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Dachau:Großer Spannungsbogen

Das "Tom Rainey Trio" eröffnet die nächsten 20 Jahre Jazz e.V.

Mit dem Jubiläumsprogramm zu seinem 20-jährigen Bestehen hat der Dachauer Jazz e.V. im vergangenen Herbst einige Seiten in der Dachauer Musikgeschichte dick beschrieben. Der legendäre Saxofonist David Murray war da, die Pianistin Aki Takase ebenso. Große Namen, große Musik, große Konzerte, großes Publikum in der Kulturschranne. Macht sich da zum Beginn der Frühjahrskonzertreihe, die die nächsten 20 Jahre des Jazz e.V. einläutet, Katerstimmung breit? In keiner Weise. Die Kulturschranne ist wieder bestens besetzt und der ausliegende Flyer, der alle fünf Konzerte von Januar bis Mai 2020 zeigt, macht so große Freude, dass man gleich den Taschenkalender befüllen möchte. Die kommenden 20 Jahre des Jazz e.V. eröffnet das deutsch-amerikanische "Tom Rainey Trio". Mit Ingrid Laubrock am Tenor- oder Sopransaxofon, Mary Halvorson an der E-Jazzgitarre, Tom Rainey am Schlagzeug.

Tom Rainey beeindruckt am Schlagzeug vor allem, wenn er die leisen Ausdrucksformen erkundet.

(Foto: Toni Heigl)

Es ist eine Musik der weiten, prozessualen Spannungsbögen und großen dynamischen Kontraste, die dieses Trio präsentiert. Die reichen von kaum hörbaren Effekten (gäbe es eine Partitur, müsst man sie mindestens in vierfachem Piano notieren), wenn Rainey das Öffnen und Schließen eines Reißverschlusses zum rhythmischen Klangereignis erhebt oder Laubrock in der Klangsäule ihres Saxofons nur röchelnde Luftgeräusche erzeugt, bis hin zu pyrophonetischen Klangeruptionen, wenn Laubrock ihr Instrument heftig überbläst und hypnotische Melodielinien herauspresst, Rainey dazu einen beinharten Beat schlägt und Halvorson mit dicken, verzerrten Akkorden auf eine Weise grundiert, dass die Musik mächtig und sengend heiß dahinfließt.

Ingrid Laubrock am Saxofon agiert meistens nicht geräuschhaft, sondern melodisch.

(Foto: Toni Heigl)

Raineys Schlagzeugspiel ist bemerkenswert variabel und beeindruckt insbesondere, wenn er die leisen Ausdrucksformen seines Instruments erkundet, mit weichen Filzschlägeln paukenartige Klangflächen erzeugt, oder nur mit den Händen auf den Trommeln ein sanftmütiges Solo spielt, um dann mit einem Marschrhythmus wie aus der Ferne wieder ein großes Crescendo zu initiieren. Das größte Ausdrucks- und Klangspektrum aber deckt Halvorson mit der Gitarre ab. Ihre musikalische Bandbreite ist enorm. Sie ist Rockgitarristin, sie ist klassische Rhythmusgitarristin, sie spielt wundervolle Hawaiigitarrensoli, sie beherrscht, von sanften Elektronikeffekten unterstützt, herrlich flirrende Arpeggien, bei denen man beinahe eine Konzertharfe zu hören glaubt. Welche Farbe die Arrangements auch immer brauchen, Halvorson und ihre Gitarre haben sie in ihrem Farbkasten parat, mal kräftig übermalend, mal ganz pastellen und hintergründig kolorierend. Das ist große Kunst.

Dennoch ist klar, dass Laubrock und ihre Bläserstimme in dieser Musik die Führung innehaben. Wann immer Laubrock - und das ist in ihrem Spiel meistens der Fall - nicht geräuschhaft agiert, sondern melodisch, sind die Linien des Saxofons das musikalisch bestimmende Element. Und wie exquisit und geradezu lyrisch schön Laubrock dabei ganz besonders das Sopransaxofon blasen kann (auf dem Tenorsaxofon herrscht häufig eher das Staccato vor), zeigt sie gegen Ende des zweiten Sets bei einer leise suchend dahinschleichenden Stop-and-go-Nummer. Die wäre stilistisch bereits ein perfektes Konzertende - doch ein wenig wollen die drei den Abend überdehnen. Das ist zunächst schade, weil man sich ein passenderes Ende als dieses herrlich auskomponierte Zur-Ruhe-Kommen eigentlich nicht vorstellen kann. Als das Trio als Zugabe aber ein zauberhaftes, nocturneartiges Musik durch die Kulturschranne schweben lässt, ist man doch sehr froh, das noch gehört zu haben.

© SZ vom 27.01.2020
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