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Erinnerung:Ein verletzlicher Mensch

Podiumsdiskussion Leitkultur

Die Dachauer Autorin und Filmemacherin Jutta Neupert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Jutta Neuperts sensibler Film über den Zeitzeugen Max Mannheimer

Man könnte denken, es wäre Absicht gewesen, dabei war es reiner Zufall, dass genau an dem Tag, an dem der Runde Tisch gegen Rassismus Dachau, die evangelische Versöhnungskirche und die katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte mit einem Filmabend noch einmal an den im September 2016 verstorbenen Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer erinnerten, der Stadtrat einen Platz nach dem Ehrenbürger benannte. Die Besucher in der Versöhnungskirche erlebten in dem 1996 von der Dachauer Filmemacherin Jutta Neupert gedrehten Streifen "Härte macht nicht hart" noch einmal den Zeitzeugen, der sich nicht scheute, an die Orte seines Leidens zurückzukehren und vor der Kamera über seine Ängste und Traumata zu sprechen. Die Regisseurin nannte den Film altmodisch wegen der für heutige Sehgewohnheiten langen und ruhigen Einstellungen. Doch gerade die seien es, die ihn besonders beeindruckend machten, hieß es nach der Vorstellung aus dem Publikum. Max Mannheimer steht auf dem wunderbar restaurierten Marktplatz seiner Geburtsstadt Neutitschein in Tschechien und erzählt, wie seine jüdische Familie entrechtet und vertrieben wurde. Wie die Demütigungen weitergingen, die Eltern und Geschwister sowie er und seine erste Frau zunächst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz-Birkenau transportiert wurden. An der Todesrampe sah er fast alle Angehörigen zum letzten Mal, nur Max und sein Bruder Edgar überlebten. Nach sechs Wochen landeten die Brüder im Hauptlager Auschwitz, immer davon bedroht, ebenfalls in die Gaskammer geschickt zu werden. Im Film steht Max Mannheimer zwischen den Steinbaracken und sagt: "Es war immer wieder die Angst vor den Selektionen, die einen niederdrückte, nicht die Angst vor dem Hunger, vor den Schlägen."

Nächste Station auf dem Leidensweg war das Warschauer Ghetto oder das, was nach dem Aufstand noch davon übrig geblieben war. Im Sommer 1944 kam Mannheimer nach Dachau, dann ins Lager Karlsfeld, schließlich ins Außenlager Mühldorf, endlich die Befreiung. Nach der Rückkehr nach Neutitschein traf er seine zweite Frau, zog mit ihr nach München, ins Land der Täter, das er eigentlich nie wieder hatte betreten wollen. Er begann zu malen, sah darin eine Form der Therapie, die ihm aber nicht wirklich half. Nach dem Tod seiner Frau 1964 als er glaubte, selbst auch an Krebs erkrankt zu sein, schrieb er seine Lebensgeschichte für Tochter Eva auf, sprach aber darüber nicht in der Öffentlichkeit. Er heiratete ein drittes Mal, erlitt 1981 beim Anblick eines Hakenkreuzes einen psychischen Zusammenbruch. Erst nachdem er auf Drängen der damaligen Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel, 1985 seine Erinnerungen veröffentlicht hatte, gelang es ihm, sich im wahrsten Sinne des Wortes freizusprechen. Er begann, seine Geschichte an Schulen zu erzählen. Natürlich sei die Konfrontation mit den Orten des Grauens entsetzlich gewesen, sagt er über seinen ersten Besuch in Auschwitz 1991. Beim zweiten Mal war es anders: "Es war ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit dieses Gelände verlassen kann als freier Mensch."

In dem vom katholischen Seelsorger Ludwig Schmidinger moderierten Filmgespräch sagte Ernst Grube, Holocaust-Überlebender und Nachfolger Mannheimers als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, ihm habe im Film "der politische Max" gefehlt. Der, der Stellung bezogen habe gegen Neonazis, Rechtsextremismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, der klagte, dass die Welt so wenig aus der Geschichte gelernt habe und doch nie aufgab: "Wir Naziverfolgten, so wenige wir auch noch sind, hören nicht auf, Zeugnis abzulegen."

Jutta Neupert erklärte, dass Max Mannheimer damals, als ihr Film entstand, noch nicht die Institution war, als den man ihn heute kennt, "sondern ein sehr verletzlicher Mensch". Bei der Wiederbegegnung mit Auschwitz sei er sehr aufgeregt gewesen: "Der Tod, die Bedrohung war ständig spürbar." Viele Politiker hätten in den Neunzigerjahren nichts mit ihm zu tun haben wollen: "Er war damals noch nicht everybody's darling." Das Schlusswort gehörte Ernst Grube, der aus einer Rede Mannheimers zitierte: "Wir dürfen nicht die Augen schließen, sondern müssen uns einmischen. Das bin ich meinen Träumen schuldig, Träumen von einer gerechten, friedlichen Welt. Diese Träume habe ich nie verloren, auch nicht in der schlimmsten Erniedrigung."

© SZ vom 06.04.2017

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