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Franziskuswerk Schönbrunn:Im Krisenmodus

Die Bewohner des Franziskuswerks gehören zur Risikogruppe. Für sie werden die Schutzmaßnahmen noch lange gelten

Im Franziskuswerk sah man die Katastrophe schon früh kommen. Anfang Februar fing die Geschäftsleitung der Einrichtung für geistig und mehrfach Behinderte bereits damit an, Schutzausrüstung aufzustocken, damals noch zu einem Maskenpreis von fünf Cent das Stück. Heute kosten sie das Zwölffache. "Das ist sogar noch günstig", berichtet Geschäftsführerin Michaela Streich, die nun erneut nachbestellen musste. Sie hat gerade 50 000 Masken. "Es herrscht Goldgräberstimmung unter den Anbietern", sagt sie. Die 40 000 Euro, die sie nun bezahlen musste, wirbeln, wie viele andere Zusatzausgaben, das Budget des Franziskuswerks Schönbrunn kräftig durcheinander.

Franziskuswerk

Für Michaela Streich, Geschäftsführerin des Franziskuswerks, steht der Schutz der Bewohner an erster Stelle.

(Foto: oh)

Zwar werden sie auch mit Lieferungen des Katastrophenschutzes im Landkreis bedacht, darunter FFP2-Masken, Einmal-Schutzkittel und -Handschuhe, Desinfektionsmittel. Doch das decke nur ein Drittel des Bedarfs ab, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Markus Holl. Die angestellten Mitarbeiter produzieren deshalb Schutzmasken und Kunststoffgesichtsschutz in den eigenen Werkstätten, man habe zudem zu Spenden aufgerufen, so Holl. Bislang kamen so etwa 3600 Masken und Schilder für den Gesichtsschutz zusammen, knapp die Hälfte davon von freiwilligen Helfern. "Die Unterstützung durch die Bevölkerung ist überwältigend", freut sich Michaela Streich. Sie bleibt deshalb optimistisch - trotz widriger Umstände. Seit dem 13. März ist das Franziskuswerk nämlich eine geschlossene Einrichtung. Besuche sind verboten, auch in den Außenwohngruppen. Die Werkstätten wurden dichtgemacht. Die Bewohner müssen weitgehend auf ihren Zimmern bleiben, die Mitarbeiter dürfen unter den allgemein geltenden Vorsichtsmaßnahmen weiterarbeiten. "Wir haben Aufträge von Automobilzulieferern oder großen Schreinereien, die wir erfüllen wollen", sagt Holl. Gerade die Bewohner leiden unter den Einschnitten in die gewohnte Struktur und vermissen die Kontakte zu ihren Freunden und Angehörigen. Das sei für auch für die therapeutischen Mitarbeiter in den Gruppen eine Belastung. "Sie arbeiten im Krisenmodus", weiß Streich. Wichtig sei vor allem, den Bewohnern "eine alternative Struktur anbieten zu können", sagt sie. Die neuen Pläne ließen Raum für gemeinsame Essensvorbereitung, Spaziergänge, Basteln, Kartenschreiben, bei einige in den Außenwohngruppen sogar für gemeinsame Einkäufe. Weil sie für zehn Personen einkaufen und somit etwas mehr im Einkaufswagen landet, löste das negative Reaktionen im Supermarkt aus. Seitdem hängt am Einkaufswagen ein Schild "Wir sind eine Wohngruppe und brauchen ein bisschen mehr, sorry." Es gibt neuerdings außerdem einen eigenen TV-Sender, der die Bewohner und Mitarbeiter über den hauseigenen Kanal mit den neuesten Informationen und ermutigenden Beiträgen versorgt: "Franz TV". Das Programm wird durch die Fachdienste gestaltet und von der Initiatorin Sonja Bogatekin moderiert. Sie hat dafür ein kleines Produktionsstudio in einem Nebenraum der Josefskirche eingerichtet, aus der auch der Sonntagsgottesdienst live gestreamt wird.

Franziskuswerk

Der stellvertretende Geschäftsführer Markus Holl sorgt sich um die Beschaffung von Schutzkleidung.

(Foto: oh)

Trotzdem steht das Krisenteam täglich vor neuen Herausforderungen: Am vergangenen Freitag fiel die Entscheidung, für die an Covid-19 erkrankten Bewohner eine eigene, separierte Gruppe aufzumachen. "Der Schutz unserer Bewohnerinnen und Bewohner steht für uns an erster Stelle", sagt Streich. Zum Glück gebe es bislang keine schweren Verläufe. Betroffen seien aber auch einige Mitarbeiter, die sich nun in Quarantäne befänden. Alle Maßnahmen rund um Covid-19 würden mit dem Landratsamt abgestimmt, so Streich.

Es werde noch lange dauern, bis wieder Normalität unter den etwa 800 Bewohnern in Schönbrunn einkehrt, befürchtet sie. Denn wenn die allgemeinen Beschränkungen wieder aufgehoben würden, sei die Gefahr für sie noch nicht vorüber. "Die Mitarbeiter können sich auch später noch anstecken, deshalb müssen die Schutzmaßnahmen noch lange aufrechterhalten bleiben."

© SZ vom 07.04.2020

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