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Dachau:Tierheim vor der Insolvenz

Silvia Gruber leitet das Tierheim seit 22 Jahren. Die Kosten sind seither gestiegen, die Einnahmen nicht.

(Foto: Jørgensen)

Massive Kostensteigerungen haben den Tierschutzverein in akute Not gebracht, im September droht die Zahlungsunfähigkeit. Jetzt ruhen alle Hoffnungen auf der Politik.

Im Tierheim ist es selten ruhig. Selbst in der Nacht bellt mal ein Hund oder kreischt ein Papagei. Doch im schlimmsten Fall wird es im Sommer hier ganz still werden. Dann nämlich, wenn der Tierschutzverein Dachau als Träger des Tierheims wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden muss. "Die Lage ist ernst", sagt die Vorsitzende des Tierschutzvereins und Chefin des Tierheims, Silvia Gruber. Ihre letzte Hoffnung sei nun die Politik. "Wir wissen, dass es brennt", bekennt Simon Landmann (CSU), Bürgermeister von Bergkirchen. Zusammen mit seinen Kollegen aus Karlsfeld, Stefan Kolbe (CSU), und Vierkirchen, Harald Dirlenbach (SPD), hat er sich vor wenigen Wochen mit Gruber zu einem Austausch getroffen. Das Ergebnis: Man wolle das Thema in einer der nächsten Bürgermeisterbesprechungen auf die Tagesordnung setzen. Höchste Zeit, denn spätestens im September geht dem Tierheim Dachau das Geld aus.

Im Jahr 2014 summiert sich der Fehlbetrag des Tierheims auf insgesamt rund 125 000 Euro. Allein bei den Fundtieren, deren Versorgung etwa 70 Prozent aller Aufwendungen ausmacht, ist das Defizit mehr als doppelt so hoch wie die Fundtierpauschale, die von den Kommunen gezahlt wird. So haben sich seit 2001 beinahe zwei Millionen Euro Unterdeckung angesammelt. Den monatlichen Ausgaben von gut 43 000 Euro stehen nur 29 000 Euro Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen gegenüber. Ohne die Sach- und Geldspenden von Privatpersonen und Institutionen sowie Einnahmen aus dem Oster- und Weihnachtsbasar fiele das Minus noch deutlich höher aus. "Ich habe alles versucht, Kosten eingespart, wo es nur geht", sagt Silvia Gruber. "Es reicht trotzdem hinten und vorne nicht." Und das bei mehr als 50 000 Ehrenamtsstunden im Jahr.

Geld war im Tierheim Dachau schon immer knapp. Als Gruber die Leitung vor 22 Jahren übernahm, war der Betrieb bereits eingestellt, 800 000 Mark Schulden lasteten auf dem Tierschutzverein. Trotzdem ging es weiter. Sparsamkeit war stets oberstes Gebot. Dazu ganz viel Eigenleistung. Seit Jahren bietet Dachau als einziges Tierheim im Münchner Umland einen 24-Stunden-Notdienst an, der genau besehen, sogar Geld spart. Denn wenn ein entlaufenes Tier nachts gefunden wird und gechipt, das heißt registriert ist, kann das Tierheim den Halter binnen kürzester Zeit ausfindig machen. Die Nacht-Stunden am Telefon werden nicht in Rechnung gestellt, so Gruber, "das ist privat", also Ehrenamt.

Dass die finanzielle Not gerade jetzt so akut geworden ist, hat viele Gründe. "Vor allem sind die Tierarzt- und Arzneimittelkosten in letzter Zeit extrem gestiegen", erklärt Gruber. "Außerdem spüren wir den neuen Mindestlohn, immerhin haben wir einen Sieben-Tage-Betrieb." Die Kosten wären noch höher, wäre eine der fünf Pflegerinnen nicht auch gleichzeitig Tierärztin, die ihre Tätigkeit im Rahmen ihrer Festanstellung ausüben kann. Es seien aber auch vermeintlich kleine Dinge, die sich läpperten: So müsse das Tierheim seit diesem Jahr das Katzenstreu über den Hausmüll entsorgen. Bis letztes Jahr habe das Dachauer Entsorgungsunternehmen Fink dies über einen eigenen Container kostenlos übernommen, doch nun sei der Abnehmer abgesprungen. "Wir brauchen mittlerweile acht Restmülltonnen, und die reichen kaum aus."

Worüber sich Gruber maßlos ärgert ist, dass das Tierheim im Grunde immer auf den Kosten sitzen bleibe - egal, ob ein Tier ausgesetzt werde oder sich der Besitzer eines Fundtieres nicht ermitteln lasse. Selbst, wenn Tiere abgegeben werden, weil ihre Halter wegziehen oder weil "die Katze das Kind gekratzt hat". Bei der Bitte um eine Woche Pensionskosten sei dafür kein Geld mehr da. "Und wenn wir uns weigern, das Tier aufzunehmen, wird es uns einfach nachts vor die Tür gesetzt oder irgendwo ausgesetzt." Vielfach würden Zusagen nicht eingehalten, selbst der Gerichtsvollzieher helfe nicht, wenn tatsächlich kein Geld vorhanden sei.

© SZ vom 23.03.2015
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