bedeckt München 21°
vgwortpixel

Demonstration in Hebertshausen:Jetzt reicht's

Mehr als 70 Hebertshauser, darunter auch Bürgermeister Richard Reischl, folgen dem Protestaufruf von Anja Kittlitz und Stephanie Jäsche.

(Foto: Toni Heigl)

Der Lift am örtlichen S-Bahnhof ist seit sieben Wochen wieder defekt. 70 Bürger kommen zum spontanen Protest

Die Hebertshausener sind sauer, weil der Lift am S-Bahnhof nicht funktioniert. Nicht zum ersten Mal, denn mit diesem Aufzug gibt es ständig Probleme. Der aktuelle Ausfall dauert bereits geschlagene sieben Wochen an. Viel zu lange, finden Anja Kittlitz und Stephanie Jäsche, die deshalb die Hebertshausener am Samstag um 10 Uhr an den Bahnhof gerufen haben. Ganz kurzfristig ging der Aufruf raus, doch gut 70 Bürger sind gekommen. Familien mit ihrem Nachwuchs im Kinderwagen, Senioren mit Rollator oder Stöcken als Gehhilfe und auch zwei Bürgerinnen im Rollstuhl drängen sich im Durchgang zum Bahnsteig. "Wir wissen es alle am besten, wie viele Menschen betroffen sind", sagt Kittlitz. Mit der spontanen Demonstration "wollen wir ein Zeichen setzen, denn einen barrierefreien Zugang zum Zug gibt es in Hebertshausen momentan nicht und auch seit Jahren nicht", so Kittlitz. Mit seiner Familie nahm auch Bürgermeister Richard Reischl (CSU) teil am Protest. Selbst als Rathauschef habe man längst keinen schnellen Draht mehr zur Bahn, um Probleme zu besprechen, sagt er. "Ich bin es leid, Bittsteller zu sein." Die Teilnehmer an der Spontan-Demo betonen, dass ein Defekt auftreten kann. Aber, so steht es auch auf einem Plakat zu lesen: "Sieben Wochen sind zu lang!"

Viele der Demo-Teilnehmer sind selbst betroffen. Wie Christoph Sollath, der aus gesundheitliche Gründen derzeit nicht Auto fahren kann und auf die Bahn angewiesen ist. Die Treppe hinauf zum Bahnsteig bereitet ihm enorme Mühe, "das ist für mich sehr anstrengend." Daneben steht eine junge Mutter, die jedes Mal mit den Nerven am Ende ist, wenn sie ihren Kinderwagen samt Nachwuchs die Stufen hochwuchten muss, während ihr zweites Kind mit seinem Laufrad wartend alleine zurückbleibt. Ganz vergessen kann das Bahnfahren derzeit Mit-Initiatorin Stephanie Jäsche, weil sie als Tagesmutter einen speziellen Kinderwagen mit vier Sitzplätzen nutzt, der sich nicht so einfach tragen lässt. Auch die jungen Frauen, die mit ihren Kindern im Hebertshausener Mutter-Kind-Heim "Haus des Lebens" wohnen, werden vom defekten Aufzug ausgebremst. Sie komme momentan nicht zu ihren Terminen in Dachau.

Die Hebertshausenerin, die unter dem defekten Bahnhofslift wohl am massivsten leidet, sitzt ruhig mitten in der diskutierenden Menschenmenge - in ihrem Rollstuhl. Zu ihrem Arbeitsplatz in Sendling fährt Josefine Irlenborn täglich morgens mit der S-Bahn. Momentan beginnt deshalb jeder Arbeitstag mit einem Kraftakt. Am Fuß der Bahnsteigtreppe muss sie sich aus dem Rolli heraus manövrieren, sich auf die schmutzige, kalte und scharfkantige Treppe setzen und dann mit der Kraft ihrer Arme Stufe für Stufe nach oben arbeiten. Immer darauf angewiesen, dass sich ein kräftiger Mitreisender findet, der ihren Rollstuhl schleppt. Die anderen Pendler sind hilfsbereit, doch das Hochkrabbeln, das bleibt. "Es ist frustrierend, aber ich habe keine Alternative", sagt die 19-jährige Frau ruhig. Bürgermeister Reischl bleibt dagegen ganz und gar nicht ruhig. "Auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, ist schon eine Herausforderung. Aber sich täglich über den schmutzigen Boden hinaufarbeiten zu müssen, das ist eine unglaubliche Demütigung", schimpft er.

Wütend sind Rathauschef und Bürger auch, weil der Lift zum Bahnsteig nicht das erste Mal defekt ist. Und sich die Bahn insgesamt viel zu wenig kümmert um Sauberkeit und funktionsfähige Strukturen an der Station. Schon in den Vorjahren gab es immer mal Probleme, keine Bürgerversammlung, in der nicht geklagt wird. In diesem Frühjahr und Sommer legten dann randalierende Jugendliche den Aufzug über Wochen immer wieder lahm, Unbeteiligte wurden im Aufzug eingeschlossen und mussten gewaltsam befreit werden.

Dieses Mal aber liegt der Fall anders. Ein Bahn-Techniker wurde bei einem Servicetermin im Aufzug eingesperrt. Und er rief die Feuerwehr, die dann je eine Glasscheibe in Aufzug und Schacht zertrümmerte, um den Mann zu befreien. "Weil er nicht auf einen kompetenten Kollegen warten wollte", schimpft Reischl. Doch egal ob Reisende oder Bahn-Mitarbeiter, es gälten "klare Vorgaben, wenn jemand im Aufzug festsitzt", teilte eine Bahn-Sprecherin mit. Wenn der Störungsbereitschaftsdienst den Eingeschlossenen nicht rasch befreien könne, müssen die Kräfte vor Ort "die Person auch unter Inkaufnahme von Schäden am Aufzug befreien." Doch tatsächlich ärgern sich die Bürger weniger über die Beschädigung des Lifts, als über die enorm lange Reparaturzeit. Die Bahn erklärt, nicht das Nachbestellen der Scheibe sei das Problem, sondern "eine Störung in der Aufzugssteuerung. Diese Elektronik ist kein übliches Verschleißteil, welche wir natürlich auf Lager halten."

Die Hebertshauser können darüber nur den Kopf schütteln. Tatsächlich fehlen aktuell die Scheiben im Lift. Und zertrümmerte Scheiben haben in der Vergangenheit stets zu wochenlangen Ausfällen geführt. Weil in Hebertshausen, das erklärt der Bürgermeister, Glas im Sonderformat verbaut ist, das die Bahn nicht auf Vorrat lagert. "Das ist kein Service, wir leben doch im 21. Jahrhundert", klagt Reischl. Auch die Bürger haben sich so ihre Gedanken gemacht. Wenn die Technik so empfindlich ist, könnte vielleicht eine weniger störanfällige Lösung helfen. Auf einem der Plakate, das die Teilnehmer dabei haben steht: "Alternative - Rampe?"

© SZ vom 25.11.2019
Zur SZ-Startseite