Ehrenamtliches Engagement Geduldsprobe

Seit 22 Jahren setzen sich die Mitglieder der Petershausener Agenda-21-Gruppe für ein lebendiges Ortszentrum und Klimaschutzprojekte in der Gemeinde ein. Dabei brauchen sie vor allem eines: einen langen Atem

Von Petra Schafflik

Plastikmüll in den Weltmeeren, Mikroplastik im Grundwasser: Es wird aktuell öffentlich diskutiert über die Mengen an Kunststoffen, die auch Privatleute verbrauchen. Handlungsbedarf sieht auch die Petershausener Agenda-21-Gruppe. Allerdings nicht für symbolische Aktionen, die vielleicht Aufmerksamkeit bringen, aber den Bürgern keine praxisgerechte Alternative bieten. Vielmehr will Sprecherin Christa Jürgensonn Daten und Grundlagen zusammentragen, "denn ohne Theorie geht bei uns gar nichts".

Erst recherchieren, dann Aktionen starten - so verfahren die Agenda-21-Aktivisten in Petershausen bei jedem der mehr als zwei Dutzend Projekte, die seit der Gründung 1996 initiiert wurden. Und die engagierten Bürger bleiben am Ball. Sie setzen sich ein für ein lebendiges Ortszentrum mit Einrichtungen für Senioren, Kinder und Familien, bezahlbare alters- und familiengerechte Wohnungen, den Erhalt möglichst vieler Läden, energieeffizientes Bauen und erneuerbare Energie. Weil jeder mitmachen kann, erfülle die Gruppe die Rolle des "von parteiischen Strömungen unabhängigen Inkubators für Nachhaltigkeitsprojekte, sagt Bürgermeister Marcel Fath (FW). Die rührige Gruppe nennt er explizit "einen wichtigen Teil eines bürgerschaftlich demokratischen Gemeinwesens".

Agenda-21-Gruppe - der Name mag überholt oder angestaubt klingen, das Ziel einer nachhaltigeren Weltentwicklung, die im Kleinen, in jedem Haushalt, in der Gemeinde beginnt, ist aber aktueller denn je. Schließlich lassen sich Unwetterkatastrophen, Dürreperioden, Anstieg der Meeresspiegel und Artensterben nur noch mit einem drastischen Umsteuern begrenzen. Ein Gedanke, den die Vereinten Nationen schon 1992 in ein Leitbild fassten, um die Welt für nachfolgende Generationen zu erhalten. Um an der Basis Energieerzeugung, Landnutzung, Städtebau, Verkehrsentwicklung neu auszurichten, wurden flächendeckend Organisationen gegründet. Aus den Gruppen heraus entstanden unterschiedliche Projekte, beispielsweise in Karlsfeld ein Seniorenbeirat, ein soziales Netzwerk und der Ampertauschring. Ebenso in Petershausen, wo sich aus der Agenda-21 heraus der Tauschring Lets, die Ortsgruppe des Bund Naturschutz und eine Bürgerwerkstatt Mobilität entwickelte. Aber auch zahlreiche Einzelaktionen wurden initiiert, vom örtlichen Einkaufsführer über ein Wärmepumpen-Austauschprogramm bis zum Bürger-Solarkraftwerk.

Wichtig sind auch die langfristig wirksamen Initiativen: Die Agenda-21 gab den Anstoß für das 2012 verabschiedete Klimaschutzleitbild der Gemeinde. Und wirkte darauf hin, dass Petershausen 2015 als erste und bisher einzige Kommune im Landkreis die anspruchsvollen Kriterien einer Faire-Trade-Gemeinde erfüllte. Nicht alle Ideen klappen, 2002 musste das örtliche Car-Sharing wieder eingestellt werden. Dennoch kann sich die Bilanz sehen lassen, findet Sprecherin Jürgensonn. Und auch der Bürgermeister ist überzeugt, dass Petershausen "auch im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden exzellent aufgestellt ist".

"Ohne Theorie geht bei uns gar nichts", sagt Christa Jürgensonn.

(Foto: Toni Heigl)

Und die Themen gehen nicht aus, bei jedem der vierteljährlichen Treffen stehen erneut aktuelle Projekte auf der Agenda. Immer wieder heißt es recherchieren, überzeugen und Geduld haben. Eine Sisyphusarbeit? "Irgendwer muss es machen", findet Jürgensonn. So wie eine neue Kampagne gegen die zunehmende Lichtverschmutzung, die auch ländliche Gemeinden wie Petershausen betriff. Denn LED-Lampen, wie sie für die energiesparende Straßenbeleuchtung eingesetzt werden, strahlen tatsächlich hell bei geringem Energieverbrauch. Haben aber auch negative Auswirkungen, erklärt Herwig Feichtinger, ebenfalls in der Agenda-21 aktiv. Denn die weiße Lichtfarbe "beeinträchtigt das Orientierungsverhalten von nachtaktiven Insekten und Zugvögeln". Auch Störungen im Hormonhaushalt des Menschen seien bereits nachgewiesen. Also setzt sich die Agenda-21-Gruppe ein für den Austausch durch bernsteinfarbene Lampen, die deutlich geringere Auswirkungen haben. Sofort wird nichts passieren, weil das Auswechseln der gerade erst erneuerten Lampen extrem teuer käme. Doch bei Neuinstallationen wird der präventive Aspekt nun berücksichtigt.

Vermutlich noch länger als der Kampf gegen Lichtverschmutzung ist die Idee angelegt, Petershausen könnte eine "Gemeinwohl-Gemeinde" werden. Hinter dem Begriff verbirgt sich das Ziel, die Werte von Gesellschaft und Wirtschaft zu versöhnen. Im Kern geht es darum, dass Petershausen nicht Schlafstadt wird, sondern erlebbar bleibt als Heimatort, in dem Menschen gerne leben. Wie immer geht es von der Information zur Aktion, erst einmal den Bürgermeister einer Gemeinwohl-Gemeinde zum Referat in den Gemeinderat einladen. Die Petershausener ziehen mit, denkt Jürgensonn. "Das Bewusstsein der Bürger ändert sich, schon weil es nicht anders geht."