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Feuerwehr Karlsfeld:Mit vollem Einsatz

Feuerwehrkommandant

Kommandant Michael Peschke freut sich auf den Besuch von Staatssekretär Gerhard Eck im Januar.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mithilfe einer Werbekampagne hat die Karlsfelder Freiwillige Feuerwehr 18 neue Mitglieder anwerben können - so viel wie keine andere Wehr in Deutschland

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

In Karlsfeld ist man freudig überrascht, im benachbarten Dachau fast schon etwas neidisch: 18 neue Männer und Frauen im Team der Feuerwehr. So viele habe in den vergangenen Jahren keine Wehr in Deutschland gewinnen können - und schon gar nicht innerhalb von nur drei Monaten, sagt Michael Konrad, Projektleiter der Karlsfelder Truppe. Kein Wunder, dass die Mitgliederwerbung der Karlsfelder Aufsehen erregt hat. Sogar der Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Gerhard Eck, ist aufmerksam geworden. Am Montag wollte er Kommandant Michael Peschke zur gelungenen Kampagne gratulieren und sich gleichzeitig über alle Details informieren. Doch Corona kam ihm dazwischen: Als Kontaktperson musste er sich in Quarantäne begeben. Sein Besuch in Karlsfeld ist auf Januar verschoben.

"Es ehrt uns", sagt Konrad, froh über diese Art der Wertschätzung. Seit Jahren klagen die Feuerwehren landauf, landab über zu wenige Freiwillige. Viele haben schon versucht, mit Plakaten und Sprüchen neue Aktive zu werben. Doch die Erfolge waren immer mäßig. Verwunderlich sei das nicht, meint Konrad. "Sprüche wie ,Wir brauchen Dich' oder ,Stell Dir vor, es brennt und keiner geht hin' sind langweilig. Das lockt niemanden." Die Karlsfelder waren da deutlich frecher. Im Frühjahr schrieben sie unterstützt von der Dachauer Werbeagentur "Weimar & Paulus" mit schrillen Farben reißerische Slogans wie "Karlsfeld brennt", "Wenn in Karlsfeld alle wegrennen ..." und "Karlsfeld steht das Wasser bis zum Hals" auf riesige Stellwände. Das hat seine Wirkung entfaltet, die Bürger neugierig gemacht und zum Nachdenken angeregt. Jetzt im Herbst legten die Feuerwehrler noch eine Schippe drauf. In riesigen Lettern steht nun beispielsweise "ordentlich saufen" auf Plakaten. Geht man näher heran, liest man: "Die einzigen, die bei uns ordentlich saufen, sind die Wassertanks unserer Löschfahrzeuge". "Wir nehmen uns in dieser zweiten Kampagne selbst auf die Schippe und räumen mit Vorurteilen auf", sagt Konrad. "Wir wollten jung, frisch und modern rüberkommen." Das ist gelungen.

"Nur so bekommt man Aufmerksamkeit", meint Konrad. Es klingt fast ein bisschen verzweifelt. Aber das war die Karlsfelder Feuerwehr auch, als sie vor etwa einem Jahr im Gemeinderat um einen Zuschuss bat, um diese Mitgliederwerbung überhaupt machen zu können. Peschke schlug Alarm: In zwei Jahren, wenn das knapp vier Hektar große Ludl-Gelände bebaut sei, könne die Feuerwehr im Notfall womöglich nicht mehr adäquat helfen, sagte er. Die Zahl der Aktiven sei seit 1987 gleich geblieben, die Einwohnerzahl habe sich dagegen vervielfacht. 270 Prozent Einsätze mehr müssten die Ehrenamtlichen heute leisten, so Peschke. Das kostet viel Zeit und Kraft. "Besonders an den Wochenenden tut es weh", sagt Konrad. Habe man Bereitschaft, müsse man jederzeit innerhalb von fünf Minuten am Feuerwehrhaus sein. Im Sommer bedeute dies, dass man nicht mal im Karlsfelder See baden könne. Doch 15 neue Männer und drei Frauen, sowie fünf Jugendliche geben Hoffnung. Noch sind die Neuen zwar in der Grundausbildung, aber sie fahren bereits erste Einsätze mit. 2022 soll der Bereitschaftsdienst um eine Gruppe erweitert werden. "Das entlastet jeden", so Konrad.

Als die freiwilligen Helfer vor einem Jahr zur Agentur Weimar & Paulus kamen, hofften sie, innerhalb eines Jahres zehn Neue für ihre Truppe zu finden. "Wir dachten, das wird sportlich", sagt Peschke. "Anfangs wurden wir deshalb sogar von vielen belächelt." Doch die Kritiker und Zweifler sind längst verstummt. Die Karlsfelder Feuerwehr hat deutlich mehr Leute akquirieren können als sie es sich selbst je erträumt hätte - und das trotz Corona. Die Krise hat die Bedingungen, neue Mitglieder zu finden, zwar deutlich erschwert, waren doch keine geselligen Abenden und Übungen möglich. Das machte ein Kennenlernen schwierig - besonders im Lockdown, aber auch später, wo Abstand halten und Maske tragen das oberste Gebot war. Doch die Karlsfelder zeigten sich erfinderisch: Per Videochat kam man ins Gespräch. Jeder Neue bekam zudem einen Paten, den er jederzeit fragen kann. Das kam an. "Die Feuerwehrler haben von Anfang an tatkräftig mitgearbeitet, sich nicht zurückgelehnt", lobt Philipp Paulus. Besonders stolz sind die Aktiven auf ihren neuen Slogan: "Stark für Dich, noch stärker mit Dir", den sie sich selbst ausgedacht haben.

Trotz des großen Erfolgs soll im nächsten Jahr weitergemacht werden. "Wir sind zwar sehr zufrieden, aber noch ist nicht alles wieder gut", sagt Konrad. Gerade mal die ärgste Not der Brandbekämpfer ist gebannt. "Jedes Jahr fünf neue Aktive, das wäre gut", so Konrad. Auch weil Karlsfeld weiter wächst. Allein die etwa 300 neuen Wohnungen auf dem Ludl-Gelände bedeuten laut Konrad wieder bis zu sieben Prozent mehr Einsätze.

Unterdessen haben die Dachauer Kollegen den Weg der Karlsfelder genau beobachtet. Sie wollen nun ebenfalls eine derartige Kampagne ausprobieren und hegen die Hoffnung, so nicht noch mehr hauptamtliche Feuerwehrler einstellen zu müssen. In Karlsfeld betrachtet man dies mit Stolz. Auch dass über die Kampagne bereits im Feuerwehrmagazin berichtet wurde. "Es hat sich in Deutschland rumgesprochen", sagt Konrad. Ab und zu klingelt nun das Telefon, Kommandanten von überall her erkundigen sich und loben die "klasse Aktion".

© SZ vom 03.12.2020
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