Frauenhaus Dachau Geschütztes Zuhause auf Zeit

Farbe bekennen: Graffito an der Mauer der alten MD-Papierfabrik.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Frauenhaus Dachau bietet Frauen seit 20 Jahren Schutz, Unterkunft und Unterstützung, wenn sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Zum Jubiläum wird aber auch deutlich, dass die Kapazitäten längst nicht mehr zeitgemäß sind

Von Andreas Förster, Dachau

Der Eröffnung des Frauenhauses Dachau ging die sprichwörtlich schwere Geburt voraus. Vor ziemlich genau 30 Jahren, am 12. November 1988, hielt der Verein Frauenhaus-Frauenhilfe, dessen Zweck das Betreiben eines Frauenhauses war, seine erste Versammlung ab. Danach sollte es zehn Jahre dauern, bis das Haus zum Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt tatsächlich seine Türen öffnete. Währenddessen kämpfte die Initiatorin Gerdi Müller immer wieder gegen parteipolitische Windmühlen an. Erst nach Jahren intensiver Überzeugungsarbeit hatte sie die Mehrheit der Parteien im Kreistag hinter sich gebracht. "Bis auf die eine große", erinnert sie sich. In der Zwischenzeit bot der Verein den ehrenamtlich geführten Frauennotruf an. "Damals natürlich noch ohne Handy, das gab es ja noch nicht", erzählt Müller. Sie wohnte damals mit ihrer Familie in Markt Indersdorf. Als erste Frauenreferentin der Bayern-SPD hatte sie ein natürliches Interesse an Frauenthemen. Häuser für bedrohte Frauen gab es bereits in den größeren Städten, aber für Kreisstädte wie Dachau sah man dafür keine Notwendigkeit. Die heute 66-Jährige ließ nicht locker und fragte bei Pfarrern, Ärzten und Anwälten im Landkreis nach. Und siehe da: "Alle bestätigten den Bedarf", versichert Müller. Was dann begann, bezeichnet Müller als einen "langen, harten Kampf". Sie und ihre mit der Zeit zahlreicher werdenden Mitstreiterinnen und Mitstreiter mussten dicke Bretter bohren, um ein Frauenhaus als "notwendigen Bestandteil der sozialen Infrastruktur im Landkreis" durchzusetzen, so Müller. Die Diskussionen seien hochemotional gewesen.

Der erste Antrag im Kreistag wurde in der letzten Sitzung vor der Kommunalwahl 1996 vom damaligen SPD-Kreisrat und heutigen Awo-Dachau-Vorsitzenden Oskar Krahmer gestellt, aber nicht mehr behandelt. Erst eine Dienstaufsichtsbeschwerde erreichte, dass sich der neue Kreistag erneut mit dem Antrag beschäftigte. Einige Monate später kam es zu den entscheidenden Sitzungen des Kreisausschusses und des Kreistags. Mit einer hauchdünnen Mehrheit von SPD, Grünen, Freien Wählern und FDP wurde schließlich der Beschluss für ein Frauenhaus gefasst. Müller sieht diesen Einsatz als Beispiel für lebendige Demokratie. "Nur meckern genügt nicht, wir müssen uns einmischen und gestalten." Seit einigen Jahren ist das Frauenhaus komplett unter der Trägerschaft der Awo. Wie groß der Bedarf tatsächlich ist, belegen die Zahlen: 431 Frauen und 395 Kinder im Alter bis 17 Jahren haben in den vergangenen 20 Jahren eine Zeit im Frauenhaus verbracht, weil sie flüchten mussten vor häuslicher Gewalt.

Heute lebt Gerdi Müller wieder in München. Mittlerweile setzen sich andere für die von häuslicher Gewalt bedrohten Frauen im Landkreis Dachau ein. Fünf Mitarbeiterinnen teilen sich aktuell die Aufgaben im Frauenhaus: die Sozialpädagoginnen Sabine Zarusky und Martina Spierer, die Erzieherin und Sozialtherapeutin Birgit van Gunsteren, Maria Graf ist Erlebnispädagogin und Kunsttherapeutin, und Mediatorin Astrid Kovacs unterstützt die Bewohnerinnen in praktischen Dingen wie Einkaufen oder bei der Begleitung zu Ämtern oder zum Arzt. Die fünf arbeiten zusammen als sogenanntes Konsens-Team. "So möchten wir den Frauen und Kindern ein Vorbild für Gleichberechtigung und Demokratie sein", sagt van Gunsteren.

Primär bieten sie maximal fünf Frauen und sechs Kindern (bis 17 Jahre) aus Dachau und dem Landkreis, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, ein geschütztes Zuhause auf Zeit. Van Gunsteren: "Es gibt das Gewaltschutzgesetz. Frauen können den gewalttätigen Mann der Wohnung verweisen lassen. Allerdings fühlen sich viele Frauen dort trotzdem nicht sicher." Im Frauenhaus sind sie es. Die Adresse ist geheim. Trotzdem waren schon Männer vor dem Haus und wollten mit ihren Frauen sprechen oder sie holen.

Die Frauen - sie kommen aus allen Schichten und kulturellen Kreisen, betont van Gunsteren - bleiben durch die Wohnungsnot im Großraum München immer länger. Aufenthalte von einem Jahr sind keine Seltenheit mehr. Manche Frauen gehen aus Verzweiflung darüber zurück zu ihrem Mann. Dieses Jahr gab es 116 Anfragen und sieben Neuaufnahmen. 2017 waren es 173 Anfragen, davon konnten 161 nicht aufgenommen werden. "Das sind alarmierende Zustände", sagt van Gunsteren. Es bräuchte mehr Platz und bessere Förderung seitens des Freistaats. Die Förderrichtlinie stammt noch aus dem Jahr 1993. Das Krisentelefon (08000/116 016) ist trotzdem rund um die Uhr besetzt - von Ehrenamtlichen. Sollte kein Platz im Dachauer Frauenhaus frei sein, helfen die Mitarbeiterinnen bei der Vermittlung in eine andere Frauenunterkunft. In weniger akuten Fällen können Frauen aus Dachau und dem Landkreis für den nächsten freien Platz vorgemerkt und bis dahin begleitend beraten werden.

Die Jubiläumsfeier findet am Dienstag, 4. Dezember, im Beisein der bayerischen Familienministerin Kerstin Schreyer (CSU) im Thoma-Haus in Dachau statt. Parallel dazu gibt es im Stockmann-Saal eine Ausstellung mit Bildern, in denen sich Bewohnerinnen künstlerisch mit ihrem Alltag im Frauenhaus auseinandersetzen.