bedeckt München 18°
vgwortpixel

Dachauer Symposium:Der verschwiegene Völkermord

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, war bereits öfter in Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Roma und Sinti wurde jahrzehntelang die Anerkennung als NS-Opfer verweigert. Erst ein Hungerstreik im Jahr 1980 in der KZ-Gedenkstätte brachte eine Wende. Das Dachauer Symposium widmet sich diesem Thema

Jahrzehntelang ist die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten - anders als der Holocaust - in Nachkriegsdeutschland nicht als rassistisches Verbrechen angesehen worden. Der Bundesgerichtshof stellte 1956 in einem Grundsatzurteil sogar fest, dass es sich bei der Deportation der "Zigeuner" in die Konzentrationslager nicht um eine Verfolgung aus rassischen Gründen gehandelt habe, sondern um eine "kriminal-präventive Maßnahme". Eine "Wiedergutmachung" und Unterstützung zur Neueingliederung wurde ihnen durch diese immer noch von der NS-Ideologie geprägten Argumentation des Gerichts verweigert. In Bayern wurden Sinti und Roma noch lange sogar in einer sogenannten Landfahrerkartei beim Landeskriminalamt erfasst.

Bis Ende der Siebzigerjahre verdrängten Staat, Behörden und Bevölkerung, aber auch Wissenschaft und Medien den Völkermord, dem bis zu 500 000 europäische Sinti und Roma zum Opfer fielen. Erst 1980 trug ein von der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma in der Dachauer KZ-Gedenkstätte initiierter Hungerstreik entscheidend zu einer Wende in der öffentlichen Wahrnehmung bei. 13 Jahre später rückte eine weitere Aktion die KZ-Gedenkstätte erneut ins Licht der Weltöffentlichkeit: Roma, die vor den Kriegen im damaligen Jugoslawien nach Deutschland geflüchtet waren, protestierten hier wochenlang gegen ihre Abschiebung. Daher ist es nur folgerichtig, dass Projektleiterin Sybille Steinbacher, Historikerin an der Goethe-Universität Frankfurt, den nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma und die Kontinuität von Diskriminierung und Ausgrenzung nach dem Ende der Naziherrschaft zum Thema des diesjährigen Dachauer Symposiums zur Zeitgeschichte gemacht hat.

Dachau war schon in der NS-Zeit in Bezug auf den Völkermord an Sinti und Roma ein zentraler Ort, waren doch von 1938 an große Gruppen dieser Minderheit im Konzentrationslager inhaftiert und dort vor allem verbrecherischen Medizinversuchen ausgesetzt. Das Symposium wendet sich zum einen der Verfolgung der Sinti und Roma in der NS-Zeit zu, schlägt aber auch eine Brücke in die Nachkriegszeit und bis in die Gegenwart. "Antiziganistische Einstellungen haben nicht nur das Leben der Überlebenden und deren Nachkommen überschattet, sondern erschweren bis heute auch die Bildungsarbeit. Welche Bedeutung die Aufarbeitung des Völkermordes für den Kampf um eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe der Minderheit in Deutschland hatte und hat, sind zentrale Fragen, um die es beim Symposium ebenfalls gehen wird", heißt es im Ankündigungstext.

Die wissenschaftliche Leitung der Veranstaltung, die am 25. und 26. Oktober im Max-Mannheimer-Haus stattfinden wird und sich nicht nur an Spezialisten, sondern an eine breite interessierte Öffentlichkeit wendet, hat Karola Fings vom NS-Dokumentationszentrum Köln inne. Sie wird die Tagung mit einem Einleitungsreferat auch eröffnen. Um die Dimensionen des Völkermords geht es danach im ersten Themenblock: Sarah Grandke von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme spricht über die Verfolgung im Deutschen Reich am Beispiel Münchens, und Martin Holler von der Humboldt-Universität Berlin nimmt den Völkermord an den Roma in Ost- und Südosteuropa in den Blick. Täter- und Opferperspektiven sind Thema des zweiten Blocks und werden von Frank Reuter (Heidelberg) und Gerhard Baumgartner (Wien) präsentiert.

Wenn es im dritten Teil um "Kontinuitäten und Brüche" geht, stellt zunächst Yvonne Robel von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg den Antiziganismus nach 1945 dar, ehe Daniela Gress von der Universität Heidelberg über den Hungerstreik in Dachau und die Bürgerrechtsbewegung referiert. Zum Abschluss des ersten Veranstaltungstages geht es in einem Gespräch über die Nachwirkungen auf die nachfolgenden Generationen, um das "Leben nach dem Lager".

Am Beginn des zweiten Tages steht das Thema Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Steffen Jost von der Dachauer KZ-Gedenkstätte wird zunächst aufzeigen, wie sich am historischen Ort Geschichte lernen lässt. Danach spricht Emran Elmazi von der interkulturellen Jugendselbstorganisation von Roma und Nicht-Roma "Amaro Drom" ("Unser Weg") in Berlin über Geschichte und Erziehungsarbeit des Vereins. Mit einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Von der Anerkennung als NS-Opfer zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe?" geht das Symposium am Samstagmittag zu Ende. Über diese Frage debattieren Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Mirjam Karoly vom Romano Centro in Wien und Jana Mechelhoff-Herezi (Berlin), bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas für die Erinnerung an Sinti und Roma zuständig. Die Moderation übernehmen Karola Fings und Sybille Steinbacher.

Weitere Informationen unter www.dachauer-symposium.de. Anmeldungen sind bis 5. Oktober möglich, über die Homepage des Max-Mannheimer-Hauses: www.mmsz-dachau.de.

  • Themen in diesem Artikel: