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Diskussion um Gewerbegebiet Karlsfeld:Kurfürstliches Erbe oder kommunale Zukunft

Mit ihrem Beschluss für ein neues Gewerbegebiet handelt sich die Gemeinde Karlsfeld viel Kritik ein. Die kommt auch von Denkmalschützern: Sie sehen ein Ensemble von europäischem Rang in Gefahr, wenn die Reste des barocken Kanalnetzes der Wittelsbacher zerstört werden

Der Gemeinderat hat den Weg frei gemacht für ein weiteres Gewerbegebiet. Ganz unumstritten ist es auch nach der 15 Jahre währenden Debatte noch nicht. Doch die Mehrheit der Kommunalpolitiker hält an der 7,2 Hektar großen Fläche zwischen Schleißheimer- und Bajuwarenstraße fest, auf der sich Firmen ansiedeln sollen. Massive Bedenken bringen vor allem das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und die Naturschutzverbände vor. Auch die Stadt Dachau ist nicht einverstanden mit den Plänen der Nachbarn. Dennoch ist die Änderung des Flächennutzungsplans jetzt beschlossen. Einzig das Bündnis für Karlsfeld stimmte dagegen.

"Dieser Standort ist nicht geeignet", konstatierte Adrian Heim (Bündnis) angesichts der vielen und umfangreichen Einwände, die gegen den Flächennutzungsplan vorgebracht wurden. "Wollen wir das wirklich mit der Brechstange durchziehen?" Das Landesamt für Denkmalpflege hatte gleich zwei Mal Stellung bezogen und eindringlich vor diesem Schritt gewarnt. Sie sehen ein Kulturdenkmal von europäischem, wenn nicht sogar internationalem Rang in Gefahr: das Schloss Schleißheim mit seinen historischen Sichtachsen und Wegebeziehungen. Der Kanal, der parallel zur Hauptverkehrsstraße in Dachau an vielen Stellen kaum noch sichtbar ist, habe kulturhistorisch eine große Bedeutung, schreiben die Denkmalpfleger. Er ist die Verbindung zwischen dem Dachauer Schloss und den kurfürstlichen Herrschaftsgebäuden in Schleißheim und gehört damit zum barocken, sich bis nach München hinein erstreckenden Kanal-, Wege- und Sichtachsennetz der Wittelsbacher Residenzen. Der linear verlaufende Kanal durchzog einst die freie Landschaft, doch inzwischen sind 40 Prozent der neun Kilometer langen Wasserachse nicht mehr so, wie sie einst geplant war.

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Auf dem Luftbild ist die Kanalachse des Schleißheimer Schlosses gut zu sehen - auch dass sie kein Zufall ist.

(Foto: Imago)

Der absolutistische Machtanspruch der bayerischen Kurfürsten, der sich architektonisch in diesem System manifestierte, kann heute nur noch erahnt werden - hauptsächlich wenn man alte Stiche oder Gemälde aus dem 18. Jahrhundert betrachtet. Umso größeren Wert legen die Denkmalpfleger darauf, dass die kanalbegleitende Bebauung einen gewissen Abstand haben muss, um die Wirkung auf der restlichen Strecke der barocken Wasserstraße nicht auch noch zu zerstören. Die Gemeinde Karlsfeld hat einen Abstand von etwa 30 Metern in ihrem Flächennutzungsplan vorgesehen und als ausreichend empfunden. Die Historiker widersprechen dem vehement, da Gewerbebauten deutlich höher und größer sind als Einfamilienhäuser und damit eine andere Wirkung entfalten. Um die Bedeutung der Schleißheimer Schlossanlage sowie ihrer Gärten und Kanäle als einer der größten herrschaftlichen Ensembles Europas noch einmal herauszuheben, erinnern die Denkmalpfleger in ihrem Schreiben an die lange und wechselhafte Geschichte, die 1595 mit Herzog Wilhelm V. von Bayern begann. Er erweiterte den landwirtschaftlichen Ökonomiebetrieb kontinuierlich und baute 1617 das erste Herrenhaus. Berühmte Architekten und Hofbaumeister, unter anderem Josef Effner, machten die Schlossanlage unter Maximilian I. und Kurfürst Max Emanuel von Bayern zu dem, was die Besucher heute kennen und schätzen.

Neben dem Kanal fürchten die Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege aber auch die Zerstörung von Resten einer frühgeschichtlichen Siedlung, die nahe der Kiesweiher am Saubach in der Erde schlummern. Luftbilder und geophysikalischer Prospektion machen die Experten ziemlich sicher, dass sie an dieser Stelle fündig würden, sollten sie mit dem Graben beginnen - was sie nicht beabsichtigen. Die Devise des Landesamts ist seit geraumer Zeit, dass man Bodendenkmäler bewahren will, das bedeutet, sie nicht anzutasten, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Aus welcher Zeit die Relikte in Karlsfeld stammen, wissen die Archäologen momentan nicht. Dazu müsste man sie aufdecken.

Die Gemeinde beteuert in ihrer Stellungnahme, dass sie sich bei der genaueren Planung mit dem Denkmalamt abstimmen werde. Dort, wo die frühgeschichtliche Siedlung vermutet wird, sind laut Flächennutzungsplan Ausgleichsflächen für das Gewerbegebiet vorgesehen. Um nichts unwiederbringlich zu zerstören, werde man um die geschützten Flächen herum planen und dort voraussichtlich einfach eine Wiese lassen, erklärt die stellvertretende Bauamtsleiterin Simone Hotzan.

Das geplante Gewerbegebiet soll direkt an den Wohnmobilanbieter an der Bajuwarenstraße anschließen und zwischen Schleißheimer Straße und der Gärtnerei Kiening auf 7,2 Hektar Fläche entstehen. Das restliche Areal bis zu den Kiesweihern wird Grünfläche (14,9 Hektar), zwei Drittel davon sind als Ausgleichsflächen vorgesehen.

Bund Naturschutz (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) lehnen diese Planung entschieden ab. Beide kritisieren die Lage mitten im regionalen Grünzug, einem Bereich, der für die Kaltluftentstehung, den Luftaustausch und die Schadstofffilterung sowohl für Dachau, als auch für Karlsfeld, München und die gesamte Metropolregion bedeutsam ist. Das breiartige, strukturlose Zusammenwachsen einzelner Siedlungen müsse verhindert werden, so die Naturschützer. Sie beklagen die "Salamitaktik", mit der seit Jahren immer mehr Stücke aus dem Grünzug herausgenommen werden, etwa zur Ausweitung der Handwerkersiedlung oder eines Streifens westlich der Bahn zum Bau der Bayernwerkstraße und jetzt des Gewerbegebiets. Der LBV beklagt zudem den fortschreitenden "Flächenfraß".

An vielen Stellen ist das Erbe der Wittelsbacher ziemlich verwildert

(Foto: Toni Heigl)

Die Gemeinde beruft sich unterdessen auf die vielen Bereiche, die sie mit Hilfe dieses Flächennutzungsplans unter Landschaftsschutz stellen will, um damit das Dachauer Moos aufzuwerten. Westlich der Bajuwarenstraße bis zur Gemeindegrenze sind es 12,8 Hektar. Südlich der Gärtnerei bis zum Verkehrsknotenpunkt Bajuwarenstraße/B471 sollen weitere 9,5 Hektar geschützt werden, sowie zwischen Kläranlage und Handwerkersiedlung 11,6 Hektar. Über die Aufnahme in den Landschaftsschutz entscheidet jedoch der Landkreis. Die Naturschützer begrüßen die Bemühungen der Gemeinde.

Ein weiterer Streitpunkt bei der Planung dieses Gewerbegebiets ist der Verkehr. Der Bund Naturschutz spricht in diesem Zusammenhang von einer "verantwortungslosen Planung", denn die Kreuzung Bajuwaren-/Schleißheimer-/Alte Römerstraße sei jetzt schon nicht mehr leistungsfähig. Neben der Umweltbelastung durch die Staus fürchtet der BN, dass weitere Straßen in den Regionalen Grünzug geplant werden. Ablehnung zu dem Karlsfelder Vorhaben signalisiert auch Dachau "wegen der ungelösten Verkehrsabwicklung". "Alle erforderlichen Ertüchtigungs- und Schutzmaßnahmen auf dem Stadtgebiet Dachau sind von der Gemeinde Karlsfeld zu bezahlen", fordern die Nachbarn. Die Gemeinderäte empfinden dies als Affront, denn die Große Kreisstadt plant unweit ein viel größeres Gewerbegebiet.

"Wir haben es uns nicht leicht gemacht, diesen Standort zu finden", bemerkt der SPD-Chef Franz Trinkl trotz aller Bedenken. Angesichts der prekären Finanzsituation von 23 Millionen Euro Schulden am Ende dieses Jahres sei Karlsfeld gezwungen, etwas zu tun, um Einnahmen zu generieren. Einig ist man sich durch alle Fraktionen hinweg, dass Gewerbeflächen dringend nötig sind. "So groß sind wir nicht", verteidigt Trinkl die Belegung der Flächen an der Schleißheimer Straße. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) erinnert an den "Bürgerdialog", den die Gemeinde 2014 geführt habe und bei dem man sich am Ende auf genau diese Fläche als Gewerbegebiet verständigt habe. "Wenn wir nicht weitere Steuereinnahmen generieren, werden wir an die Wand fahren", warnte Kolbe. "Es gibt keine Alternative für Karlsfelder Firmen, die expandieren wollen. Und wenn diese abwandern, haben wir irgendwann statt sieben Millionen, nur noch vier Millionen Einnahmen. Mit drei oder vier großen Firmen ist uns das schon passiert."

© SZ vom 10.12.2019
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