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Gartenkunst:Im Pflanzfieber

Die Sehnsucht nach Blumen, Farben und blühenden Sträuchern erzeugt bei Fachleuten zwiespältige Gefühle. Einerseits freuen sie sich über den Eifer von Gartenliebhabern. Andererseits wissen sie, dass manche Blume und mancher junge Baum den Frühling nicht überstehen. Sie geben der aggressiven Werbung der Baumärkte die Schuld

Die Sonne lockt. Die Lust auf Farbe erwacht. Jetzt will jeder den Frühling in Haus und Garten holen. Der erste große Ansturm in Gärtnereien und Baumärkten ebbt gerade ab. Das Angebot an Frühlingsblühern ist nur noch spärlich. "Die Bellis (Gänseblümchen) sind leider ausverkauft", sagt Georg Roth von der gleichnamigen Gärtnerei in Hebertshausen einer Kundin. Ein paar einzelne Narzissen stehen noch auf dem kleinen Verkaufstisch im Hof, Hornveilchen und Stiefmütterchen leuchten bunt, aber es sind auch nur noch Restbestände da. Zwei Frauen kreisen um den Tisch, begutachten die Pflanzen kritisch. Welche ist die schönste? Wie viele Knospen sind unter den Blättern versteckt? Sigrun Nastoll sucht ein paar Blümchen fürs Familiengrab. Zwei Hornveilchen hat sie schon ausgewählt. "Die sind nicht so wetterempfindlich", sagt die Seniorin. "Außerdem kann es für sie auch mal schattig sein." Das ist wichtig, denn auf dem Friedhof ist es nicht immer sonnig und die Pflanzen müssen schon eine Weile gut ausschauen, schließlich ist die Grabpflege "mit viel Arbeit und Zeit verbunden". "Außer mir gibt es niemanden mehr, der sich um das Grab kümmern kann", sagt die Dachauerin traurig. Auch die andere Frau, die am Verkaufsstand steht, greift zu strahlend orangenen Stiefmütterchen. "Man braucht jetzt einfach Farbe", sagt sie und lacht.

Georg Roth hat die Sinnliche Sissi gezüchtet und pflanzt sie nun in Balkonkästen.

(Foto: Toni Heigl)

Etwa 12 000 Hornveilchen hat Roth heuer schon verkauft, außerdem rund 2000 Osterglocken, Vergissmeinnicht und Bellis. "Die Werbung macht die Leute wild", sagt der 38-Jährige und schüttelt ein wenig den Kopf. Jedes Jahr kämen die Kunden früher, weil die Baumärkte ihre Blumen so aggressiv anpreisen. "Und wir sind gezwungen, ebenfalls zu verkaufen", klagt er. Nicht dass der Gärtner auf seinen Pflanzen sitzen bleiben möchte, aber er weiß, die Pflanzsaison beginnt eigentlich viel später. "Um diese Jahreszeit gibt es immer noch Frost", erklärt Roth. Die vergangene Woche hat es gezeigt. Das Wehklagen der Gartenbesitzer war unüberhörbar. Aber Ende März und Anfang April, als das Thermometer fast in sommerliche Bereiche stieg, dachte niemand mehr daran. Viele zeigten sich einfach im Kaufrausch.

Dietgard und Norbert Knoll suchen bei in Hebertshausen ihre Pflanzen aus und können sich kaum satt sehen an der Blumenvielfalt.

(Foto: Toni Heigl)

"Die Leute haben kein Gespür mehr für Natur", ärgert sich Georg Roth senior. Er sitzt auf einer kleinen Bank im Hof, stützt sich auf seinen Stock, macht eine kleine Pause und hält sein Gesicht in die Sonne, während er das Treiben um die Verkaufstische beobachtet. "Früher haben wir vor Mai nichts hergegeben", erinnert er sich. "Es tut schon weh, wenn ich sehe, dass die Pflanzen kaputt gehen werden." Schließlich ziehe er sie mit viel "Herzblut" groß. "Inzwischen kommt die Reklame schon Ende Februar", schüttelt er den Kopf.

Lässt auf den baldigen Frühling hoffen: das Meer aus Geranien.

(Foto: Toni Heigl)

Sich gegen die Baumärkte durchzusetzen, fällt den Gärtnern nicht leicht. Der Familienbetrieb Roth ist einer der wenigen, der die Blumen noch selbst hochzieht. Die meisten seiner Kollegen kaufen nur noch beim Großhändler ein - passend zur Jahreszeit. Deshalb hat die Gärtnerei etwas ganz besonderes zu bieten: die bayerische Balkonpflanze des Jahres. Es ist die sinnliche Sissi. Im Gewächshaus steht sie bereits. Die ersten Blüten haben sich schon geöffnet, sie ist gelb-rot. "Man nennt sie auch 'Amore - queen of hearts', weil ein Herz in der Blüte ist", erklärt Roth junior. Er ist stolz auf diese neue Petunienzüchtung. Im Landkreis Dachau ist er der einzige der sie produzieren und verkaufen darf, weil er beim bayerischen Gärtnerverband ist.

Die sinnliche Sissi ist Georg Roths ganzer Stolz.

(Foto: Toni Heigl)

"Sie wird der Renner", da ist sich der Hebertshausener sicher. An die 700 Stück stehen gleich am Eingang des Gewächshauses bereit. Die ersten Kunden schlendern schon durch die Reihen, schauen sich interessiert die neuen Blumen an. Die tiefroten Herzen an den Blütenrändern beeindrucken sie sehr. Die sinnliche Sissi darf aber erst Ende April verkauft werden - für sie gibt es einen festen Verkaufsstart. Der ein oder andere Kunde hat sie sich aber schon vorgemerkt. "Die werden relativ schnell weg sein", prophezeit Roth.

Rudi Wollrab-Stinn freut sich über den Wochenendstrauß, den er für seine Frau ausgesucht hat.

(Foto: Toni Heigl)

Auch Dietgard und Norbert Knoll streifen schon um die Geranien und Balkonpflanzen herum. Sie sind im Pflanzfieber. "Wir haben schon so viel gekauft für die Töpfe auf unserer Terrasse", sagt Dietgard Knoll. "Primeln, Ranunkeln, Narzissen. Ich freu mich einfach daran, wenn es blüht." Doch für die Balkonpflanzen ist es noch zu früh. Roth rät dem Ehepaar, das extra aus Unterschleißheim nach Hebertshausen gekommen ist, ab, jetzt schon ihre Kästen zu füllen. "Die Eisheiligen sind erst Mitte Mai", erinnert der Gärtner. "Bis dahin muss man aufpassen." Er ist in voller Arbeitsmontur: grüne Hose, feste Stiefel, dunkles T-Shirt, kräftige zupackende Hände. Man sieht, dass er weiß, wovon er redet. In den Augen blitzt die Leidenschaft. "Die braucht man für diesen Beruf", sagt er. "Man kann sein Geld leichter verdienen." Das Ehepaar Knoll lässt sich überzeugen.

Die ersten Bestellungen für Balkonkästen hat Roth aber bereits entgegengenommen. Es ist ein besonderer Service der Gärtnerei, dass sie die Kästen für ihre Kunden wunschgemäß fertig macht. Demnächst wird gepflanzt - im Akkord. 14 Tage lang. Eine schweißtreibende Arbeit, der Senior macht mit. Kein Wunder, dass dieser Service bei den Kunden beliebt ist. Für sie ist es einfach: Keine Erde, kein Dreck, einfach abholen, aufhängen und alles ist schön. Der Baumarkt bietet das nicht.

Man muss sich abheben, besonderes bieten, um konkurrenzfähig bleiben zu können, das hat auch der Hebertshausener gemerkt. Das Geschäft mit den Pflanzen ist ein hart umkämpfter Markt, das Fachpersonal rar. Und so sieht man im Gewächshaus rund herum an den Glaswänden große Pflanzen stehen. Es sind Leihgaben von Kunden, die ihre Lieblinge zum Überwintern bringen. Nicht selten müssen sie erst einmal aufgepäppelt und von Schädlingen befreit werden, aber das macht der Gärtner mit Leidenschaft. Oliven, Zitronen, Oleander - eben alles was in der Kälte nicht überleben würde, steht hier. Es sind bewundernswerte Sträucher und Bäumchen in den Kübeln. Nach und nach bringt Roth sie den Eigentümern wieder zurück. Etwa 700 hatte die Familie Roth in ihrem Betrieb aufgenommen.

Je später es wird, um so mehr Autos fahren auf den Hof. Einer schleppt ein paar Erdbeerpflanzen zu seinem Wagen, eine Dame freut sich über die schönen Dekosachen, die sie eingekauft hat. Rudi Wollrab-Stinn will dagegen seine Frau überraschen. Er hat ihr einen "Wochenendstrauß" in gelb und orange gekauft. Der Schwabhausener kommt oft hierher. "Die Sträuße halten relativ lang", schwärmt er und seine Frau scheint seine Mitbringsel zu lieben. "Ich nehme immer Erdtöne - nicht zu dunkel", erklärt er. Christiane Röcken bindet an diesem Nachmittag unablässig neue Sträuße. Alles soll frisch sein. "Die meisten tun sich leichter, wenn sie eine Auswahl haben", weiß sie. Sich selbst den Strauß zusammensuchen, das mag nicht jeder. Es kommen viele Männer - auch junge. Röcken berät sie, ändert, packt ein. Sie macht es mit Leidenschaft. Das merkt man. Auch die Haimhausener Vizebürgermeisterin Claudia Kops ist begeistert von den tollen Sträußen in der Gärtnerei Roth: "Am liebsten mag ich sie blau mit weiß drin und ganz viel grün", sagt sie. "Das wissen die hier schon. Sie machen mir immer extra einen."

Die gute Beratung schätzt auch Horst Radivojevic sehr. Unter dem Arm trägt er ein kleine Kiste mit Primeln - die letzten in diesem Jahr. Die Gartenlust hat ihn längst gepackt. "Das wichtigste ist jetzt Farbe", sagt er. Er hat schon mächtig im Garten gegraben, geschnitten und umorganisiert. "Es ist mein Hobby", bekennt der Hebertshausener frei heraus. "Mein Garten ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Das, was letztes Jahr war, gefällt mir nicht mehr. Alles muss anders werden. Vielfalt ist wichtig." Mit Georg Roth philosophiert er darüber, warum das eine Primelchen immer größer und schöner wird und das andere eingeht. Oder er lässt sich beraten, welche Pflanzen Sonne brauchen, welche lieber im Schatten stehen und wie viel Feuchtigkeit nötig ist. "Ich will Erfolg haben, sehen wie alles wächst und Spaß haben an dem Feuerwerk, wenn alle Blüten aufgehen. Das ist die Krönung. Das macht mich sehr zufrieden", schwärmt er. Die Primeln unter seinem Arm, "die sind schon für nächstes Jahr", erklärt er.

© SZ vom 28.04.2017

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