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Demografische Entwicklung:Dachau braucht eine fünfte Grundschule

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Derzeit wird die Grundschule Augustenfeld bereits erweitert, doch nach den Prognosen für 2035 reicht das bei weitem nicht.

(Foto: Jens Kalaene)

Die Stadt wächst so rasant, dass bis 2035 voraussichtlich mehr als 100 Kinderbetreuungsgruppen eingerichtet werden müssen sowie 38 zusätzliche Klassen für die Kleinen. Ein Schulneubau scheint daher unumgänglich

Von Julia Putzger, Dachau

Die Stadt Dachau und ihre Bevölkerungszahl wächst rasant, das ist kein Geheimnis. Doch die Prognosen des jüngsten Demografieberichts, der in der Sitzung des Familien- und Sozialausschusses teilweise vorgestellt wurde, haute die Stadträte regelrecht vom Hocker: Bis ins Jahr 2035 benötigt die Stadt demnach mehr als 100 neue Kinderbetreuungsgruppen und 38 zusätzliche Grundschulklassen. Wo und wie die Infrastruktur dafür entsteht, ist derzeit ein großes Fragezeichen und wird die Stadt in den kommenden Jahren vor riesige Herausforderungen stellen.

Was in den nächsten Jahren für die Stadt prognostiziert wird, war bisher in diesem Umfang nicht absehbar. Selbst Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sagte, dass er die Ergebnisse kaum glauben könne. Deswegen wolle er mit den Gutachtern noch mal kritisch prüfen, auf welchen Annahmen die Prognosen fußen. Im Bauausschuss, in dem der komplette Bericht nächste Woche vorgestellt wird, könne man dann ebenfalls noch diskutieren, ob es Möglichkeiten gebe, das Wachstum einzudämmen. Viel ändern ließe sich dadurch aber vermutlich nicht, gibt Hartmann zu: Der immense Bedarf ergebe sich weniger durch Zuzug in neue Baugebiete, sondern vor allem durch Nachverdichtung und den Generationenwechsel. Das bedeutet, dass in die Wohnungen verstorbener Bürger mehr Personen einziehen oder an selber Stelle ein Haus für mehr Bewohner gebaut wird. Die Stadt hat die Entwicklung also nicht in der Hand.

Basierend auf den Zahlen von 2019 müssen die Betreuungsmöglichkeiten in den Kinderkrippen bis 2035 auf fast 800 Plätze verdoppelt werden. Bei der nachmittäglichen Betreuung von Grundschulkindern ist ebenfalls eine Verdoppelung der bestehenden Plätze auf rund 1900 Plätze nötig. Bei Kindergartenplätzen wird mit einem Plus von 60 Prozent gerechnet. Zwar werden einige Baumaßnahmen für eine Erweiterung der Kinderbetreuung bereits umgesetzt oder sind zumindest schon in Planung, doch dürften diese nur einen Teil der Versorgungslücken schließen. Demzufolge fehlten bis zum Jahr 2035 Kapazitäten für acht weitere Gruppen der gebundenen Ganztagsschule, außerdem wäre der Bau von mindestens acht weiteren Kitas mit jeweils sechs Gruppen nötig.

Eine intensive Diskussion entbrannte im Familien- und Sozialausschuss über den Zuwachs an den Schulen. Ein Teil der zusätzlichen 38 Grundschulklassen, die in den nächsten drei bis 15 Jahren benötigt werden, könnte zwar in Erweiterungen der bestehenden vier Grundschulen untergebracht werden. Der Neubau einer fünften Grundschule in Dachau scheint jedoch unumgänglich. Bei deren Planung müsse man von sechs bis acht Klassenzügen ausgehen, fasste Hartmann die wichtigsten Punkte zusammen. "Wir wollen keine Megaschule", ertönte sogleich lautstarker Protest aus mehreren Fraktionen, unter anderem von Schulreferentin Katja Graßl (CSU) und Sabine Geißler (Bündnis).

Graßl forderte, dass man alle Erweiterungsmöglichkeiten ausschöpfe, auch an der Klosterschule, wo derartige Pläne in der Vergangenheit verworfen worden waren. Geißler, selbst Lehrerin am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium betonte: "Eine solche Megaschule ist pädagogisch nicht zu vertreten. Es geht hier nicht um Gymnasien, sondern Grundschulkinder, das sind Zwergerl." Sie habe bereits Schulamtsleiter Albert Sikora nach seiner Meinung befragt. Er finde, sieben Züge die "absolute Obergrenze", fünf Züge jedoch wesentlich besser. Horst Ullmann (BfD) bekräftigte die vorhergehenden Argumente. Er habe sich jüngst die Grundschule Augustenfeld angesehen, die nach den Umbaumaßnahmen fünf Zügen Platz bietet. "Das ist so ein riesiger Komplex, da könnte man genauso gut Soldaten der Bundeswehr einquartieren." Auch er bevorzugt deshalb zwei kleinere Standorte.

Der OB reagierte aufgebracht auf diese Diskussion: "Wir diskutieren hier wie auf kleinstädtisch-dörflicher Ebene, derweil entwickeln wir uns zu einer immer größeren Stadt mit Zuständen beinahe wie in München." Das gefalle zwar auch ihm nicht immer, am Ende werde man sich aber leider nicht drücken können. Die Frage, wie viele Züge eine neue Grundschule haben solle, hielt Hartmann für verfrüht: "Letztendlich entscheidet sich das an der Frage des Grundstücks." Denn die neue Grundschule sollte möglichst zentral sein, um die Schulsprengel dynamisch anpassen zu können. Sie soll dort entstehen, wo besonders viel neuer Bedarf prognostiziert wird. Infrage käme laut Beschlussvorlage vor allem der Bereich zwischen Martin-Huber-, Ludwig-Thoma- und Freisinger Straße einerseits sowie an der Amper andererseits. Dort besitze die Stadt jedoch kein passendes Grundstück.

"Über die Nachverdichtung bekommen wir kein passendes Grundstück, aber wenn wir mit einem neuen Bebauungsplan neue Flächen für den Wohnungsbau ausweisen müssen, dann ist das ein Nullsummenspiel", sagte Hartmann. Die Mehrheit stimmte am Ende dafür, bei den weiteren Überlegungen eine maximal sechszügige Grundschule anzustreben, obwohl der OB und Familienreferentin Anke Drexler (SPD) diese Einschränkung zum jetzigen Zeitpunkt zu früh fanden. Nun will die Verwaltung mit der Regierung von Oberbayern in Kontakt treten, um das weitere Vorgehen zu planen.

© SZ vom 09.07.2020

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