bedeckt München
vgwortpixel

Dachau:Gebunkerte Geschichte

Im Stadtarchiv Dachau liegen die Meldedaten der Freiluftmaler und das Banner der Metzgerei-Innung. Nun hat die Stadt den Ankaufsetat der Abteilung verdoppelt. Das Interesse der Forscher wächst.

Nepomuk von Hohenhausen ist der erste Ehrenbürger Dachaus. Stadtarchivar Andreas Bräunling bekam zur Urkunde neulich noch eine Gedenkmünze.

(Foto: joergensen.com)

Jacobine. Das ist vielleicht nicht der hübscheste Name, den man seiner Tochter geben kann. Aber mit dem Zusatz von Hohenhausen hat er schon einiges Gewicht. Jacobine von Hohenhausen wurde bei ihrer Geburt im Jahre 1856 in Dachau mit so viel Ehrerbietung begrüßt, wie es sich Eltern nur wünschen können. Ihr Vater war ein hoher Offizier und Erzieher der bayerischen Prinzen, durch seinen Einfluss hatte er den Bau der Schranne durchgesetzt. Die Stadt, die damals noch keine war, sondern nur ein Markt, dankte es ihm, indem sie ihm die erste Ehrenbürgerwürde des Ortes verlieh. Das bedeutete: eine große mit blauem Samt bezogene Urkunde mit den Unterschriften aller Ratsvertreter und eine goldene Medaille für seine Tochter Jacobine - so benannt nach der Sankt-Jakobs-Kirche.

Diese goldene Medaille hat Andreas Bräunling nicht in seinem Bestand. Vor ihm liegt eine von mehreren bronzenen Ausführungen - und der Prägestempel zur Münze. Bräunling verwaltet das Archiv der Stadt Dachau. Er und sein Kollege Paul-Rainer Kuhnen und ab und zu mal eine Praktikantin bewahren, sammeln, ordnen und erfassen die greifbare Historie Dachaus: Akten, Urkunden, Gewerbescheine, Melderegister, Rechnungen und Sitzungsprotokolle. Wann welcher Künstler sich zur Untermiete, nur zur Sommerfrische oder für länger, in Dachau niederließ, um der Freiluftmalerei zu frönen - das Stadtarchiv hat alle Daten. Auch die Sterbebücher aus dem Konzentrationslager liegen hier. Bräunling bekommt darum Anfragen aus aller Welt.

Abgefasst sind all diese Urkunden und Dokumente auf Pergament, auf Bütten, auf Papier aus Hadern und aus solchem mit viel Holz. Papier, Papier, Papier. Der Besitz ist wertvoll, aber ist er auch kostbar? Das Archiv, so scheint es im Vergleich zu anderen Haushaltsposten der Stadt, ist gering ausgestattet. Der Ankaufsetat beträgt, seitdem das Archiv 1997 hauptamtlich besetzt wurde, jährlich 3000 Euro. Nun wurde der Etat verdoppelt. Von Januar an kann Bräunling jährlich 6000 Euro in historische Dokumente investieren. Das beschloss der Kulturausschuss in seiner vergangenen Sitzung, ein Punkt auf der Tagesordnung, der ohne jede Diskussion einstimmig beschlossen wurde. Eingebracht hatte den Antrag Robert Gasteiger von den Freien Wählern mit der simplen Begründung, der Etat sei häufig schon in der Jahresmitte aufgebraucht. Gasteiger hat ein recht inniges Verhältnis zum Archiv, er ist häufiger dort zum Forschen und Lesen, denn er ist im Vorstand des Museumsvereins Dachau.

"3000 Euro ist nicht viel. Eine Sammlung historischer Dokumente kann schon mal bis zu 5000 Euro wert sein", sagt Gasteiger, im Moment komme vieles auf den Markt. Andreas Bräunling muss allerdings kaum selbst suchen. "Vieles wird mir angeboten", sagt er. Aus Privatbesitz, von Sammlern, Händlern. So, wie die Jacobinen-Münze. Oder jenes Postkartenalbum. "Manche sind recht alt oder haben eine sehr aufwendige Prägung", sagt Bräunling. So eine kann dann bis zu 60 Euro kosten. Andere kauft er für drei Euro das Stück an. Sie werden ihren Wert in hundert Jahren haben, wenn das, was sie zeigen, längst umgestaltet und vergangen ist. Auch Fotoalben werden Bräunling immer wieder vorgelegt, manchmal Familienalben, manchmal Sammlungen städtischer und landschaftlicher Aufnahmen. Einem Fotografen, der in den Jahren nach dem Abzug der Amerikaner auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers fotografierte, hat Bräunling eine vollständige Serie inklusive der Negative und Rechte abgekauft, 30 Euro pro Bild.

Nicht alle Archivalien kosten ihn etwas. Bräunling holt eine kleine, blaue, ziemlich abgewetzte Uniformjacke hervor. Augenscheinlich oft, vielleicht sogar über Generationen hinweg, getragen: eine Jacke der Knabenkapelle Dachau. Das hier wäre nicht das Archiv, wenn Bräunling nicht zielstrebig gleich die passende Postkarte dazu präsentieren könnte. Eine Aufnahme aus den fünfziger Jahren, die Knabenkapelle in geordneter Aufstellung, die Musiker korrekt in die kurzen, blauen Jacken mit den runden silbernen Schmuckknöpfen gekleidet. Ein Stück Geschichte, denn mittlerweile hat sich das Aussehen der Vereinstracht geändert.

Die Vereine verändern sich nicht nur, manche lösen sich einfach auf. Etwa der Hinterbliebenenverein, der Arbeiterkrankenunterstützungsverein, der Verkehrsverein und der Rauch- und Sterbeverein. Dessen Name entsprang im 19. Jahrhundert offenbar nicht aus dem Wissen, dass Rauchen zum schnelleren Ableben führt. Vielmehr sammelte der Verein durch das gemeinsame Rauchen im Club Geld ein, das im Todesfall ausgezahlt wurde. Eine Art gesellige Sterbeversicherung also. Alle diese Vereine haben dem Archiv ihr Schrifttum und zumeist auch gleich ihre Fahnen und sonstigen Insignien hinterlassen.

Im mittleren Raum des Archivkellers riecht es etwas muffig. "Die Fahnen hingen vorher zum Teil in feuchten Kellerräumen, die fingen schon an zu modern", sagt Bräunling. Eine sonderbare Auffassung ihrer Arbeit hatte die Metzgerei-Innung, deren Banner der biblische Abraham ziert, der seinen Sohn opfern soll. Auch auf der anderen Seite ist kein Schweinekopf zu sehen, oder wenigstens eine Gans. Stattdessen ein Christus im Herz-Jesu-Stil. Ein bisschen ist so ein Archiv auch ein Kuriositätenkabinett. Es archiviert nicht nur Meldedaten und Schulnoten, sondern auch Moden und Humor. Das Interesse, es zu nutzen, wächst: 2010 hatte er 748 Benutzeranfragen, 2011 waren es 802, im vergangenen Jahr dann 864. "Die Bestände werden größer", sagt Bräunling, "wir werden bekannter." Und der Drang, die Familiengeschichte zu erforschen, wachse auch.

Der Archivkeller ist selbst ein Stück deutscher Geschichte. An den Wänden hängen noch Instruktionen für den äußersten Gefahrenfall. Als einen solchen sah die vormalige Eigentümerin des Hauses, die Deutsche Post, in den sechziger Jahren den Atomkrieg an. Der Schutzbunker war mit Stockbetten, Belüftungsrohr und Überlebensrationen ausgestattet. Sollte Dachau einmal von einem Erdbeben erschüttert oder auch nur von einer U-Bahn-Linie gestreift werden, würde sich der Bunker im Erdreich höchstens drehen, nicht jedoch zusammenstürzen wie das Kölner Stadtarchiv vor mehr als vier Jahren. Eine beruhigende Vorstellung.

Die schlichten grauen Pappkartons in den Regalen tragen Aufschriften wie: Almosenrechnungen 1812 bis 1845 oder Rosenkranzbruderschaftsrechnungen 1746 bis 1785. In den Kisten liegen Akten, die einen wehmütig machen können: von geübter Hand in Schönschrift abgefasst. Selbst Beamte scheinen früher einen - vielleicht gar staatlicherseits verordneten - Sinn für Dekor gehabt zu haben. In Zeiten, in den Liebesbriefe durch Liebes-E-Mails ersetzt werden, wirkt eine so handschriftliche Haushaltsaufstellung geradezu intim.

Ein bestimmtes Objekt hat Bräunling jetzt, da ihm mehr Geld zur Verfügung steht, nicht im Auge. Er wird einfach etwas entspannter der Angebote harren, die da kommen. Einen bedeutenden Zuwachs erhält das Archiv gerade ganz ohne Kosten: Ein Hobbyforscher schenkt dem Archiv Dokumente über das Leben des Paters Leonhard Roth, erst KZ-Häftling und nach dem Krieg dann Seelsorger inhaftierter SS-Männer. Jahrzehntelang hat der Forscher das alles zusammengetragen. "Da könnte sich jetzt jemand dransetzen und eine Pater-Roth-Biografie verfassen", sagt Andreas Bräunling.