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Dachauer Musiker Tobias Eichhorn:"Wir sind die Band gegen Rassismus und Hetze"

Affentheater

Ungeschminkt und unverkleidet sieht man die Musiker von "Affentheater" selten. Tobias Eihhorn singt und spielt Gitarre.

(Foto: Mark Rist/Privat)

Gitarrist Tobias Eichhorn ist stolz auf den Ruf, den sich seine Band "Affentheater" in Dachau erspielt und ersungen hat. Im Interview spricht er über den Auftrag von Musik, über die skurrilen Verkleidungen und die Songtexte

Egal ob Großdemo gegen die Alternative für Deutschland (AfD), Ausstellungseröffnung zum Thema Rechtsextremismus oder politische Bierzeltreden der SPD - die Band Affentheater ist seit einiger Zeit immer dabei - zumindest in Dachau. Ihre Gypsie-, Balkan- und Spamusik ist unterhaltsam, ihre Zirkusshow amüsant, das begeistert das Publikum. Aber das ist keineswegs der Hauptgrund, weshalb Affentheater gerne gebucht wird. Die Musiker aus Dachau, München und Wien legen viel Wert auf ihre Texte und positionieren sich darin politisch. Inzwischen haben sie sich sogar schon einen Namen gemacht als künstlerisches Aushängeschild gegen Rechtspopulismus. Die SZ sprach jetzt mit dem vollbärtigen Gitarristen, Tobias Eichhorn, darüber.

SZ: Welchen Auftrag hat Musik in der heutigen Zeit und was darf sie eigentlich?

Tobias Eichhorn: Grundsätzlich darf Musik alles. Als Hauptauftrag sehe ich das Ritual, das hinter der Musik und dem Bühnenauftritt steckt. Es gibt nur wenige Gelegenheiten, zu denen unterschiedliche Menschen, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und im gleichen Tempo zusammen den Augenblick erleben. Und wir werden alle immer verschiedener. Da ist Musik vor allem soziales Miteinander, die schönste Einladung zu "Togetherness", wie es neulich der Sänger von Magic Mumble Jumble genannt hat. Musik hat die Kraft, unterschiedliche Menschen abzuholen und in einen Moment zu einzuschwingen. Soziale Medien nicht, die spalten nur und isolieren. Als hätten alle einen Aluhut auf.

Wie lässt sich Ihre Musik einordnen?

Angefangen haben wir mit Chansons in der Tradition der französischen Kunstmusik. Aber dann haben wir gemerkt, dass der Balkanbeat das viel bessere Mittel ist und zu dem Zirkus, den wir veranstalten, passt. Mein Vater kommt vom Balkan und ich bin mit der Musik von Goran Bregovic und Radio Belgrad aufgewachsen. Es ist verrückt, aber gegen dieses "Ummph, ummph, ummph" (singt Balkan Beat vor) und "Kuz, kuz" kann sich am Ende keiner wehren. Zudem spielen wir in harmonischem Moll. Das klingt jetzt eher technisch, ist aber die Tonleiter auf der diese Musik basiert.

Wie kam es eigentlich dazu, dass die Band gegründet wurde?

Also eigentlich war es so, dass Hannes Oberauer, der Bassist und ich uns getroffen haben und dabei festgestellt haben, dass wir musikalisch zusammenpassen. Dass Affentheater daraus wird, hat die Zeit gemacht.

Wie lässt sich der Name der Band erklären?

Die Welt ist ein wundersamer Ort voller Widersprüche und Absurditäten. Manchmal will da nichts richtig zusammenpassen - ein wahres Affentheater eben. Wir spüren diesem Gefühl nach und verarbeiten es zu Musik. Im ersten Teil der Show benennen wir gesellschaftliche Missstände, das heißt Verteilungsungerechtigkeit, Eitelkeit und Klimawandelignoranz. Im zweiten laden wir das Publikum ein, sich davon zu entfernen und mit uns einen gemeinsamen Moment zu erleben, der Spaß macht. Das Affentheater soll das Publikum zum Lachen und zum Tanzen bringen.

Für welche Themen steht die Band?

Unsere Message ist eigentlich: Wir laden unser Publikum dazu ein, mit uns am Abend eine Auszeit vom Tag zu machen. Aus Rausch und Exzess am Abend soll jeder am Ende des Abends neue Kraft mitnehmen. Der Alltag ist ja schon hart genug. Ich bin zweifacher Vater und weiß das.

Die Texte Ihrer Songs sind teilweise akustisch schwer verständlich. Soll der Text, die Themen, oder die Musik in den Songs im Vordergrund stehen?

Das muss der Zuhörer entscheiden. Wir sind so ein bisschen wie Greatful Dead: Live kommen wir viel besser rüber als auf Platte. Bei den Bühnenauftritten zählt der momentane Eindruck. Spätestens nach einer halben Stunde wollen wir zusammen mit dem Publikum eskalieren. Für 2020 ist es unser Ziel, die Show auszubauen und eine abendfüllende Produktion abzuliefern. Momentan dauert die Show 120 Minuten, aber wir wollen uns auf zweimal 90 Minuten steigern. Das wird ein vollständiges Tingeltangeltheater mit Glühbirnenbeleuchtung, Kostümen und einem durch das Programm führenden Spannungsverlauf. So kommen Traum und Rausch, wie der Titel des neuen Albums schon sagt, direkt zum Publikum.

Für was stehen eigentlich die eher skurrilen Verkleidungen, die die Band auf der Bühne trägt?

Wir treten in Kostümen eines Wanderzirkusses von 1900 auf. Hannes ist der starke Mann oder die bärtige Jungfrau. Ich bin der weiße Clown, der das Publikum zum Lachen und zum Weinen bringen kann. Tiermasken und ein Glühbirnenleuchtschild sind Teil der Show. Das hat lange Tradition. Früher sind Musiker im Land herumgezogen, haben vom Bühnenwagen aus Nachrichten verbreitet und so die Leute über das Geschehen in der Welt informiert. Musik war eingebettet in Tanz, Spiel und Rhetorik. Wir wollen an diese Tradition anknüpfen. Da wir als Narren verkleidet umherziehen, haben wir auch Narrenfreiheit.

Wie groß ist die Reichweite der Band und ihrer politischen Botschaften?

Die Botschaften kommen definitiv bei den Zuhörern an - auch wenn unsere Show im Vordergrund steht. Unsere Reichweite umfasst ganz Bayern, das zeigt unser Tourplan dieses Jahr. Da waren 32 Konzerte in Bayern drauf. Was wir auf den Konzerten erleben, spiegelt die Tagespolitik wider. Ich bin in meinem regionalen Umkreis tätig, denke jedoch mehr und mehr global. Und auch die Menschen fangen an, global zu denken - abgesehen von der AfD. Das passt auch zu unserem Thema: Affentheater gibt es immer und überall.

Welche Reaktionen auf Ihre politischen Anspielungen haben Sie bereits erlebt?

Die Süddeutsche Zeitung betitelte unser Affentheater vergangenes Jahr als "Brüller". Aber meistens wird unsere Musik und unser Wirken mit der Demo gegen die Wahlkampfveranstaltung der AfD verknüpft. In Dachau sind wir damit die Band gegen Rassismus und Hetze geworden. Unsere politische Stellungnahme wird auch über Dachau hinaus wahrgenommen und wir werden zuallermeist richtig eingeordnet.

Was heißt das konkret?

Na, wir würden sicher nicht für die AfD und rechtskonservative Parteien spielen.

Ihr Song "Reptoid" handelt von Reptiloiden, die die Erde überfallen und sich in den Gehirnen der Machthaber festsetzen. Wie kommen Sie auf die Idee, in Ihren Songs Verschwörungstheorien zu thematisieren?

Aus Spaß. Ich glaube es gibt nichts witzigeres als Verschwörungstheorien. Die sind alle so sinnlos und aus der Luft gegriffen. Das ist für Affentheater ein gefundenes Fressen.

© SZ vom 04.11.2019
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