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Gedenkgottesdienst in Dachau:Zukunft braucht Erinnerung

Gedenken zum 78. Jahrestag der Judendeportation

Am 20. November 1941 wurden 999 Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft aus dem "Judenlager" in München-Milbertshofen mit dem Zug nach Kaunas im von den Deutschen besetzten Litauen verschleppt, wo sie am 25. November 1941 brutal ermordet wurden. In der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau findet am Sonntag, 24. November, 11 Uhr, für die Opfer der Deportation ein Gedenkgottesdienst mit Kirchenrat Björn Mensing, Landeskirchlicher Beauftragter für Gedenkstättenarbeit statt. Es wird aber auch daran erinnert, wie die Bevölkerung auf die Deportation ihrer Nachbarn reagiert hat.

Obgleich den Opfern der Deportationsbescheid Anfang November 1941 zuging und die Kirchen davon erfuhren, dass sich unter den zur "Evakuierung" bestimmten Menschen auch Christen jüdischer Herkunft befanden, haben sie nichts gegen die Deportation unternommen. Elisabeth Braun war beispielsweise aktives Gemeindemitglied an der Dreieinigkeitskirche in Bogenhausen, nahm in ihrer Villa, dem "Hildebrandhaus" (heute Monacensia-Bibliothek und Literaturarchiv der Stadt München), andere rassisch Verfolgte auf und setzte - als ihr Leben von den Nazis bedroht wurde - in ihrem Testament die bayerischen Landeskirche als Erbin ein.

An diese richtete am 2. November 1941 der evangelische Schriftsteller Rudolf Alexander Schröder einen dringenden Appell. Schröder, der ab 1935 in der "inneren Emigration" in Bergen am Chiemsee lebte, erfuhr, dass eine Münchner Freundin von der Deportation bedroht war, wie Elisabeth Braun Protestantin jüdischer Herkunft. Eindringlich bittet er den Münchner Stadtdekan Friedrich Langenfaß, die Kirche möge etwas für die Menschen tun, denen "die Abschiebung in die Hunger- und Frosthöllen des Ostens" drohe. Eine Möglichkeit sieht er darin, den Verfolgten "in Kirchen und Sakristeien" Asyl zu gewähren. Die evangelische Kirchenleitung müsse gemeinsam mit den "katholischen Zentralbehörden"tätig werden: "Könnte doch dem Volk, dem wir angehören, die Schmach erspart bleiben, dass in dieser Angelegenheit auf Tod und Leben kein Versuch seitens seiner Kirchen gemacht wäre, ein Alleräußerstes abzuwenden, ein Minimum an Verantwortung vor Gott und seiner Christenheit auf sich zu nehmen." Eine Antwort von Dekan Langenfaß ist nicht überliefert.

Jenseits der vom NS-Regime geduldeten Hilfsmöglichkeiten für "nichtarische" Christen waren die Kirchenleitungen nicht bereit, gegen die Deportation einzuschreiten. Weder durch Hilfen zum Untertauchen für die Bedrohten noch durch einen Protest oder eine öffentliche Solidarisierung. Während in den Niederlanden die Kirchen für die verfolgten Juden eintraten, blieben es in Deutschland einzelne mutige Christenmenschen und illegale Netzwerke.

Die Gedenkveranstaltung, so Björn Mensing, will auch Zeichen setzen, dass die Kirchen und christlichen Gemeinschaften heute angesichts von gewaltsamen Übergriffen und Anschlägen auf Juden und Synagogen solidarisch an der Seite der jüdischen Gemeinschaft stehen und jedem Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft entgegentreten.

© SZ vom 23.11.2019 / SZ

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