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Eröffnungswochenende:Flüchtige Augenblicke einfangen

Die Künstlerinnen der Ateliers in Stetten stellen gemeinsam mit Freunden und Bekannten aus. Sie spüren dem Vergehen der Zeit nach und nutzen ungewöhnliche Materialien

Von Magdalena Hinterbrandner, Schwabhausen

"Zeit ist Illusion", sagt Künstlerin Anne Hein. "Eine vom Menschen geschaffene Größe, die es eigentlich nicht gibt." Diese These soll ihr Kunstwerk in der Ausstellung "Temporääär 3.0" im Künstlerhof Werkstetten in Stetten bei Schwabhausen zum Ausdruck bringen. Insgesamt neunzehn Künstler stellen in den alten Schreinereiräumen ihre Kunstwerke in kleiner, gemütlicher Atmosphäre aus. Darunter abstrakte Gebilde, Zeichnungen, Fotografien und Werke und Gebilde aus den verschiedensten Materialien. Da ist von Glas, Textil über Silber und Plastik bis hin zur Lichtinstallation alles dabei.

Anne Hein hat in Stetten ihr Atelier und ist Veranstalterin der bereits zum dritten Mal stattfindenden Schau. Ihr Kunstwerk ist eine Anordnung von Glaselementen und Spiegeln, die von der Decke ihres Ateliers hängen. Mit Licht und Musik ist dieser Aufbau in sich geschlossen. Sogar von einem befreundeten Künstler baut sie eine Skulptur mit ein: Die Figur eines kleinen Jungen von Bildhauer Peter Hermann kniet am Boden und schreibt mit Kreide Rainer Maria Rilkes Gedicht "Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!" auf den dunklen Holzboden. Eines von Anne Heins Lieblingsgedichten. Im Hintergrund läuft leise Musik aus dem Rilke-Projekt der Gruppe Schönherz und Fleer.

Ein Junge, der ein Gedicht von Rilke schreibt.

(Foto: Toni Heigl)

Anne Hein arbeitet in den Werkstetten gemeinsam mit drei anderen Künstlerinnen. Zum dritten mal findet die Temporääär-Ausstellung in den Räumen der vier Ateliers statt, zu der die Frauen auch Freunde und Bekannte eingeladen haben. Nicht nur aus Bayern, auch aus Rheinland-Pfalz, woher Anne Hein stammt. Durch ihre Arbeit mit Glas gibt es auch Kontakte zum Bild-Werk Frauenau. Daraus ergibt sich für die Ausstellung eine Vielfalt an Werken und Arbeitsweisen; zu sehen sind Fotografien, Zeichnungen, Montagen, Skulpturen aus Bronze oder Holz.

Vor fünf Jahren haben Claudia Höchtl und Anne Hein zusammen die ehemaligen Schreinereigebäude in Künstlerwerkstätten verwandelt, Veranstaltungen mit Kleinkunstbühnen, Kunst und Musik werden organisiert. Es ist ein kleines Kulturzentrum geworden. Mit Angela Lenk und Silberschmiedin Ursula Leitner sind Anne Hein und Claudia Höchtl die vier Künstlerinnen, die im Künstlerhof Werkstetten eine Art "Künstler-WG" bilden. Jede hat ihr eigenes Atelier, aber natürlich wird oft zusammen gegessen oder Pause gemacht.

Die Ausstellung in Stetten ist abwechslungsreich.

(Foto: Toni Heigl)

Erst im Juli ist Angela Lenk in ihr Atelier im hinteren Raum eingezogen. Ein großes Zimmer teilt sie sich mit der Silberschmiedin Ursula Leitner, jede hat ihre eigenen Materialien und Werkzeuge dabei und sich ihr Reich eingerichtet. Angela Lenk arbeitet mit Textilien und Holz. Sie windet und dreht Stoffe fest und oft in sich, bis eine Kreatur aus Textil entsteht, die nur durch Spannung hält und somit ein ganz eigenes Bild entstehen lässt. "Auf die Idee gekommen bin ich irgendwann, als ich ein Geschirrtuch in der Hand hatte und damit rumgespielt habe", schmunzelt Angela Lenk. Sie bildet mit den kräftigen Farben ihrer Textilien einen Kontrast zu Claudia Höchtls Malereien in zarten Farben.

Allein in Anne Heins Werk kann man sich lange vertiefen: Über dem schreibenden Jungen hängen Worte aus zusammengeschmolzenen Glasmurmeln, von einer bestimmten Stelle des Raumes blickt man durch mehrere Spiegel hindurch in eine vermeintlich unendliche Tiefe: die Zeit als Illusion und eine Abfolge von Ereignissen. "Wir alle sind aus Quanten und Schwingungen, ein Stein ist genauso eine Abfolge von Ereignissen, und nach einer bestimmten Zeit zerfällt er genauso wie alles andere auch", erklärt Anne Hein. Die Glasmurmeln sind für sie eine Verbildlichung der Quanten. Ähnlich wie beim Pointillismus bilden das Zusammenspiel aus den durchdacht angeordneten Wörtern und Spiegeln, der Musik und der Lichtinstallation eine wohl durchdachte Komposition mit eigentlich schon naturwissenschaftlichem Hintergrund. Inspiration für dieses Werk gab ein Zitat von Physiker Carlo Roncalli: "Der Unterschied zwischen Dingen und Ereignissen liegt darin, dass Erstere in der Zeit bestand haben, während Ereignisse von begrenzter Dauer sind. Ein typisches Ding ist ein Stein: Wir können uns fragen, wo er morgen liegen wird. Dagegen ist ein Kuss ein Ereignis, bei ihm ergibt die Frage, wo er morgen sein wird, keinen Sinn. Die Welt besteht aus einem Geflecht aus Küssen, nicht aus Steinen." Wenn man genau hinsieht, erkennt man auf einzelnen, kleinen Spiegeln, welche neben den Glasmurmelwörtern von der Decke hängen, ganz zarte Kussmünder. "Und dieses Zitat sagt ja auch, dass die Zukunft unscharf ist", erklärt die Künstlerin.

Mit Angela Lenk und Silberschmiedin Ursula Leitner sind Anne Hein und Claudia Höchtl die vier Künstlerinnen, die im Künstlerhof Werkstetten eine Art "Künstler-WG" bilden.

(Foto: Toni Heigl)

Diesen Gedanken hatte auch ihre Kollegin Claudia Höchtl im Kopf, als ihre Kunstwerke entstanden. Ihre großflächigen Malereien auf Leinwand zeigen schwammige, unscharfe Konturen auf zarten, hellen - fast weißen - Farbschichten. Ein zierliches nacktes Mädchen hat dem Betrachter den Rücken zugekehrt, ein anderes Bild zeig ein sich umarmendes Paar in den Weiten von zarten, creme- und pastellfarbenen Fluren. Für Höchtl sind ihre Bilder eine Spiegelung des inneren Ichs. "Man sucht nach seinem eigenen Weg, alles ist unscharf, man fragt sich: wohin geht's?", sagt die Künstlerin. Oft hatte sie mit bunten Farben gemalt, im Endeffekt aber wurden diese immer wieder mit helleren, zarteren Farben übermalt. Nur ein wenig schimmert noch die kräftige Farbe unter den sanften Farbtönen hervor. Für Claudia Höchtl ist die Kunst ein Ort des Auslebens. Ihre Heimat hat sie in Stetten gefunden.

Ein Spaziergang durch diese bunte, vielfältige Welt der Werkstetten ist sicher keine Zeitverschwendung.

Geöffnet am Wochenende vom 13. und 14. Oktober von 14 bis 20 Uhr. Finissage am Donnerstag, 18. Oktober, von 19 Uhr an.

© SZ vom 08.10.2018

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