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Festival der Kleinkunstbühne Leierkasten:"Cuchi, cuchi"

Die sieben Musiker der Akkordeonale feiern mit einem kleinen Ritual ihren exzellenten Auftritt in der Dachauer Friedenskirche. Das internationale Ensemble begeistert mit bessarabischen Klängen, klassischer Romantik, Jazz und zeitgenössischer Musik

Beim Musizieren sprechen sie dieselbe Sprache. Ihre Finger gleiten mühelos über die Knöpfe und Tasten, sie sind eins mit der Musik, grinsen sich schelmisch an oder wiegen sich im Takt. Doch spätestens beim Einzählen wird klar: Hier steht ein internationales Ensemble auf der Bühne. Un, deux, trois, quatre. One, two, three, four. Eins, zwei, drei vier. Jeden, dwa, trzy, cztery. Bei der diesjährigen Akkordeonale sind Musiker aus Belgien, Polen, Moldawien, Deutschland und der Niederlande mit dabei. Am Samstag zeigten sie dem dicht gedrängten Publikum in der Dachauer Friedenskirche, was vom bessarabischen Wirbelwind bis hin zu moderner klassischer Musik alles auf dem Akkordeon möglich ist.

Im Wechsel spielen Anatol Eremciuc, Inga Piwowarska, Raquel Gigot, Jan Budweis und Servais Haanen auf dem Festival der Kleinkunstbühne Leierkasten Interpretationen bekannter Stücke und Eigenkompositionen solo oder im Ensemble am Akkordeon. Begleitet werden sie dabei von Kaja Meller am Flügelhorn und Johanna Stein am Cello. Für Erheiterung zwischen den Stücken sorgt Servais Haanen auch als Moderator mit seinem trockenen Humor. "Ich habe solche Sätze, die sagen mir die Musiker, dass ich sie über sie sagen soll. Zum Beispiel sagt Anatol, dass er Musik macht, um zu teilen, was in seinem inneren Universum vorgeht", erfährt das Publikum von Haanen, der sich allerdings nicht immer an die Vorgaben seiner Kollegen hält und stattdessen etwa von deren Leibspeisen berichtet. So zeigen sich über den Abend hinweg nicht nur in musikalischer Hinsicht vielfältige Charaktere.

Jan Budweis aus Berlin überzeugt auf dem Diatonischen Akkordeon mit traditioneller Tanzmusik. Mit sanftem Lächeln spielt er Stücke über die Uckermark ebenso wie sein Lieblingslokal auf Kuba, in den Köpfen der Zuhörer scheinen die Tänzer dort wie da ihre Runden auf dem Parkett zu drehen.

Die Belgierin Raquel Gigot, die nur wenige Tage vor Tourneebeginn für die angekündigte Texanerin Ginny Mac eingesprungen ist und bereits 2014 Teil der Akkordeonale war, begeistert das Dachauer Publikum nicht nur mit ihrer Swing-Jazz-Interpretation der Musette, sondern auch mit ihrer fabelhaften Stimme. Leidenschaftlich bietet sie etwa L'Accordéoniste dar, ein Chanson von Edith Piaf, das von der traurigen Liebe einer Prostituierten zu einem Akkordeonisten handelt. Die Musette sei eine nie verloren gegangene Liebe, bereits als Kind habe Gigot sie im Radio gehört, so stellt Servais Haanen seine Kollegin vor. Er selbst stammt aus den Niederlanden und organisiert bereits zum elften Mal die Akkordeonale. Als "Meister der feinen Klänge" ist Haanen bekannt, in die humorvoll erzählten Erlebnisse über die Entstehung seiner Kompositionen kann man sich ob der Klänge, die er seinem Akkordeon entlockt, problemlos hineinversetzen.

Wilder geht es hingegen zu, wenn der Moldawier Anatol Eremciuc zu spielen beginnt. Er bringt den bessarabischen Wirbelwind - Moldawien war früher unter dem Namen Bessarabien besser bekannt - nach Dachau und reißt das Publikum mit seinem spitzbübischen Blick und leidenschaftlichem Spiel aus dem bloßen Staunen heraus. "In Spanien sprechen die Leute immer während der Konzerte. Aber hier in Deutschland wissen sie, wie man zuhört, alles ist leise", lobt Eremciuc, der seine Karriere als Straßenmusiker in Frankreich und Spanien begann, das Publikum.

Tosenden Applaus - noch bevor der letzte Ton verklungen ist - gibt es dafür für Inga Piwowarskas Interpretation einer Haydn-Sonate. Die Polin hat sich der klassischen Musik verschrieben und brilliert mit Eigenkompositionen ebenso wie Interpretationen klassischer Stücke. "Alles was Inga tut, tut sie richtig gut", Haanen ist begeistert von der jungen Musikerin, die auch bei internationalen Wettbewerben überzeugen kann.

Eigenkompositionen sind auch das Spezialgebiet der Polin Kaja Meller, die sich am Flügelhorn harmonisch einfügt, "obwohl sie als Jazzerin ganz anders denkt als wir", wie Haanen sagt. Die deutsche Johanna Stein ist bereits zum vierten Mal als Cellistin bei der Akkordeonale mit dabei und überzeugte in jeglicher Stilrichtung.

So verschieden die sieben Musiker auch sein mögen, im Kollektiv wirkten sie wie eine große Familie unter Haanens schützender Hand. "Anfangs kannten wir uns überhaupt nicht, mittlerweile sind wir richtig gute Freunde", erzählt Raquel Gigot in der Pause. 36 Tage lang sind sie gemeinsam im Bus unterwegs, mehrere hundert Kilometer legen sie an manchen Tagen zurück, um zum nächsten Tourneehalt zu gelangen. "Das ist schon anstrengend und wir vermissen unsere Familien, aber zum Glück können wir ihnen ja Bilder über die sozialen Medien schicken oder telefonieren", sagt Eremciuc.

Außerdem kommt der Spaß trotz sprachlicher Barrieren - es gibt keine Sprache, die alle von ihnen sprechen - nie zu kurz. Ein kleines Ritual habe sich zudem eingebürgert, wie sie beim Pausengespräch verraten: Nach einem erfolgreichen Abend stehen sie alle gemeinsam im Kreis, fassen sich an den Schultern und rufen "Cuchi, cuchi" - dieser Ausruf habe zwar keine besondere Bedeutung, aber als Insider habe er sich in der Gruppe etabliert. Bevor es an diesem Abend in der Friedenskirche allerdings soweit ist, werden auf den tosenden Applaus des Publikums hin noch zwei Zugaben gespielt.