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Zeitgeschichte:Der Befreier Dachaus

Georg Scherer

Georg Scherer in einer Baracke des ehemaligen Konzentrationslagers.

(Foto: Privates Archiv)

Georg Scherer zählt zu den wichtigsten Persönlichkeiten dieser Stadt. Der ehemalige ASV-Vorsitzende war im KZ eingesperrt und führte gegen Kriegsende den Aufstand gegen die Nazis an. Nun erinnert erstmals eine Ausstellung an ihn.

Zu Georg Scherer fällt vielen Dachauern vermutlich die Turnhalle am ASV-Gelände ein, die dessen Namen trägt. Doch wer war eigentlich Georg Scherer? Eine Frage, die wohl nur wenige beantworten können. Eine Ausstellung über Georg Scherer, die im Foyer der Theaterhalle des ASV bis zum Beginn der Sommerferien zu sehen ist, gibt nun Einblicke in Höhen und Tiefen im Leben eines Menschen, der in der Geschichte dieser Stadt eine sehr bedeutende Rolle spielt.

Was Scherer erlebt hat, reicht für mehr als ein Menschenleben. Das sieht auch Silke Nörenberg so. "Die meisten kennen nur eine Seite - wir versuchen nun, die Erinnerung vollständig zu machen", sagt sie. Nörenberg hat die siebenköpfige Arbeitsgruppe geleitet, welche die Ausstellung organisierte. Anfangs war eigentlich gar nicht geplant, das Projekt mit zehn Bannern so groß zu machen. Bei einem Gespräch zwischen Scherers Sohn Rudolf und Hedy Esters, Mitarbeiterin der Geschichtswerkstatt Dachau, entstand die Idee, Scherers Gedächtnisblatt neu aufzulegen - insgesamt gibt es 250 sogenannte Gedächtnisblätter, das sind Kurzbiografien über KZ-Häftlinge. Im Rahmen dessen sollte auch ein Plakat über ihn der Wanderausstellung "Das Lager und der Landkreis" hinzugefügt werden. Doch schnell wurde den Beteiligten klar: Ein Banner ist zu wenig.

Georg Scherer kämpft auch weiter für die Ideale des ATSV, nachdem die Nazis den Verein verbieten

1906 kommt Georg Scherer als unehelicher Sohn einer Magd zur Welt, die bei der Geburt des zweiten Kindes stirbt. Er erfährt schon in seiner Kindheit, was große Not bedeutet. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges - da ist Scherer gerade einmal acht Jahre alt - wird sein Stiefvater zum Militärdienst eingezogen. Der Junge muss fortan als ältester die Familie versorgen, viel Zeit für die Schule bleibt dabei nicht. Nach dem Krieg kehrt der Stiefvater zwar zurück, stirbt aber bei einem Arbeitsunfall, woraufhin Scherer in dem Betrieb eine Lehre als Eisendreher bekommt.

Doch auch nach Abschluss seiner Ausbildung kämpft die Familie, um über die Runden zu kommen. Die Arbeitslosigkeit im Landkreis Dachau ist damals so hoch wie nirgendwo sonst im Deutschen Reich. Scherer hat Glück und findet eine Anstellung bei BMW. Er ist begeistert von den Idealen und der Solidarität der Arbeiterbewegung und engagiert sich auch beim Arbeiter-, Turn- und Sportverein ATSV Dachau. Dort wird er sozialistisch sozialisiert, später tritt er der SPD bei und kämpft auch weiter für die Ideale des ATSV, nachdem die Nazis den Verein verbieten.

Scherer verteilt Flugblätter, was ihm zum Verhängnis wird. An Weihnachten 1935 sperren ihn die Nazis als politischen Häftling ins KZ Dachau. Über die Zeit dort spricht er später selten, als Lagerältester setzt er sich jedoch geschickt für das Wohl der Mithäftlinge ein. 1941 wird er unerwartet entlassen. Um nicht an die Front geschickt zu werden, findet er innerhalb von drei Tagen einen Arbeitsplatz und lebt fortan zurückgezogen.

Gegen Ende des Krieges, als die Amerikaner im Anmarsch sind, aber die Ermordung tausender Häftlinge im KZ droht, führt Scherer mit einer Gruppe Freunde den Dachauer Aufstand an. Die amerikanischen Besatzungstruppen erkennen dieses Engagement an und setzen ihn als zweiten Bürgermeister von Dachau ein. Nach einem Jahr in dieser Position bleibt er noch bis 1952 im Stadtrat aktiv. Parallel dazu baut er mit Schneidermeister Ernst Bardtke die Kleiderfabrik "Bardtke & Scherer" in Dachau auf, die zu Hochzeiten 500 Menschen beschäftigt. Außerdem wird Scherer erster Vorsitzender des ATSV und trägt maßgeblich zu dessen Auf- und Ausbau bei. Im Kreise des Vereins stirbt der langjährige Vorstand schließlich auch: Auf der Tribüne des ASV hört sein Herz im Jahr 1985 auf zu schlagen. Scherer stirbt im Alter von 79 Jahren an einem Infarkt.

Georg Scherer

Als Sportler (Bild von 1928) war Georg Scherer Turner, Leichtathlet und spielte Handball.

(Foto: Privates Archiv)

Am Donnerstagabend bei der Auftaktveranstaltung anlässlich der Ausstellung im Foyer des ASV betonten die Gastredner und Mitglieder der Arbeitsgruppe vor allem Scherers Vorbildfunktion in der Gesellschaft, die auch heute noch gilt. "Scherer hat sich nicht entmutigen lassen und sich stattdessen für ein konstruktives Mitwirken entschieden. Er war und ist ein Mutmacher", sagt Sabine Gerhardus von der Geschichtswerkstatt.

Auch Scherers Sohn und Nach folger als ASV-Vorsitzender, Rudolf Scherer, freut sich über das geglückte Projekt

Auch Scherers Sohn und Nach folger als ASV-Vorsitzender, Rudolf Scherer, freut sich über das geglückte Projekt. Bei der umfangreichen Recherche hatte er gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Archive durchforstet und geholfen, Zusammenhänge zu beurteilen. "Vieles, was wir in den vielen Archiven herausgefunden haben, hatte ich auch schon wieder vergessen", erzählt er. Besonders gestaunt habe er über die Originaltonaufnahmen, die an einer Audiostation der Ausstellung zu hören sind und bei der Eröffnungsfeier abgespielt wurden. Ilona Huber, Gästeführerin und Teil der Arbeitsgruppe, hat die letzten zwei Jahre - solange hat die Umsetzung gedauert - ebenfalls als eine sehr spannende Zeit in Erinnerung. "Es war, als habe man eine Tür aufgemacht und da heraus kam eine Hand, die nicht mehr aufgehört hat, einen hineinzuziehen." Besonders freut sich Kerstin Cser von der Arbeitsgruppen darüber, dass sie "Rudi ein Lächeln ins Gesicht zaubern" konnten und man alle recherchierten Informationen für die Familie Scherer gesichert habe.

Auch Georg Scherers Urenkelin Jessica Scherer nimmt an der Veranstaltung teil. "Mit meiner Mama bin ich einmal bei der Georg-Scherer-Halle vorbeispaziert", erzählt sie, "und da habe ich gefragt, ob wir vielleicht mit dem verwandt sind?" Nicht nur sie hat seitdem viel gelernt über Georg Scherer, der in Dachau weit mehr ist als der Namensgeber einer Turnhalle.

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