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Dachau:Fast wie daheim

Das Friedrich-Meinzolt-Haus in Dachau-Ost wurde bei einem Vergleichstest zu einem der besten Pflegeheime Deutschlands gekürt. Besonders gut abgeschnitten hat es in der Kategorie "Wohnen mit Service"

So ganz wie daheim, sagt Babette Koller, sei es halt nie im Pflegeheim. Daheim, das war für die gebürtige Dachauerin lange Jahre die Berliner Straße in Dachau-Ost. Heute lebt die 80-Jährige im Friedrich-Meinzolt-Haus nur wenige Straßen weiter. Dort teilt sie sich ein Zimmer mit einer Mitbewohnerin. Es ist ein wenig beengt, aber gemütlich. Eine Wand ist rosa gestrichen, Stickereien, Bilder und Figuren hängen dort. Auf den Nachttischen stehen Fotos neben den ersten Weihnachtssternen des Jahres. Man müsse schon Abstriche machen, sagt die Seniorin. Das sei nun mal so, wenn man im Pflegeheim lebe. Zufrieden ist sie trotzdem. "Eins a versorgt" fühlt sie sich im Meinzolt-Haus. Sie ist nicht die einzige, die so denkt: Seit Jahren schneidet das Pflegeheim bei Qualitätsprüfungen gut ab. Nun wurde es im großen Pflegeheimvergleich des Magazins Focus als eine der besten Einrichtungen Deutschlands ausgezeichnet.

Insgesamt 692 Mal wurde das Siegel "Top Pflegeheim 2016" vergeben. Basis des Vergleichs bildete eine Stichprobe der Einrichtungen in Deutschland, die bei der Qualitätsprüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) aus dem Jahr 2014 überdurchschnittlich gut waren. 1600 Heimleiter und Pflegeexperten gaben daraufhin ihre Empfehlungen für die besten Einrichtungen ab. Heime, die mehrfach empfohlen wurden, schafften es in die Spitzenliste. Das Meinzolt-Haus wurde vor allem in der Kategorie "Wohnen mit Service" gut bewertet.

143 Bewohner leben dort insgesamt, etwa 40 von ihnen nicht auf den Pflegestationen, sondern in Appartements. Dort können sie sich selbst einrichten, bekommen eine hauswirtschaftliche Grundversorgung und werden, wenn nötig, ambulant versorgt. "Rüstige Bewohner" heißen sie im Heim-Jargon. Für Pflegedienstleiterin Christine Weidinger ist es gerade diese Mischung, die das Meinzolt-Haus auszeichnet. Denn die Appartements sind nicht in einem abgetrennten Flügel des Hauses untergebracht, sondern befinden sich im selben Stockwerk wie die Pflegestationen, liegen also auf dem gleichen Gang. "Das trägt zum Leben im Haus bei", sagt Weidinger.

Die Focus-Auszeichnung wird im Heim und beim Träger, der Inneren Mission, vor allem als Lob für die Mitarbeiter gewertet. Zu hoch hängen will sie ansonsten niemand. "Für uns zählen vor allem die Rückmeldungen der Angehörigen", sagt Weidinger. Und die sind gut: Die Nachfrage nach Plätzen ist seit Jahren konstant hoch, das Heim ist über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt und geschätzt.

Ein Grund dafür, glauben die Verantwortlichen, ist die Kontinuität im Haus. Viele Pflegekräfte, sagt Weidinger, blieben sehr lange, fast alle Leitungskräfte seien bereits seit zehn Jahren im Meinzolt-Haus tätig. Auch beim Nachwuchs steht das Heim gut da. Gerade angesichts sich verändernder Anforderungen in der Pflege zahle es sich aus, ein eingespieltes Team zu haben, sagt Jörg Kahl, Assistent der Geschäftsführung der Hilfe im Alter bei der Inneren Mission.

Qualitätskontrolle in Seniorenheimen

13 Pflegeeinrichtungen für Senioren stehen auf der Liste des Landratsamts. Einmal im Jahr, bei Bedarf auch häufiger, werden sie unangekündigt von der staatlichen Heimaufsicht überprüft. Die sitzt im Landratsamt und heißt offiziell "Fachbereich Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und -aufsicht" (FQA). Geprüft werden die Einrichtungen von einer vierköpfigen Gruppe, die aus einer Verwaltungsfachkraft, einer Pflegefachkraft, einem Arzt und einem Sozialpädagogen besteht. So wird zum Beispiel kontrolliert, ob der Personalschlüssel stimmt und Pflegepläne und -ziele eingehalten werden, ob die Pflege also tatsächlich beim Bewohner ankommt. "Pflegeergebnisqualität" heißt das in der Fachsprache.

Auch die soziale Betreuung wird überprüft. Bettlägerige Bewohner dürfen nicht vernachlässigt werden. Einen Tag lang dauere eine solche Qualitätskontrolle in der Regel, sagt Stefan Hildebrand vom Landratsamt. Man könne zwar nur stichprobenartig kontrollieren, doch die Prüfer seien routiniert und würden die Einrichtungen aus jahrelanger Erfahrung kennen. Wie ein Sprecher des Ministeriums für Gesundheit und Pflege mitteilt, beruht die Veröffentlichung der entsprechenden Prüfberichte durch die Einrichtungen auf Freiwilligkeit.

Angehörigen von Pflegebedürftigen, die eine gute Einrichtung suchen, empfiehlt Stefan Hildebrand deshalb, die Heime vor der Entscheidung mehrfach zu besuchen. Am besten einmal vormittags, nachmittags und abends. So könne man einen umfassenden Eindruck gewinnen. Das Ministerium verweist außerdem auf Vergleichsportale von Pflegekassen wie den Pflegeheim-Navigator der AOK.

Dort sind die Prüfergebnisse des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) zu finden. Denn auch der MDK kontrolliert einmal im Jahr die Pflegeheime im Auftrag der Pflegekassen und vergibt Noten. Er prüft vor allem, ob die Leistungen der Kassen adäquat erbracht werden und beim Bewohner ankommen. Die Ergebnisse werden seit 2008 im Internet auf den Seiten der Landesverbände der Pflegekassen veröffentlicht. ASL

Doch der Erfolg des Hauses liegt in seinen Augen nicht nur darin. Er spricht von einer "Fülle von kleinen Bausteinen, die das Große ausmachen". Da sei zum einen die auffallend gute Einbindung ins Gemeindeleben. Der Kontakt zu den Kirchen im Viertel ist gut, regelmäßig kommen Praktikanten aus den Schulen in der Stadt, Ehrenamtliche bieten Kurse an, das Dachauer Forum veranstaltet Vorträge.

"Wir sind vor allem ein offenes Haus", sagt Christine Weidinger. Das trägt zum vollen Programm im Haus bei. Jeden Tag gibt es Veranstaltungen: Heimkino, Gymnastik, Sitztanz, Kegeln, Bingo. Ergo- und Physiotherapeuten kommen ins Haus, eine Friseurin, neuerdings wird Fußreflexzonenmassage angeboten. Auch auf den Stationen gibt es Programm. In der hauseigenen Küche werden vier Mal am Tag die Mahlzeiten zubereitet - nicht selbstverständlich für ein Pflegeheim.

Die Stationen umfassen maximal 24 Bewohner. Etwa 50 Pflegekräfte gibt es im Meinzolt-Haus, hinzu kommen fünf Betreuungskräfte, die mit den Bewohnern malen, basteln oder sich anderweitig mit ihnen beschäftigen. So werde die individuelle Betreuung, die sich das Meinzolt-Haus auf die Fahne schreibt, tatsächlich gelebt, sagt Jörg Kahl: "Es geht hier sehr menschlich zu." Der Umgang sei "herzlich und warm".

Eine Besonderheit der Hilfe im Alter bei der Inneren Mission ist außerdem die Stelle für Spiritualität, Palliative Care/Hospizkultur, Ethik und Seelsorge, kurz SPES. Dazu zählt auch ein Ethikbeirat, der sich unter anderem aus Ärzten, Anwälten, Theologen und Palliativmedizinern zusammensetzt. Dorthin können sich die Mitarbeiter mit Fragen und bei Beratungsbedarf zu palliativen und ethischen Situationen wenden. Ein Angebot, das im Meinzolt-Haus immer wieder genutzt wird und in den Augen der Leitung spürbar zur Qualität des Heims beiträgt.

Die wird nicht nur durch externe Prüfinstanzen wie die staatliche Heimaufsicht und den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) kontrolliert, sondern auch intern. Pflegedienstleiter, Heimleiter und Ergotherapeuten aus den acht stationären Einrichtungen der Inneren Mission im Großraum München begutachten sich dabei gegenseitig.

Babette Kollers Urteil jedenfalls fällt eindeutig aus. Seit zwei Jahren lebt die Seniorin im Meinzolt-Haus und hat nur lobende Worte für die Mitarbeiter übrig. Sauber und wohlriechend sei es im Haus obendrein, sagt sie, im Gegensatz zu einem anderen Heim, indem sie kurze Zeit gelebt habe. Aus ihrem Zimmer blickt sie auf die Gartenanlage des Pflegeheims. Im Sommer, erzählt die Seniorin, sitze sie mit den anderen Bewohnern oft dort draußen auf einer der Bänke in der Sonne. Jetzt, da der Winter endgültig kommt, stehen andere Beschäftigungen an. Babette Koller bastelt schon seit einer Weile für den Weihnachtsbasar, der bald stattfindet. Sie freut sich schon darauf.