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Gottesdienst:"Unendliches Leid"

Mensing Gottesdienst KZ Befreiung Screenshot

Pfarrer Björn Mensing bei einer ökumenischen Andacht auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau. Screenshot: oh

In einer ökumenischen Andacht in der Versöhnungskirche wird der KZ-Opfer gedacht

Überlebende und Befreier des Konzentrationslagers Dachau haben am Mittwoch per Video die ökumenische Andacht auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau verfolgt. Wegen der Corona-Krise waren alle Veranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung durch amerikanische Soldaten am 29. April ausgefallen. Am Vormittag legten Ministerpräsident Markus Söder und Landtagspräsidentin Ilse Aigner (beide CSU) einen Kranz nieder. Um so mehr freuten sich einige der ursprünglich geladenen 90 KZ-Überlebenden und Veteranen der 7. US-Armee, diesen Tag wenigsten virtuell begehen zu können. In der ungewohnt leeren evangelischen Versöhnungskirche erinnerten fünf Menschen an den historischen Tag, an dem 32 000 Männer, Frauen und Kinder befreit worden sind. Kirchenrat Björn Mensing sagte: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gekommen."

Pfarrer Björn Mensing, Diakon Klaus Schultz und Pastoralreferent Ludwig Schmidinger und die Sängerin Sophie Aeckerle gestalteten die Andacht auf Englisch und auf Deutsch, die am Nachmittag dann online gestellt wurde. Ludwig Schmidinger entzündete in der Kirche, deren Bau von ehemaligen Häftlingen initiiert worden war, eine Kerze. "Für die millionenfach Ermordeten in Dachau und an vielen anderen Orten sowie für die gefallenen alliierten Soldaten", sagte der Beauftragte der Erzdiözese für Gedenkstättenarbeit.

Björn Mensing zitierte Joseph Rovan, einen gebürtigen Münchner, der 1933 nach Frankreich emigriert war und sich der Résistance angeschlossen hatte. Am 2. Juli 1944 wurde er als politischer Gefangener nach Dachau deportiert. Es gelang ihm, seine jüdische Herkunft geheim zu halten. Rovan erlebte den Tag der Befreiung so: "Plötzlich trug es die Menschenmenge auf dem Appellplatz wie eine Woge nahe an das Jourhaus heran. Das schmiedeeiserne Tor stand weit offen. Vier Menschen in amerikanischer Uniform waren aus dem Wagen gesprungen. Einer rannte zum Eingang des Jourhauses. Einen Augenblick später tauchte er auf dem Balkon auf. Lasst uns beten, Brüder, rief er auf Englisch, lasst uns dem Herrn danken für diesen Tag der Befreiung. Nochmals hat er Israel, sein Volk, aus Pharaos Ägypten herausgeführt."

Soldaten der 45. Thunderbird-Division und der 42. Rainbow-Division hatten in den Nachmittagsstunden des 29. April, eines Sonntags, vor 75 Jahren das Konzentrationslager Dachau eingenommen. In dem Lager, das am längsten existierte, waren von März 1933 bis April 1945 mehr als 200 000 Menschen gefangen. Mehr als 41 000 der Häftlinge im Stammlager und den 140 Außenlagern sowie Außenkommandos überlebten nicht.

Aus den USA, aus Großbritannien, Polen, Deutschland und den Niederlanden seien viele gute Wünsche zu dem analogen Gedenken in der Versöhnungskirche eingegangen, teilte Pfarrer Mensing anschließend mit. Besonders freue ihn der Dank von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Das ist ein bemerkenswertes Zeichen der jüdisch-christlichen Verbundenheit, gerade angesichts der schuldhaften Verstrickung der deutschen Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus." Um 17 Uhr versammelten sich 20 Gedenkstättenreferenten und Dachauer Bürger an der Mauer des ehemaligen KZ zu einer Mahnwache. Sie legten Blumen zum Gedenken an die KZ-Opfer nieder.

© SZ vom 30.04.2020

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