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Erwachsenenbildung:Geprüfte Lernqualität

Als erste Volkshochschule im Landkreis hat die VHS Dachau ein europäisches Qualitätszertifikat erworben. Im Januar konnte sie zwei neue Räume beziehen. In der Brunngartenstraße verfügt sie über moderne Technik und barrierefreie Zugänge

Von Walter Gierlich, Dachau

Erwachsenenbildung hat in Bayern Verfassungsrang und im erst 2018 verabschiedeten "Gesetz zur Förderung der Erwachsenenbildung in Bayern" wird sie noch einmal ausdrücklich als "eigenständiger, gleichberechtigter Hauptbereich des Bildungswesens" bezeichnet. Doch staatliche Förderung dafür wird es von 2020 an nur noch für Einrichtungen geben, die im Besitz eines Committed-to-Excellence-Zertifikats sind. Die Dachauer Volkshochschule (VHS) ist als erste im Landkreis seit November Träger dieses international anerkannten Zertifikats. Sie musste dafür die vorgeschriebene Qualitätsprüfung nach dem EFQM-Modell (European Foundation for Quality Management) absolvieren.

Deutschkurse für Asylbewerber wie hier an der VHS Ismaning machen auch in Dachau einen Großteil der Stunden aus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es habe die Verantwortlichen der VHS viel Schweiß und Nerven gekostet, wie Geschäftsführer und pädagogischer Leiter Matthias Buschhaus einräumt, doch nun habe man erst einmal für drei Jahre Ruhe, bis die nächste Begutachtung anstehe.

Würde der Staatszuschuss wegen des fehlenden Qualitätsmanagement-Zertifikats wegfallen, dürfte die Dachauer VHS wohl in erhebliche finanzielle Probleme kommen. Schließlich machen die Zuschüsse vom Land Bayern und der Stadt Dachau, die Träger der Einrichtung ist, nach Aussage von Buschhaus zusammen etwa 30 Prozent der Einnahmen aus. Die weiteren 70 Prozent stammen zu je 35 Prozent aus Teilnehmergebühren und aus den Einnahmen der Integrationskurse, die zum Teil von den Schülern und zum Teil von Jobcenter oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bezahlt werden. 2017 nahmen 10 447 Personen an insgesamt 982 Veranstaltungen teil und absolvierten zusammen 158 521 Doppelstunden.

Das Haus der Erwachsenenbildung an der Thoma-Wiese neben der Greta-Fischer-Schule in Dachau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"2018 ist die Zahl der Veranstaltungen auf mehr als 1000 gestiegen", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Yvonne Schütt. Die Integrationskurse für Migranten stellen seit einigen Jahren für die VHS Dachau einen großen Programmbereich dar. Als einzige VHS im Landkreis bietet sie diese Kurse an. Sie bestehen aus 600 Stunden Deutschunterricht sowie 100 Stunden Orientierung zu den Themen Politik, Geschichte und Gesellschaft in Deutschland. "Am 1. Januar 2018, erhielten wir für weitere vier Jahr die Lizenz für Integrationskurse", erklärt Buschhaus. In den ersten Jahren seien fünf bis sieben Kurse parallel abgehalten worden, an denen EU- und Nicht-EU-Bürger, anerkannte Flüchtlinge sowie Asylbewerber aus Syrien, dem Irak, Iran, Eritrea und Somalia teilnehmen können. "Vorgeschaltet ist ein standardisierter Einstufungstest", erläutert Buschhaus weiter. In den Jahren 2015/16, als besonders viele Geflüchtete ankamen, habe die VHS bis zu 22 Integrationskurse nebeneinander angeboten. Momentan laufen nach Auskunft des VHS-Leiters 17 solcher Unterrichtseinheiten. Zudem nimmt die VHS Dachau seit Jahren die Sprachprüfungen für Ausländer ab, die deutsche Staatsbürger werden möchten. "Wir haben alle sechs bis acht Wochen eine Einbürgerungsprüfung mit zwölf bis 15 Personen pro Termin", sagt Buschhaus.

Info

Die Revolution von 1918 hat für die Menschen in Deutschland viel Positives bewirkt: Erstmals wurde im Anschluss daran vor 100 Jahren eine demokratische Verfassung verabschiedet und beispielsweise das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag eingeführt. Viel weniger bekannt ist eine weitere Errungenschaft, die vor einem Jahrhundert ihren Anfang nahm: In vielen Städten und Gemeinden wurden Volkshochschulen (VHS) gegründet und damit die Erwachsenenbildung zu einem eigenständigen Bildungsbereich erklärt. Später wurde im Artikel 139 der 1946 in Kraft getretenen Bayerischen Verfassung sogar festgelegt: "Die Erwachsenenbildung ist durch Volkshochschulen und sonstige mit öffentlichen Mitteln unterstützte Einrichtungen zu fördern." Im Landkreis Dachau dauerte es nach einem kurzlebigen Versuch in der ersten Nachkriegszeit, über den nur wenig bekannt ist, Jahrzehnte, bis dieser Verfassungsartikel umgesetzt wurde.

Zu Beginn der Siebzigerjahre wurde dann die erste VHS im Landkreis Dachau etabliert, in der Gemeinde Karlsfeld. Einige Jahre später folgte die Gründung der VHS Dachau, und nach und nach wurden in den meisten Landkreisgemeinden, anfangs durchaus in Konkurrenz zum Dachauer Forum, das bereits seit 1969 als katholische Erwachsenenbildungseinrichtung existierte, Volkshochschulen ins Leben gerufen. Heute gibt es neben den beiden großen VHS-Einrichtungen in Dachau und Karlsfeld die Volkshochschulen Dachau Land, unter deren Dach zehn örtliche Einrichtungen versammelt sind, sowie eine eigenständige VHS in der Marktgemeinde Indersdorf. W.G.

Viele Volkshochschulen müssen sich dem Problem stellen, die Menge an Kursen und Einzelveranstaltungen räumlich unterzubringen. Hier kann man in Dachau derzeit Entwarnung geben: "Wir können uns im Moment noch entspannt zurücklehnen, weil wir dank Landrat und Schulleitung des Effner-Gymnasiums und der Berufsschule den Pavillonbau an der ehemaligen Realschule in der Steinstraße nutzen können", so Buschhaus. "Das war die Rettung der Integrationskurse." Denn die Thoma-Schule, an der sie bisher stattfanden, wird seit 2016 von der Mittelschule Dachau-Süd genutzt, die generalsaniert werden muss.

Und glücklicherweise konnte die VHS in diesem Januar die neu renovierten Räume an der Brunngartenstraße 5a wieder beziehen. Dort befinden sich zwei größere Vortragsräume, zwei kleinere Räume für Fachkurse sowie ein Bewegungs- und ein EDV-Raum. Während der zweijährigen Umbauphase wurde die VHS in die Planung der Räume miteinbezogen, die nun mit Active-Panel-Boards, also interaktiven Tafeln, ausgestattet sind, modernen, zeitgemäßen Standards entsprechen und endlich auch "erwachsenengerecht" sind. "Kurse, die bisher nicht angeboten werden konnten, sind jetzt möglich", so die stellvertretende pädagogische Leiterin Anita Engelbrecht. Dank eines Aufzugs verfügt nun die Volkshochschule erstmals über barrierefreie Unterrichtsräume, sodass sie auch für Menschen mit Behinderung zugänglich sind. Yvonne Schütt meint: "Das ist wichtig auch für ältere Teilnehmer. Wir haben viele über 80 Jahre, welche die Treppen nicht mehr schaffen." Für sie gehört die Barrierefreiheit zur Bildungsgerechtigkeit.

Für Buschhaus ist bei aller derzeitigen Gelassenheit klar: "Ohne Steinstraße und Brunngartenstraße würde Raumnot herrschen." In Zukunft wird die Volkshochschule wieder auf ihren angestammten Standort auf der Thoma-Wiese zurückkehren. Die Mittelschule Süd, von der momentan die Thoma-Schule genutzt wird, kann im nächsten Schuljahr in ihr saniertes Gebäude an der Eduard-Ziegler-Straße zurückkehren. Buschhaus rechnet damit, dass die VHS nach einer Renovierung des Thoma-Schulhauses Ende 2021/Anfang 2022 den Bau beziehen wird. "Das ist gut im Zeitplan", versichert er. "Wir sind in die Planung einbezogen, die immer in Absprache mit uns erfolgt", betont Anita Engelbrecht und zeigt dabei Pläne für die künftige Gestaltung des Schulhauses aus den Zwanzigerjahren. Wenn die Sanierung der Thoma-Schule abgeschlossen ist, soll eine grundlegende Erneuerung des benachbarten Hauses der Erwachsenenbildung in Angriff genommen werden. Wie später das renovierte Gebäude genutzt wird, ist noch fraglich. Buschhaus, Schütt und Engelbrecht hoffen jedenfalls, dass die VHS auch dort zum Zuge kommt.

© SZ vom 26.02.2019

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