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Dachau in Zeiten von Corona:Alltag im Ausnahmezustand

Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen haben das Leben der Menschen im Landkreis gravierend verändert - allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Sechs Vertreter aus den Bereichen Pflege, Kultur, Sport, Gastronomie, Handwerk und Politik erzählen, vor welchen Herausforderungen sie nun Tag für Tag stehen

Von Anna-Elisa Jakob und Johanna Hintermeier, Dachau

KULT Festival

Die Plakate für Neuauflage des Dachauer Kult-Festivals "Kult'20" sind bereits gedruckt, doch ob es tatsächlich im Herbst stattfinden kann, erscheint fraglich. Die Entscheidung dazu fällt in den nächsten Wochen. Sabine Seeholzer und Frank Donath, die bei der Organisation des großen Events mithelfen, zeigen die Plakate an der Schinderkreppe und - wie es derzeit vorgeschrieben ist - auch mit dem nötigen Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Seit fast drei Wochen ist im Alltag der Dachauer nichts mehr wie zuvor. Die meisten müssen zuhause bleiben, während andere nicht zuhause bleiben können. Niemand trifft sich mehr in Sportvereinen und Bars, viele müssen aber gerade jetzt andere versorgen, Hilfe und Pflege leisten. Manche müssen große Entscheidungen treffen, andere können nur abwarten. Viele mussten ihre Geschäfte schließen, einige entwickeln kreative Ideen, um sie dennoch am Laufen zu halten. Wie erleben die Menschen im Landkreis diese Zeit, wie belasten sie die Ausgangsbeschränkungen und wie blicken sie in die Zukunft? Sechs Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen erzählen.

"Wir müssen raus und helfen"

Heike Kühn, ambulante Pflegerin: "Ich sage immer: lieber so viel, als wenn wir gar nichts zu tun hätten. Seit mehr als vierzig Jahren bin ich Krankenschwester mit Herzblut, und in der ambulanten Pflege gilt jetzt mehr denn je: sich mit den Kunden und Angehörigen absprechen, jeden Krankheitsverdacht ernstnehmen, auf die Sicherheit aller Beteiligten achten - und meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schützen und zusammenzuhalten. Unsere Kapazitäten waren schon vor der Corona Pandemie schwer ausgeschöpft, den Pflegemangel gab es schließlich davor auch schon. Natürlich müssen jetzt die Krankenhäuser entlastet werden - wir betreuen gerne weiterhin 110 Kunden, viele davon mehrmals täglich mit Körperpflege, medizinischer Versorgung und Mahlzeiten. Da unsere Kunden meist der besonders gefährdeten Risikogruppe von Covid-19 angehören, verändert das die Pflege. Wir arbeiten jetzt immer mit Mundschutz und Handschuhen, ich habe hohe Mehrausgaben für Schutzanzüge und Desinfektionsmittel.

Pflegedienst Heike Kühn

Heike Kühn, ambulante Pflegerin.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Einige Kunden, bei denen Angehörige kurzzeitig die leichten Pflegeaufgaben übernehmen können, setzen wie nun ein paar Wochen aus, um Kapazitäten für schwere Pflegefälle oder alleinstehende Menschen zu haben. Gerade demente Kunden belasten die neuen Auflagen in der Pflege: Sie sind erschrocken und traurig, wenn wir uns nicht wie gewohnt zur Begrüßung umarmen oder nicht mehr beim Duschen mit ihnen reden, um in dieser Nähe das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Da muss ich dann erklären: "Ich will nicht, dass Ihnen was passiert - ich versuche, Sie zu schützen." Ich wünsche mir, dass die jetzige Situation etwas in den Köpfen der Menschen ändert und der Pflegeberuf mehr Anerkennung erfährt. Wir brauchen auch eine stärkere Lobby. Meine Mitarbeiter und ich motivieren uns gegenseitig. Denn während viele Menschen unter den Ausgangsbegrenzungen leiden, gibt es für uns kein Pardon: Wir müssen raus und wir müssen helfen."

"Komplett ohne Einkommen"

Ben Davidson, Musiker und Freiberufler: "Ich war nicht überrascht von den Ausgangsbeschränkungen, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer werden würde. Tatsächlich merke ich jetzt, wie gerne ich einfach nur draußen bin. Ich liebe es, mich in der Altstadt auch einfach mal alleine hinzusetzen, einen Kaffee zu trinken, zu lesen oder die Menschen zu beobachten. All das beeinflusst natürlich meine Kreativität. Anfangs dachte ich tatsächlich, dass mir all das vielleicht sogar einen kreativen Schub geben würde. Aber dann fiel ich vergangene Woche in dieses Loch, weil einfach gar nichts mehr ging. Jetzt bin ich aus meiner WG in Dachau zeitweise zurück ins Hinterland gezogen, unter meinen Eltern war gerade eine Wohnung frei. Dort gibt es viel mehr Grün, das tut gut.

SZ Adventskalender

Ben Davidson, Musiker und Freiberufler.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Wenn ich meine Situation gerade nüchtern betrachte, sieht es für mich ziemlich katastrophal aus. Meine Konzerte kann ich nicht mehr spielen. Daneben bin ich freiberuflicher Veranstaltungstechniker und Barkeeper - auch das fällt gerade alles weg, ich bin also komplett ohne Einkommen. Doch all das macht mir seltsamerweise gar nicht so große Sorgen, ich muss einfach nur versuchen, über die nächsten Monate hinweg irgendwie meine Miete zu decken. Meine größte Sorge ist, dass meinen Eltern und Großeltern etwas passiert. Um diese Situation kommen wir gerade einfach nicht herum. Wir können nur das Beste daraus machen, das ist meine Einstellung.

Ich habe auch die Soforthilfe für Selbstständige beantragt. Bisher habe ich zwar noch nichts davon gehört, aber Freunde von mir haben bereits Geld erhalten. Das ist eine gute Sache. Da ich mich gerade sehr auf mein Soloprojekt konzentriere, sollte ich gerade sowieso Songs schreiben und aufnehmen. Das kann ich jetzt also ganz gut machen. Normalerweise stehe ich aber beinahe jede Woche vor Publikum, in der Festivalzeit im Sommer noch öfter. Letzte Woche habe ich mal ein Live-Konzert im Internet gegeben, vielleicht mache ich das noch mal. Allerdings bekommt man da keine Resonanz, abgesehen von den Nachrichten, und dann fühlt sich das doch wieder so an, als würde man für sich alleine spielen. Und das macht man als Musiker ja sowieso jeden Tag.

"Croissants für Zuhause"

Lina Homann, eine der drei Gründerinnen des Cafés "Samstagskinder": "Wir hatten schon beschlossen, dass wir das Café schließen, bevor die Regierung die Ausgangsbeschränkungen erlassen hat. Also haben wir auch schon vorher angefangen, unseren Notfallplan zu erstellen. Dazu gehörte, dass wir innerhalb von zwei Tagen unseren neuen Onlineshop hochgezogen haben. Hier kann man nun alle Produkte kaufen, die wir sonst im Laden anbieten und diese dann bei uns an der Tür abholen. Unterstützen kann man uns gerade auch am besten, wenn man online bei uns einkauft. Denn wir haben viele hochwertige Produkte, die ein geringes Mindesthaltbarkeitsdatum haben - deswegen ist es wichtig, dass wir diese möglichst schnell verkaufen können, bevor sie ablaufen.

Samstagskinder

Lina Homann, eine der drei Gründerinnen des Cafés "Samstagskinder".

(Foto: Niels P. Joergensen)

Zusätzlich haben wir aber auch das "Samstagskinder-Feeling" für Zuhause im Angebot: frisch gemahlener Kaffee und unsere Croissants zum Aufbacken, weil diese für viele immer ein großer Anreiz waren, hier zu uns ins Café zu kommen. Zusätzlich haben wir mittwochs immer Paninis, Zimtschnecken und Kuchen zum Mitnehmen, und donnerstags gibt es ein Mittagsmenü.

Sorgen machen wir uns vor allem um die Fixkosten, also Miete und Strom. Wir haben auch eine feste Mitarbeiterin, die wir in Kurzarbeit schicken mussten. Wir hoffen, dass wir diese Kosten über die kommenden Wochen hinweg gut decken können. Bisher gibt es zum Glück viele Menschen, die uns unterstützen mit Einkäufen und Gutscheinen, aber das ist natürlich trotzdem viel weniger, als wenn unser Café geöffnet ist. Und die Erlöse aus den Gutscheinen helfen uns zwar jetzt, aber damit nehmen wir natürlich nichts ein, wenn unser Café wieder geöffnet hat. Man kann uns auch mit einem virtuellen Cappuccino oder Kuchen unterstützen, das ist dann wie eine Spende. Und viele bestellen jetzt auch schon ihr Ostergebäck bei uns, das bereitet unsere Konditorin extra zu."

"Ab und zu laufen gehen"

Leander Lask, Fußballer des TSV 1865 Dachau und Student: "Die ersten Tage ging's noch, aber irgendwann hatte ich einfach Lust mal wieder zu kicken. Das hätte auch kein Training sein müssen, sondern einfach nur draußen mit Freunden - aber da waren die Sportplätze schon alle zugesperrt. Unsere Mannschaft hatte sowieso schon eine Woche vor den Ausgangsbeschränkungen darüber abgestimmt, ob es überhaupt Sinn macht, noch gemeinsam zu trainieren, weil unser Spiel am Wochenende bereits abgesagt worden war. Und der Großteil der Mannschaft, der ja verfolgt hatte, was gerade passiert, war dann auch dafür, das Training abzusagen.

Leander Lask, Fußballer des TSV 1865 Dachau und Student.

(Foto: Toni Heigl)

Unser Trainer hat uns eigentlich nur gesagt, dass wir uns jetzt individuell fit halten sollen, uns also keine Laufpläne oder ähnliches mitgegeben. Bei Freunden von mir, die in der Regionalliga oder höher spielen, ist das anders - die bekommen jetzt beispielsweise ein Spinning-Rad nach Hause geliefert oder ihr Athletiktrainer spricht mit ihnen per Videochat. So ist das bei uns, einem Bayernliga-Verein, natürlich nicht.

Ich versuche einfach, dass ich ab und zu laufen gehe, regelmäßig Krafttraining mache. Am Anfang habe ich noch versucht, jeden zweiten Tag laufen zu gehen, mittlerweile ist es, glaube ich, nur noch jeder dritte. Motivieren kann ich mich bisher aber trotzdem ziemlich gut, da ich auch keine Lust habe, den ganzen Tag nur rumzusitzen. Gleichzeitig hat bei mir nun auch die Uni wieder angefangen, und auch dort läuft ja jetzt alles online. Mit meiner Mannschaft bin ich gerade ziemlich wenig in Kontakt. Normalerweise treffen wir uns ja auch mal nach dem Training oder gehen zusammen feiern. Das werde ich vermutlich schon bald vermissen. Solange wir nicht trainieren können, haben wir Spieler uns darauf geeinigt, auf unser Gehalt zu verzichten - damit wir unseren Verein in dieser Zeit unterstützen können."

"Verantwortung für Mitarbeiter"

Benno Huber, Schreinermeister: "Wir arbeiten mit unserem Schreinereibetrieb in Petershausen weiter - aber unter veränderten Umständen. Viel läuft seit einigen Wochen über das Telefon. Wir rufen alle Kunden an und fragen nach, ob wir wie vereinbart kommen sollen, ob jemand im Haus erkrankt ist - dann kommen wir nicht. Bestimmte Aufträge verschieben wir nun auch - 20 Fenster auszutauschen, das kann im Zweifel noch ein paar Wochen warten. Wir teilen uns immer auf, die Hälfte arbeitet mit Abstand in der Werkstatt, die anderen fahren auf Montage. In unseren Fahrzeugen stehen jetzt Wasserkanister, damit auch auf Baustellen die Handhygiene absolut gesichert ist.

Schreinerei Huber

Benno Huber, Schreinermeister.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Unsere drei Lehrlinge im Betrieb erledigen die Aufgaben der Berufsschule bei uns im Büro. Mir liegt sehr am Herzen, keinen unserer 16 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken zu müssen. Vielleicht ist das Handwerk krisensicherer als andere Gewerbe, und wir müssen ja auch keinen Gewinn in der Krise erwirtschaften - aber unsere Mitarbeiter haben Familien und wir fühlen uns verantwortlich auch in ihrem Sinne zu handeln.

Um eventuellen Lieferengpässe vorzubeugen, haben wir bereits sehr viele Materialien eingekauft, um in den nächsten Monaten definitiv weiterarbeiten zu können. In den vergangenen Jahren wollte ich unseren Betrieb immer wieder spezialisieren. Gerade bin ich sehr froh, dass wir von Sandkastenfassungen, Küchen, Treppen und Sicherheitssystemen alles anbieten; das macht uns flexibel und nicht so abhängig wie zum Beispiel einen Messebauer."

"Es geht darum, Leben zu retten"

CSU-Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath: "Für den Bayerischen Landtag, die Staatsregierung und mich als Abgeordneter für Dachau geht es jetzt darum, Leben zu retten. Dafür haben wir im Parlament zügig aber gründlich das Bayerische Infektionsschutzgesetz verabschiedet. Als Legislative haben wir die Aufgabe, die Handlungsfähigkeit und Funktionsfähigkeit des Freistaates zu sichern. Mit dem Gesetz wurde im wahrsten Sinne des Wortes Notwendiges getan, um der Staatsregierung genügend Kompetenzen für diese Krisenlage zuzusprechen. Bayern ist in Deutschland so Schrittmacher für effektive Maßnahmen im Umgang mit dem Coronavirus. Wir hoffen, dass es solche dramatischen Bilder wie aus Italien bei uns dadurch nicht geben wird.

CSU-Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath.

(Foto: Toni Heigl)

Dass dem Gesetz auch alle Oppositionsparteien zugestimmt haben, ist ein Zeichen der Geschlossenheit, zeigt aber auch die Außergewöhnlichkeit der Situation. Die Arbeit als Abgeordneter hat sich für mich auch verändert. Meine Aufgabe als Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Pflege ist nun, die Schnittstelle zwischen Parlament und Exekutive, aber auch den Medien und dem Gesundheitswesen zu sein. Besonders mit Gesundheitsministerin Melanie Huml tausche ich mich regelmäßig aus. Ich arbeite aus dem Home-Office und kommuniziere über Telefon, Video und Whatsapp. Wir alle sammeln gerade Erfahrungen mit einer hauptsächlich digitalen Kommunikation - das könnte unser Berufsleben vielleicht dauerhaft verändern. Auch im Landtag ist das spürbar: Die Plenarsitzungen finden derzeit nur noch mit einem Fünftel der sonst üblichen 205 Abgeordneten aus dem Freistaat statt.

Viele besorgte Bürgerinnen und Bürger wenden sich an mich; zum ersten Mal seit ich 2008 als Angeordneter für den Landkreis gewählt wurde, muss ich meine Bürgersprechstunde telefonisch abhalten. Wir müssen jetzt alle weiter konsequent durchhalten, der Höhepunkt der Pandemie ist noch nicht erreicht. Unser Landkreis ist bestens vorbereitet, und die gesundheitliche Versorgung ist gesichert. Hier gilt es, allen Beteiligten im Landkreis ein großes Lob auszusprechen.

Meinen kleinen Beitrag leiste ich weiterhin durch den Kontakt zur Staatsregierung. Ich habe als Gesundheitspolitiker immer gesagt: "Gesundheit ist das Wichtigste - privat und politisch." Und oft haben die Leute geschmunzelt - das macht heute niemand mehr."

© SZ vom 06.04.2020

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