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Feier im Thoma-Haus:Ein Held des Alltags

Das Bündnis für Dachau verleiht den Hermann-Ehrlich-Preis an Claus Dieter Möbs. Der Pfleger und Betriebsrat des Amperklinikums hat sich jahrelang gegen die Profitinteressen der Klinikkonzerne für eine humane Pflege eingesetzt

Orden und Auszeichnungen werden oft verliehen, aber nicht immer bekommt man dabei einen wahren Helden des Alltags, wie die SPD-Politikerin Ulrike Mascher den Preisträger nennt, zu Gesicht. "Claus Dieter Möbs ist der Motor im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen im Krankenhaus Dachau", sagt Mascher, bayerische Vorsitzende des Sozialverbands VdK, bevor ihm das Bündnis für Dachau am Sonntagvormittag im Thoma-Haus den Hermann-Ehrlich-Preis verleiht.

Hermann-Ehrlich-Preis

Preisträger Claus Dieter Möbs bei der Verleihung des Hermann-Ehrlich-Preises.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Claus Dieter Möbs wird für sein Engagement als langjähriger Betriebsrat des Dachauer Klinikums geehrt, mehr als zwanzig Jahr e lang setzte er sich für die Pflegekräfte ein. Er hat die Privatisierung des einst kommunalen Dachauer Klinikums mit erlebt, die Verkäufe der Klinik, wechselnde Geschäftsführer und den Kampf gegen den nach wie vor vorherrschenden Pflegenotstand, jetzt im Helios Amper-Klinikum. Insofern geriet die Preisverleihung gleich zu einer politischen Veranstaltung mit Podiumsdiskussion: Möbs Auszeichnung solle ein Zeichen gegen die "zunehmende Ökonomisierung der Krankenpflege" setzen, sagt Ulrike Mascher. Sie betont: "Gesundheit ist kein Industrieprodukt, das durch Sparmaßnahmen zu immer mehr Renditen führen kann."

Hermann-Ehrlich-Preis

Das Bündnis ehrt Menschen mit herausragendem Engagement für soziale und politische Gerechtigkeit.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das ist das Stichwort für Möbs, der mit drastischer Ehrlichkeit von seinen persönlichen Erfahrungen in der Pflege berichtet. "Man geht nur noch von Zimmer zu Zimmer, um zu sehen: Leben die noch? Viele Auszubildende gäben den Beruf auf, Möbs spricht von Burn-Out mit 25, von Frührente mit 30 Jahren. Die alltägliche Belastung und der Druck seien einfach zu hoch. Die Humanität in der Pflege sei verloren gegangen, der Klinik gehe es einzig um Rendite, nicht um das Wohl von Patienten und Mitarbeitern. "Früher konnte ich mich als Pfleger für ein paar Minuten an das Bett der Patienten setzen und kurz mit ihnen reden", sagt Möbs. Heute sei das nicht mehr möglich. Auf eine Station mit 70 Betten komme eine ausgebildete Pflegekraft und eine Hilfsperson - viel zu wenig, da sind sich alle Anwesenden einig.

Hermann-Ehrlich-Preis

Die Besucher im Thoma-Haus diskutierten im Anschluss über den Pflegenotstand im Klinikum.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Bei der Podiumsdiskussion wird rasch klar: Für eine Verbesserung sind nicht nur mehr Pflegekräfte nötig, sondern ein grundsätzliches Umdenken in Politik und Gesellschaft. Thomas Binsack, Leiter der Palliativstation des Münchner Krankenhauses Barmherzige Brüder, sagt, Vorbild für eine neue Haltung zur Pflege könne die Entwicklung der Palliativmedizin sein, die auch die anderen Podiumsmitglieder als "Erfolgsgeschichte" bezeichnen. Hier stünde die Linderung der Schmerzen und das gesamtheitliche Wohl der Patienten im Vordergrund - und eine dementsprechende Pflege brauche eben Zeit, erklärt Binsack. Stattdessen werde die Versorgung und der Anspruch auf gute Pflege pauschalisiert und in ein Budget gepresst. Es geht dabei um das System der Fallpauschalen: Die Krankenkassen legen eine mittlere Aufenthaltsdauer für einen Patient je nach Operation im Krankenhaus fest. "Dabei sieht man nicht den einzelnen Menschen, sondern nur ein Knie oder eine Hüfte", sagt Binsack.

Auf welche Resonanz stieß Claus Dieter Möbs in Dachau, als er den Kampf für die Pflegekräfte in Dachau begann, insbesondere von den politischen Vertretern? "Es gibt nur wenige, die sich wirklich bemüht haben", sagt Möbs. Die Lokalpolitik habe die Sache heruntergespielt, man "könne nichts ändern", habe es oft geheißen. Versprochen wurde: "Wir können das Krankenhaus jederzeit wieder zurückkaufen, wenn es mal klemmt", erinnert sich Möbs - bis heute ist das nicht geschehen. Der Landkreis hält noch fünf Prozent der Anteile an der Klinik, nennenswerten Einfluss hat er nicht. Wie könnte das Dachauer Krankenhaus wieder öffentlich werden? fragt ein Besucher. Kathrin Weidenfelder, Verdi-Vertreterin nennt den Kauf durch öffentliche Organe oder den Aufbau einer Genossenschaft als Möglichkeit. Um eine Veränderung bewirken zu können, müssten aber vor allem Bürger und Politiker die Pflege zum Thema machen. Ulrike Maschner: "Dieses Thema kann uns alle persönlich betreffen, dessen sollten wir uns bewusst sein." Thomas Binsack erhofft sich von der aktuellen Situation im Helios-Krankenhaus eine Veränderung: Die Klinik hat 2017 einen Rückgang der Patientenzahlen sowie der Rendite verzeichnen müssen. Eine neue Strategie sei also unausweichlich und müsste gemeinsam entwickelt werden.

Möbs seine Wünsche für das Krankenhaus Dachau: Es solle wieder ein Betrieb werden, in dem Pfleger, Ärzte und alle Beteiligten zusammenarbeiten. Die meisten Ärzte seien vorübergehend in Dachau, selten gingen sie auf das Pflegepersonal und den Notstand ein. Vor allem sollten Pflegekräfte sich wieder mehr Zeit für ihre Patienten nehmen könnten. Denn: Ohne das entsprechende Maß an Empathie könne gute und humane Pflege nicht funktionieren

© SZ vom 26.11.2018

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