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Erdweger Extremsportler:Je oller, desto doller

Für "Eisen-Kurt" Köhler scheint die biologische Uhr verkehrt herum zu laufen. Jüngst absolvierte der 68-jährige Erdweger 36 000 Powerschläge in gut zweieinhalb Stunden am Sandsack - ohne Pause versteht sich.

(Foto: Toni Heigl)

Das Alter scheint Kurt Köhler nichts anzuhaben. Selbst mit 68-Jahren pulverisiert der Erdweger Extremsportler seine eigenen Rekorde und stellt Welt-Bestmarken auf. "Der Mann ist ein Phänomen, da gibt es keinen Zweifel", sagt sein Sportarzt

Von David Holzapfel, Dachau

Eine Parkanlage im Landkreis Dachau. Gemächlichen Schrittes schlendert Kurt Köhler, 68, den Weg entlang. Bäume, Sträucher, Bänke säumen den Pfad. Freundliche Augen, fester Händedruck und ein breites Lächeln - auf den ersten Blick sieht Köhler aus wie ein sympathischer Senior, der vielleicht gerade einen ausgiebigen Sonntagsspaziergang gemacht, die Enten gefüttert oder auf einer Bank Zeitung gelesen hat. Neben einem Baum jedoch bleibt Köhler plötzlich stehen, er geht in Stellung und beginnt damit, in einem atemberaubenden Tempo auf den Stamm einzudreschen. Fäuste, Füße wirbeln durch die Luft. Zufällig vorbeikommende Spaziergänger mögen sich bei diesem Anblick fragen, was wohl in den Mann gefahren ist, ob ihm nicht womöglich alle Sicherungen durchgebrannt sind. Doch mitnichten - der 68-Jährige trainiert.

Kurt Köhler, der sich selbst gern "Eisen-Kurt" nennt, ist ein Phänomen. Er ist schon 24 Stunden am Stück Fahrrad gefahren, hat einen Megathlon, also zehn Sportarten am Stück, absolviert. Er übt Faustschläge ohne Handschuhe an der Betonmauer, er fährt mit dem Rennrad Hunderte Kilometer ohne Pause, zum Teil bei Minusgraden und mit freiem Oberkörper. Während etwaige Altersgenossen ihre Zeit mit Kreuzworträtseln oder Kaffeekränzchen verbringen, stellt Köhler im Jahrestakt sportliche Rekorde auf. Und mit jeder Bestleistung widerspricht er dem wissenschaftlichen Usus aufs Neue. Für Kurt Köhler scheint die biologische Uhr verkehrt herum zu laufen. Mit 68 Jahren sagt er: "Ich baue körperlich sogar immer noch weiter auf". Doch wer ist dieser Mann aus Erdweg? Ein Verrückter? Ein Getriebener? Ein sportwissenschaftliches Wunder? Wie so oft liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen.

Als 20-Jähriger, es sind die 1970er Jahre, beginnt Köhler mit dem Kampfsport. Die Film-Ikone Bruce Lee lockt da gerade ein Millionenpublikum vor die Bildschirme, und auch Kurt Köhler ist von dessen kampfkünstlerischer Ästhetik fasziniert. Zu dieser Zeit trainiert der junge Mann bereits vier- bis fünfmal pro Woche in einem Taekwondo-Studio. Er will mehr, doch sein Körper setzt ihm da noch Grenzen.

Das Wort "Aufgeben" ist ihm fremd

Beruflich arbeitet Köhler lange im Vertrieb einer Firma für Nahrungsergänzungsmittel, er betreut Skistars wie Christa Kinshofer und Michaela Gerg sowie Leichtathleten als Berater, wie er sagt. Dann wird die Firma verkauft, Köhler verliert seinen Job. Er ist da gerade 42 Jahre alt. "Das hat mich fürchterlich geärgert, ich war am Boden", sagt er rückblickend. Schnell aber wandelt Eisen-Kurt die Frustration über sein berufliches Scheitern um in "extreme Energie". Er sagt: "Ich bin ein Kämpfer, das Wort aufgeben steht bei mir nirgends."

Beruflich orientiert Köhler sich zwangsläufig um, er geht ins Handwerk, arbeitet täglich zwölf Stunden - und trainiert nebenher weiter. Er fasst einen Entschluss: "Ich habe mir gesagt, mit Fünfzig will ich einer der fittesten Menschen auf dem Planeten sein". Er wird zum Grenzgänger, will herausfinden, wie viel sein Körper und Geist imstande sind zu leisten. Diese Grenzen manifestieren sich vor allem in den Rekorden, die Eisen-Kurt im Laufe seiner sportlichen Karriere erzielt hat. Am 7. Dezember 2001 stellt er seinen ersten Boxrekord auf. Eine Stunde lang hämmert er in einer verrauchten Dachauer Diskothek 16 500 Mal auf ein Schlagpolster ein und ist danach "kurz vor dem Ersticken", wie er heute sagt. Mit 54 Jahren stemmt Köhler in einem Fitnessstudio zwölf Stunden lang Gewichte mit der Beinpresse. Am Ende des Rekordversuchs werden es 4000 Tonnen sein. Im Mai 2005 stemmt er auf dem Nürburgring sogar 5000 Tonnen in knapp neun Stunden. Und so geht es weiter. Anstatt mit dem Alter nachzulassen, scheint Köhler immer besser zu werden. Regelmäßig pulverisiert der Sportler seine eigenen Rekorde. Jüngst absolvierte er 36 000 Powerschläge in gut zweieinhalb Stunden am Sandsack. Er stellt mit seinen Serien Wissenschaftler wie auch Mediziner vor ein Rätsel. Wie kann ein 68-Jähriger den Leistungsstand eines jungen Extremsportlers besitzen?

Der Mediziner Werner Zirngibl betreut Kurt Köhler seit vielen Jahren in seiner Münchner Praxis. Er sagt: "Der Mann ist ein Phänomen, da gibt es keinen Zweifel." Eine abschließende Erklärung für Köhlers sportliche Erfolge kann indes auch der Sportmediziner nicht liefern. Er sagt: "Es ist wahrscheinlich eine Kombination aus seinem unbändigen Willen, einer einzigartigen Genetik und seiner Begeisterung für den Sport." Diese drei Faktoren hätten einen Ausnahmesportler erschaffen, der jeder bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnis trotze, so Zirngibl. Er lacht. "Köhler hat in seinem Körper eine gewisse Evolution betrieben, er ist unserer Menschenentwicklung etwas voraus."

"Eisen-Kurt", "Power-Kurt", "bayerischer Popeye"

Ein kalter Montagmorgen in Dachau, es ist Ende Dezember. Kurt Köhler trägt ein graues Käppi und Trainingskleidung, darauf gestickt das Logo eines seiner Sponsoren. Spricht Eisen-Kurt über den Sport, ist seine Stimme voller Begeisterung und seine Augen fangen an zu leuchten. Wie erklärt er sich selbst seine außergewöhnlichen Leistungen? "Wenn du einmal deinen Kopf besiegt hast, ist das wie ein Quantensprung, dann ist alles möglich", sagt der 68-Jährige. Zudem helfe ihm seine langjährige sportliche Erfahrung bei seinen Rekordversuchen. "Das ist wie ein 30-jähriges Studium am Körper." Über die Jahrzehnte habe er gelernt, seinen Körper zu steuern. "Das geht als junger Mensch nicht."

"Eisen-Kurt", "Power-Kurt", "bayerischer Popeye": Spitznamen hat der kantige Sportler schon so einige verpasst bekommen; für seine Leistungen, aber auch für ungeheuerliche Aussagen wie: "Meine Muskulatur reagiert ermüdungsfrei" oder: "Wenn mein Körper und Geist zusammenwachsen, habe ich grenzenloses Potenzial." Man kann ihn einen Verrückten, ja einen Getriebenen schimpfen, seine Leistungen aber geben Köhler recht.

"Ich will Menschen motivieren"

Trotz vieler Rekorde bleibt dem Sportler der Durchbruch auf großer Bühne bisher jedoch versagt. Bei "Wetten, dass...?" scheiterte er zweimal in der Vorauswahl. Seine Rekorde werden dokumentiert, trotzdem schafft er es nicht ins Guinnessbuch. Für Köhler kein Grund zur Resignation. Ihm geht es auch darum, anderen zu helfen. Er sagt: "Ich will Menschen motivieren, ihnen zeigen, dass mehr in ihnen steckt, als sie denken". Bei seinen Rekordversuchen sammelt der 68-Jährige daher immer wieder auch Spenden für den karitativen Zweck.

Auch für die Zukunft hat sich Eisen-Kurt Großes vorgenommen. So will er im Juni 2020 etwa die Route der Tour de France mit dem Fahrrad nachfahren - innerhalb von zehn Tagen. Und auch ein langfristiges Ziel hat der Sportler vor Augen: nämlich einmal bei den Olympischen Spielen im Zeitfahren antreten; als 68-Jähriger, es wäre eine Sensation. Doch Eisen-Kurt sieht für sich dort eine realistische Chance. Man kann ihn dafür belächeln - oder sich einfach von seiner Willensstärke inspirieren lassen.

© SZ vom 31.12.2019/gsl

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