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Architekturforum Dachau:Ein Stück Stadtgeschichte

Die Martin-Huber-Straße 19 ist eines von zwei Häusern, die von nun an unter besonderem Schutz stehen.

(Foto: Toni Heigl)

Die Martin-Huber-Straße und Teile des Amperwegs werden unter kommunalen Denkmalschutz gestellt. Das Architekturforum Dachau begrüßt die Entscheidung, wünscht sich aber erneut einen Gestaltungsbeirat.

Benannt wurde die Martin-Huber-Straße unterhalb des Altstadtbergs nach dem ehemaligen Dachauer Magistrat und Besitzer der Gastwirtschaft "Zum schwarzen Rößl" (heute Hörhammerbräu). Huber war es auch, der die direkte Verbindungsstraße zwischen der Steinmühlstraße (heute Ludwig-Thoma-Straße) und dem Bahnhof 1901 anregte. Mit der Herstellung der Straßenbeleuchtung und des Wasseranschlusses im Jahr 1910 erfolgten schließlich zahlreiche Baugesuche.

Rund 100 Jahre später stehen immer noch etwa 20 Gebäude aus der Zeit zwischen den 1910er und den 1930er Jahren in der Martin-Huber-Straße, dem Amperweg und je ein Haus auch in der Ludwig-Thoma-Straße sowie in der Dr.-Engert-Straße. Geprägt sind die Gebäude vor allem von Wohn- und Geschäftshäusern im Stil bauzeitlicher Vorstadthäuser. "Sie veranschaulichen den Übergang in die allmählich fortgesetzte Verstädterung des ehemals ländlich geprägten Dachaus", heißt es dazu in einem Mitte September eingereichten Antrag im Bau- und Planungsausschuss.

Im Ausschuss wurde mit knapper Mehrheit für die Erhaltungssatzung gestimmt

Bauamtsleiter Moritz Reinhold hatte sich in dem Antrag dafür ausgesprochen, die Straßenzüge unter den sogenannten kommunalen Denkmalschutz zu stellen. Im Ausschuss wurde mit knapper Mehrheit für die Erhaltungssatzung gestimmt. Sie erlaubt es der Kommune in Zukunft, Einfluss auf etwaige bauliche Veränderungen oder gar einen Gebäudeabriss zu nehmen, wie es nur mittels des Bebauungsplans nicht möglich wäre. Selbst der Neubau von baulichen Anlagen bedarf nun einer entsprechenden Genehmigung. Der besonders zu schützende Bereich umfasst die Martin-Huber-Straße 1 bis 21, alle geraden Hausnummern von 2 bis 14 des Amperwegs, die Dr.-Engert-Straße 6 sowie die Ludwig-Thoma-Straße 24.

Für die Erhaltungssatzung hat der Bau- und Planungsausschuss Mitte September mit knapper Mehrheit gestimmt. Hier im Bild: Amperweg 12.

(Foto: Toni Heigl)

Das Architekturforum Dachau begrüßt diesen Beschluss. "Tradition hat sich in diesem Straßenzug manifestiert", ist Christian Stadler überzeugt. Er ist Regierungsbaumeister, Architekt und der Vorsitzende des Vereins. Gemeinsam mit seinem Architektenkollegen Emil Kath geht er die Martin-Huber-Straße entlang und erklärt, was all die Häuser eint, welche die Stadt nun unter besonderen Schutz gestellt hat. Charakteristisch sei für alle Gebäude beispielsweise, dass sie freistehend und zweistöckig seien. Auch das steil zulaufende Dach und die sogenannte Lochfassade, bei der die Fenster im Verhältnis zum Gemäuer nur einen geringen Anteil ausmachen, sind besondere Details. Verbreitet ist neben den hölzernen Fensterläden auch der Biberschwanz, ein flacher, an der Unterkante oft halbrund geformter Dachziegel. Nicht nur die Gebäude selbst, auch die Flächen um die Häuser herum sind aber bezeichnend: So sind fast alle Grundstücke von einem Zaun eingefasst und um die Häuser ein Garten und nicht, wie heute aufgrund neuerer Verordnungen erforderlich, Stellplätze angelegt. Alles sei ein bisschen freier und nicht so dicht bebaut, so Stadler. Klar, ergänzt Kath, seien hin und wieder auch Ausrutscher dabei. Etwa die Martin-Huber-Straße 9, aber viele Details würden sich entlang der Straße doch wiederholen.

Vor allem im Hinblick auf das riesige Bauprojekt auf dem MD-Gelände, dessen Rückseite direkt angrenzt, findet es Stadler wichtig, dieses Stück bauliche Stadtgeschichte zu erhalten - auch wenn sich dadurch vielleicht so mancher Eigentümer eingeschränkt fühlt. Mit Freiwilligkeit habe man, gerade wenn es um privaten Besitz geht, nun einmal noch nie etwas erreicht, so Stadler. Zudem werde immer wieder mit den unterschiedlichen Geschmäckern argumentiert. "Geschmackssache ist oft das Totschlagargument", sagt Kath. Aus seiner Sicht als Architekt lässt sich so aber nicht immer argumentieren. Manches passt einfach nicht zusammen, Geschmack hin oder her. Es sei deshalb gut und wichtig, wenn die Stadt nun ein Instrument habe, um gewisse Bauvorhaben zu prüfen. Bleibt nur die Frage, wer am Ende entscheidet, was passt und was nicht.

Martin-Huber-Straße

Der ehemalige und der amtierende Vorsitzende des Architekturforum Dachau: Emil Kath und Christian Stadler (von links).

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Architekturforum würde sich hierfür schon seit längerem einen Gestaltungsbeirat wünschen, der "fachlich fundierte Empfehlungen" aussprechen kann. Bewusst sollen es unbefangene Experten von außerhalb sein, die nicht in irgendwelche Bauvorhaben involviert sind. Denn ohne den Stadträten ihre Expertise absprechen zu wollen - vom Fach seien sie doch nur in Ausnahmefällen, so Stadler. Er ist der Meinung, das man auch von den Gebäuden auch gewisse Zeitabschnitte ablesen können sollte, ähnlich wie bei einen Jahresring. "Das ist die Qualität, die eine Stadt charakterisiert." Ein solches prägendes Ensemble wie in der Martin-Huber-Straße müsse man erhalten und ja, vielleicht in Zukunft sogar wieder ganz gezielt herausarbeiten, meint Stadler.

Geht man dieser Tage die Martin-Huber-Straße entlang, deren eine Fahrbahn gerade erneuert wird und in der sich deshalb noch mehr als sonst die Autos stauen, mag man Stadlers Vision kaum für möglich halten. Doch er kann sich gut vorstellen, dass die Straße irgendwann verkehrsberuhigt und damit zu so einer Art "Altstadterweiterung" wird. Gleichzeitig glaubt Stadler, dass die nicht ganz perfekte Lage direkt an der Straße einer der Gründe dafür ist, dass die Häuser noch so gut erhalten sind. Viele der Häuser werden tatsächlich von den Eigentümern bewohnt und dienen nicht als Spekulationsobjekt. Auch sind sie trotz ihrer Größe nicht so protzig wie etwa Villen am Starnberger See. So sei eine gewisse Stabilität gegeben, denn die Besitzer selbst hätten ein Interesse an der Erhaltung ihrer Häuser.

Ähnlich sieht das auch die Stadtratsfraktion der CSU, allerdings zieht sie für sich andere Schlüsse: Die Eigentümer seien mündig genug, selbst zu erkennen, wann etwas erhaltungswürdig sei - Einschränkungen von Seiten der Stadt brauche es dafür nicht. Außerdem sei bei den meisten Gebäuden der prägende Charakter längst verschwunden, argumentierte Gertrud Schmidt-Podolsky (CSU). Sie sitzt im Bau- und Planungsausschuss und hatte gegen die Satzung gestimmt. Da sich die Mehrheit letztlich aber für die Erhaltungssatzung und damit den kommunalen Denkmalschutz ausgesprochen hat, bleibt nun abzuwarten, wie der Stadtrat in seiner Sitzung am Dienstag, 8. Oktober, über die Beschlussfassung befinden wird.

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