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Ein weltweites Projekt:Nähen gegen das Vergessen

Der Dachauer Verein Arttextil beteiligt sich an einem weltweiten Projekt zum Gedenken an die Ermordung behinderter Menschen während der NS-Diktatur. Am Freitag kann jeder Interessierte Stoffteile gestalten

Von Jacqueline Lang, Dachau

Zwei rote Kreuze. Zur Zeit des Nationalsozialismus kamen sie einem Todesurteil gleich. Es war das Zeichen für sogenanntes unwertes Leben. Nachweislich wurden allein aus der Behinderteneinrichtung Schönbrunn 207 geistig und körperlich behinderte Menschen ermordet - die Dunkelziffer dürfte sogar noch weitaus höher sein. In jede ihrer Patientenakten wurden von einem Arzt zuvor zwei rote Kreuze eingetragen. Um an diese grauenvollen Morde zu erinnern, die von Januar 1940 bis August 1941 unter dem Namen Aktion T4 (kurz für Tiergartenstraße 4 in Berlin) begangen wurden, fertigt der Dachauer Verein Arttextil 207 Stoffteile mit jeweils zwei roten Kreuzen darauf an.

Viele Stoffblöcke mit gestickten und aufgenähten roten Kreuzen sind inzwischen schon fertig. Auch Auswärtige haben ihre Kreuze nach Dachau geschickt, sogar ein Kuvert aus Klagenfurt hat Annemarie Pattis, die das Projekt begleitet, erhalten. Noch fehlen aber einige Blöcke. Deshalb lädt der Verein am Freitag, 5. Januar, von 10 bis 16 Uhr alle Interessierten, die mitmachen möchten, in seinen Handarbeitsraum in der Martin-Huber-Straße ein. Dort kann jeder selbst ein Stoffteil entwerfen und so ein Zeichen gegen das Vergessen setzen.

Gedächtnisquilt

Agnes Bauer und Annemarie Pattis (von links) sind optimistisch, dass sie am Freitag die geplanten 207 Stoffblöcke zusammenbekommen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Idee für das Vorhaben, das unter dem Namen Projekt 70 273 schon seit 2012 läuft, hatte übrigens eine Amerikanerin. Jeanne Hewell-Chambers, die selbst eine behinderte Schwägerin hat, sah eine Dokumentation über Programm T4 und war entsetzt. Mit ihrem Projekt will sie die Schicksale der insgesamt 70 273 Ermordeten wieder ins Gedächtnis rufen, den Ungehörten eine Stimme geben. "Ich kann die Geschichte nicht ändern - kann die Zeit nicht zurückdrehen - aber ich kann den Leben dieser 70 273 behinderten Menschen zumindest auf diese Weise gedenken", schreibt sie auf ihrer Homepage über ihre Motivation. Kleine Gruppen, wie der Dachauer Verein, nähen ihre Stoffteile am Ende zu einer Patchworkdecke zusammen. Das Ziel ist jedoch, aus allen Decken eine einzige riesige Decke zu entwerfen. Noch sind nicht alle Stoffteile zusammen, aber sobald die Zahl erreicht ist, möchte Hewell-Chambers diesen Plan umsetzen. Der aktuelle Stand sind 335 solcher Decken.

Hewell-Chambers gibt für die einzelnen Teile drei verschiedene Größen vor. Auch wenn noch nicht klar ist, wie viele große und wie viele kleine Stoffstücke zusammenkommen, so ist doch eines gewiss: Die Decke wird riesig werden. Der erste Kommentar eines Ingenieurs, dem sie das Projekt zu Beginn vorgestellt hat, war: "Ich glaube, Sie realisieren nicht, wie groß das wird". Hewell-Chambers Antwort darauf: "Oh, doch das weiß ich. Ich will, dass es groß wird, so groß, dass niemand wegschauen kann, dass niemand sagen kann, er hätte es nicht gesehen."

Gedächtnisquilt

Zwei rote Kreuze: Das Zeichen der Nazis für "unwertes Leben" wird zum Symbol des Gedenkens. Alle Teile sollen am Ende zusammengenäht werden zu einer Decke.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Auch Agnes Bauer und Annemarie Pattis vom Verein Arttextil wollen durch ihre Beteiligung an dem Vorhaben auf die unschuldigen Opfer aufmerksam machen. "Als Dachauer war es für uns ganz klar, dass wir uns an dem Projekt beteiligen", sagt Pattis. Es sei wichtig, die Gräueltaten von damals nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, gerade an einem Ort wie Dachau mit dem ehemaligen Konzentrationslager in unmittelbarer Nähe. Für Pattis ist die Initiative von Hewell-Chambers aber auch deshalb so unterstützenswert, weil sie einmal mehr beweist: "Eine Person allein kann viel bewirken."

Weil Hewell-Chambers aber von Anfang an klar war, dass dieses Mammut-Projekt auf keinen Fall alleine zu stemmen ist, hat sie auf ihrer Homepage einen weltweiten Aufruf gestartet und um Hilfe gebeten. Und der Aufruf wurde tatsächlich erhört: Nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, darunter viele gemeinnützige Vereine, aber auch Einzelpersonen. "Die Kreuze müssen nicht identisch sein oder dieselbe Größe haben - wir zelebrieren schließlich Verschiedenheit", motiviert die Amerikanerin.

Geplant war anfangs, alle 70 273 Stoffteile zusammenzunähen und am 27. Januar, der in vielen Ländern als Holocaust-Gedenktag gefeiert wird, zum ersten Mal in den Kathedralen Rochester, Lincoln and Durham der Öffentlichkeit zu zeigen. Nach jetzigem Stand wird es aber wohl noch einige Zeit dauern, bevor wirklich alle Teile beisammen sind. In der Zwischenzeit will aber beispielsweise der Verein Patchwork Gilde Deutschland, der das Projekt hierzulande koordiniert, eine Ausstellung ihrer Stücke bei den Patchworktagen in Celle am 2. und 3. Juni organisieren. Langfristig ist Hewell-Chambers Idee aber auf jeden Fall, die riesige Patchworkdecke auf der ganzen Welt auszustellen, denn eines ist gewiss: Unwertes Leben gibt es nicht.

© SZ vom 04.01.2018
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