Gesundheit Blick in die Seele

Nicolay Marstrander leitet als Chefarzt das kbo-Isar-Amper-Klinikum mit den Standorten Dachau und Fürstenfeldbruck.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Nicolay Marstrander ist neuer Chefarzt an der psychiatrischen Fachklinik in Fürstenfeldbruck und Dachau

Von Heike A. Batzer, Dachau/Fürstenfeldbruck

Gegen seelische Krisen ist niemand gefeit, ihre Ursachen sind vielfältig: Konflikte in Partnerschaft, Familie oder Beruf, traumatisierende Erlebnisse, Enttäuschungen, schwere Verluste oder Entwurzelung durch Flucht können sich zu belastenden Situationen zuspitzen. Aber auch seelische Erkrankungen wie Depressionen, Sucht oder Angststörung können Auslöser einer Krise sein. Seit anderthalb Jahren erhalten Betroffene Hilfe in der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Fürstenfeldbruck, zu der auch die Tagesklinik und Institutsambulanz in Dachau gehört. Nun hat das kbo-Isar-Amper-Klinikum in Nicolay Marstrander einen eigenen Chefarzt und ist damit innerhalb des Verbundes der Kliniken im Bezirk Oberbayern endgültig selbständig. Insbesondere die Eröffnung der Tagesklinik und Ambulanz in Dachau im Sommer 2016 hat Marstrander intensiv mit vorbereitet. Die Standorte in den beiden Kreisstädten gelten als eine Einheit, die eng zusammen arbeiten. Das Versorgungsgebiet umfasst 400 000 Einwohner.

Der 48-jährige gebürtige Norweger hatte bereits seit Eröffnung der neuen Brucker Klinik deren oberärztliche Leitung inne und die Klinik quasi mit auf den Weg gebracht, denn zuvor leitete er die 2007 eröffnete psychiatrische Tagesklinik und Ambulanz, die bis 2016 in der Kreisklinik untergebracht waren. Marstrander kam 1992 nach Deutschland. An der Universität Witten/Herdecke nahm er ein Studium der Humanmedizin auf, seine berufliche Laufbahn begann 1999 mit der Stelle als Assistenzarzt der inneren Medizin am Kreiskrankenhaus Starnberg. 2003 promovierte er, seit 2009 ist er Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Marstrander ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Tutzing am Starnberger See.

Die Brucker Fachklinik füllt sozusagen eine Lücke in der Versorgungslandschaft psychisch Erkrankter in der Region. Betroffene mussten zuvor quer durch München bis nach Haar fahren. "Wir sind jetzt näher am Menschen", sagt Marstrander. Der Bedarf ist da, von Anfang an war die neue Fachklinik belegt. Die Frage, ob sie schon wieder zu klein sei, beantwortet Marstrander mit dem Wort "eindeutig". Für 2017 führt die Statistik der Klinik knapp 2000 stationäre Behandlungsfälle, in der Tagesklinik wurden 700 Patienten versorgt. In den psychiatrischen Ambulanzen in Fürstenfeldbruck und Dachau wurden 4000 Betroffene vorstellig. Behandelt werden erwachsene Patienten mit Depressionen, Psychosen, Belastungsstörungen, Angstzuständen, Alterserkrankungen wie Demenz sowie Suchterkrankungen. "Wir haben einen Versorgungsauftrag", sagt Marstrander, denn es gibt zu wenige psychiatrische und psychotherapeutische Praxen in beiden Landkreisen. "Auch die Wartezeiten dort sind zu lang", ergänzt Professor Peter Brieger, ärztlicher Direktor der kbo-Kliniken, bei der Vorstellung Marstranders vor der Presse. Betroffene in Krisenfällen bräuchten aber schnelle Hilfe.

Was sind das für Krisen? Viele Menschen kämen "mit dem hohen Druck der Realanforderungen ins Straucheln", weiß Chefarzt Marstrander. Es gehe um partnerschaftliche Krisen, soziale oder finanzielle Themen. Diese Belastungsstörungen würden häufiger, während die Zahlen bei klassischen psychischen Erkrankungen gleich blieben. Brieger erwähnt zudem jene Störungen, die ihre Ursache im Erwerbsleben haben. Diese beruflich bedingten psychischen Erkrankungen im "Hamsterrad" des Alltags nähmen zu. Überall müssten Menschen mehr arbeiten, weil weniger Personal eingestellt werde, so Brieger. Doch die bessere Krisenversorgung zeigt Erfolge: So habe sich etwa die Zahl der Suizide in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren halbiert. Wichtig sei auch eine "Entstigmatisierung" der psychischen Krankheiten, sagt Marstrander. Dazu wolle die Klinik beitragen. Brieger zufolge ist "die Akzeptanz im Viertel inzwischen ziemlich gut". Am 12. Oktober stellt sich die Klinik deshalb wieder mit einem Tag der offenen Tür vor.