und deshalb dachte, dass sie nicht gut genug sei, bis eine Freundin ihr Trost spendete und ihre Fähigkeiten lobte. Oder von den ersten Tagen an einer neuen Schule, in denen man nur skeptisch gemustert wurde.

Diese Geschichten, welche die Schüler der Haimhausener Bavarian International School (BIS) am Mittwochmittag ihren Kollegen erzählten, sind nicht irgendwelche Anekdoten, sondern sogenannte "Dignity Stories" - also Geschichten über die Würde jedes Einzelnen. Denn seit 2008 feiert die Organisation Global Dignity den dritten Mittwoch im Oktober als den Global Dignity Day - zu Deutsch den weltweiten Tag der Würde. In Deutschland war die BIS nun die erste Schule überhaupt, die sich daran beteiligte.

170 Schüler setzen sich mit der menschlichen Würde auseinander

Global Dignity ist eine internationale Organisation, deren Ziel es ist, alle in der Überzeugung zu vereinen, dass jeder Mensch ein würdevolles Leben verdient hat. Kein einfaches Unterfangen, doch wie heißt es so schön: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Denn von einem Workshop in einer einzigen Schulklasse mit rund 30 Kindern im Jahr 2006 ist das Projekt auf mittlerweile mehr als 860 000 Teilnehmer im Jahr 2018 angewachsen. Nicht nur am Global Dignity Day, sondern während des ganzen Jahres gibt es verschiedene Workshops, Veranstaltungen und Treffen, die dem Thema gewidmet sind.

In Haimhausen sind es am Mittwoch rund 170 Schüler der Klassen sechs und sieben, die sich einen Vormittag lang mit der menschlichen Würde auseinandersetzen. Nach der Begrüßung durch Schulleiterin Chrissie Sorenson betritt Beau Barberis die Bühne. "Wer von euch besitzt denn Würde?", fragt sie in den Saal. Nur knapp die Hälfte der Anwesenden hebt die Hand. "Jeder einzelne Mensch besitzt Würde, ihr dürft alle eure Hand heben", mahnt Barberis sofort und fragt gleich weiter: "Und wo habt ihr die her? Gibt es die vielleicht bei Amazon oder fängt man sie sich ein, wie zum Beispiel eine Erkältung?" Ein Mädchen aus der zweiten Stuhlreihe stellt sogleich klar: Nein, Würde, die hat jeder Mensch von Geburt an. Bleibt nur noch eine Frage: Wo im menschlichen Körper befindet sich die Würde denn eigentlich? Barberis erklärt: "Würde ist eine Emotion in unserem Gehirn. Wir sind sozusagen so programmiert, dass wir glauben, eine Rolle zu spielen. Wenn wir dann beispielsweise ignoriert oder schlecht behandelt werden, dann ist das gekränkte Gefühl daraufhin die Reaktion unserer Würde."

Dignity Day

2018 erreichte das Programm bereits 860.000 Teilnehmer.

(Foto: Nils P. Jørgensen)

Die grundsätzlichen Fragen sind also vorerst geklärt, doch das Konzept der Würde bleibt zunächst dennoch eher abstrakt. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, versucht das zu ändern. Statt - wie sie es sonst oft tue - einen theoretischen Vortrag zu halten, erzählt auch sie eine persönliche Dignity Story. Sie handelt vom Mittagessen in ihrer Akademie, welches das wissenschaftliche Personal und die Mitarbeiter aus Küche und Service stets getrennt voneinander einnahmen. Letztere in einem kargen Raum im Keller, Münch und ihre unmittelbaren Kollegen in der schicken Mensa. Erst auf Anregung des Leiters einer anderen Akademie habe sie die Ungerechtigkeit bemerkt und arbeite nun daran, ein würdevolles, gemeinsames Mittagessen zu organisieren.

Aufgeregt wird nun der letzte Programmpunkt des Auftakts im Auditorium angekündigt: Norwegens Kronprinz Haakon, einer der drei Gründer von Global Dignity, hat den Schülern der BIS eine Videobotschaft geschickt. Darin erklärt er den Kindern unter anderem, dass jeder eine Führungsfigur sein und somit andere inspirieren und beeinflussen könnte. Umso wichtiger sei es also, zu erkennen, dass jeder Mensch eine angeborene Würde habe.

"Wir haben an ihn geglaubt, ihn in seinem Vorhaben bestärkt"

Nun sind die Schüler selbst an der Reihe: Begleitet von je einem freiwilligen Helfer der Organisation begeben sie sich in kleineren Gruppen in die Klassenzimmer. Dann wird gemeinsam überlegt: Welche Begriffe fallen einem zum Thema Würde ein? Und was bedeuten sie konkret im Alltag? Schnell fallen den Kindern Erfahrungen ein, die sie selbst gemacht haben: Raphael etwa erzählt von der Klavierklasse, die er besucht. Unter all den Schülern steche einer durch sein Talent besonders hervor, er wollte deshalb zur Aufnahmeprüfung für eine spezielle Schule antreten. Doch bei den Vorbereitungen sei er immer sehr nervös gewesen und habe deshalb den Glauben an sich selbst aufgegeben. "Aber wir haben an ihn geglaubt, ihn in seinem Vorhaben bestärkt und schließlich hat der die Prüfung bestanden", schließt Raphael seine Dignity Story.

Dignity Day

Trost spenden, Mut machen oder einfach zuhören: Schülerinnen und Schüler der International Business School Haimhausen illustrierten mit Geschichten aus ihrem Leben, wie man die Würde eines anderen Menschen achten kann.

(Foto: Nils P. Jørgensen)

Auch Evan erinnert sich an eine Situation: Als er neu an der Schule war, hätten ihm Mitschüler zwar das Gebäude gezeigt und ihm geholfen, doch andere hätten auch schlecht über ihn geredet. Schließlich setzten sich seine neuen Freunde aber für ihn ein und mittlerweile verstehe er sich mit allen gut. In der Gesprächsrunde folgen weitere Geschichten, die thematisch von anfänglichem Mobbing, aus dem mittlerweile Freundschaften entstanden, bis hin zur Unterstützung von Großeltern bei Krankheit reichen. Keine große Sache könnte man also meinen, doch die Schüler sind überzeugt: Sich bewusst mit dem Thema auseinanderzusetzen, lasse einen das eigene alltägliche Handeln überdenken. "Bei uns in der Schule funktioniert das Konzept der Würde eigentlich schon ganz gut, aber generell finde ich schon, dass das - gerade in Deutschland - ein Problem ist", meint Raphael. Dabei sei es eigentlich so einfach: "Ich lächle zum Beispiel jeden, den ich sehe, an."

Die Botschaft, die Global Dignity den Kindern vermitteln will, scheint angekommen zu sein. Matthias Bosch, Vorsitzender der Organisation in Deutschland, blickt darum optimistisch in die Zukunft: "Ausgehend von den Schulen wollen wir unser Anliegen in die Gesellschaft tragen." Die BIS mit ihren Schülern aus 56 verschiedenen Nationen sei dafür der ideale Ausgangsort, in Zukunft seien weitere Veranstaltungen an anderen Schulen, aber auch zum Beispiel in Sportvereinen, Gefängnissen oder Flüchtlingsheimen angedacht. Der Fokus liege zwar auf Kindern und Jugendlichen, doch auch Erwachsene könnten etwa in Unternehmen erreicht werden. Denn schlussendlich sollen alle verinnerlichen: Jeder Mensch wird mit Würde geboren. Die jungen Botschafter der BIS wissen nach dem Global Dignity Day jedenfalls, wie sie diese Erkenntnis auch im Alltag umsetzen.