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Gewerbeverband:Selbständige im Abseits

Das Bild zeigt den Futuristen Wolfgang Gehrer.

Wolfgang Gehrer hält vor den Gewerbetreibenden in Haimhausen einen Vortrag zum Thema "Zukunftsaussichten - Wo soll das alles hin führen?"

(Foto: Andrea von Haniel/oh)

Bei einer Jubiläumsfeier überlegen die Gewerbetreibenden in Haimhausen, wie sie sich besser vernetzen können und mehr Aufmerksamkeit bekommen

Der Haimhauser Gewerbeverband hat sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. Der Vorstand hat anlässlich dessen ins neue Schulungszentrum der Raiffeisenbank in Haimhausen eingeladen und darauf verwiesen, dass die Geburtstagsfeier auch die erste Veranstaltung in dem mit viel Holz ausgestatteten Saal sei. Der Vorsitzende Josef Sebastian Portenlänger nutzte die Gelegenheit, den Selbständigen ins Gewissen zu reden. Portenlänger forderte sie auf, aktiver zu werden und mehr Engagement zu zeigen. "Wie kriegen wir es hin, dass wir uns im Landkreis stärker vernetzen?", fragte er und spielte auf die Tatsache an, dass zur Jubiläumsveranstaltung zwar die Gewerbeverbände aus dem Landkreis eingeladen, aber nicht gekommen waren.

Das "große Thema der Gewerbetreibenden", so Portenlänger, sei aber der Fachkräftemangel. Was daran liege, dass sich viele Betriebe heute nicht richtig präsentierten, auch bei der Suche nach neuen Mitarbeitern. "Wir müssen anders agieren." Selbstbewusst merkte Portenlänger an: "Die Selbständigen sind die, die die Gemeindekasse mit ihrer Gewerbesteuer füllen." Und: "Wir sind der Lottosechser der Gemeinde." Denn wenn es den Selbständigen gut gehe, gehe es auch der Gemeinde gut. Was Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) bestätigte. Die Gewerbesteuer spült zwei Millionen Euro in die Gemeindekasse. Woran auch die günstigen Hebesätze der Kommune ihren Anteil hätten. Felbermeier hob die "Toplage Haimhausens" im Landkreis hervor. Es gebe eine Anbindung an die Flughafen-Autobahn, die demnächst sechsspurig von Ludwigsfeld bis nach Neufahrn ausgebaut werde, außerdem die leistungsstarke Bundesstraße B 13 sowie die Staatsstraße 2023. Sie alle böten "verkehrlich tolle Voraussetzungen". Dennoch sei man mit der Infrastruktur zwei Jahrzehnte hintendran. Eine Verbesserung des ÖPNV, zum Beispiel durch Tangentialverbindungen, sei dringend notwendig.

Wie es um Haimhausen wirtschaftlich bestellt ist, erläuterte Felbermeier anhand der Zahlen des Gesellschaft für Konsumforschung (GfK): So verfügten die Haimhauser über eine Kaufkraft von 30 000 Euro pro Haushalt. Das Haushaltseinkommen der Haimhauser betrug im Schnitt 70 000 Euro - im Vergleich zu 59 000 Euro im Landkreis. Dazu kämen vier Millionen Euro Einnahmen aus der Einkommenssteuer und zwei aus der Gewerbesteuer.

Felbermeier sprach sich vor erneut für eine weitere Ansiedlung von Gewerbe an der B 13 aus. Er kritisierte in diesem Zusammenhang auch das Anbindungsgebot, wonach Gewerbegebiet an Gemeinden angeschlossen sein müssten. Dieses Anbindungsgebot verhindere derzeit das Entstehen eines Gewerbegebietes entlang der B 13. "Ich sehe nicht ein, warum ich mir Verkehr in den Ort holen soll, wenn in knapp 700 Meter Entfernung die Autobahn ist."

Landrat Stefan Löwl (CSU) meinte, viele der Herausforderungen könne man zwar meistern, weil "Gewerbesteuer fließt", man stoße aber an Grenzen, beispielsweise bei der Bodenverfügbarkeit. Ein weiteres "überragendes Thema" sei die Mobilität. In der Vergangenheit sei "das Auto die Lösung gewesen". Mittlerweile aber stoßen die Straßen an ihre Kapazitätsgrenzen. "Wir müssen nicht nur die Straßen ertüchtigen, sondern brauchen auch den ÖPNV." Weil Haimhausen keine S-Bahn habe, brauche es eine bessere Anbindung. Zum Beispiel durch Tangentialbusse, die über Schönbrunn, Haimhausen zur S1 nach Lohhof fahren würden. Löwl brachte in diesem Zusammenhang auch die angedachte Zukunftsvision einer Seilbahn über den Hang von Haimhausen hinunter nach Lohhof ins Spiel. Die Gewerbetreibenden forderte er auf, "Teil der Politik" zu werden. "Wir brauchen sie, wenn wir nicht stagnieren wollen."

Der Forstinninger Wolfgang Gehrer hielt einen Vortrag zum Thema "Zukunftsaussichten - Wo soll das alles hin führen?" Er nannte als Schlüsselbereiche der Digitalisierung beispielsweise den 3-D-Druck, die Medizintechnik, Nanotechnik, künstliche Intelligenz, Genetik und das autonome Fahren. Heute gehe es um schnelle, digitale und expotenziale Entwicklung. "Da sind wir nicht gut darin." Allerdings gestand er zu, dass dieser Schritt "extrem schwer" sei. Statistisch, so der Futurist, würden in naher Zukunft durch die Digitalisierung etwa 30 Millionen Jobs wegfallen. Gleichzeitig aber würden 50 Millionen neuer Jobs entstehen. Das Problem sei nur, dass die nicht mit den alten zusammenpassten. Ein anderes Beispiel expotenzialer Entwicklung sei die Datenmenge, die durch Facebook, Instagram und andere gesammelt und verarbeitet würden und der Versuch, diese durch die neue Datenschutzgrundverordnung zu regeln oder zu steuern. "Das ist so, wie wenn jemand mit einem Schäufelchen am Strand hantiert, während sich draußen ein Riesentsunami aufbaut." Wichtig sei vielmehr, dass man den Übergang vom linearen Denken zur expotenzialen Entwicklung schaffe. Tröstlich der Spruch von Oskar Wilde zum Ende seines Vortrags: "Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende."