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Dachau:Es bewegt sich was in der Stadt

Die einen suchen einen Job, die anderen Mitarbeiter: Behörden und Helferkreise bringen Flüchtlinge und Firmen zusammen

Sie heißen Abubakar, Sylla, Anas oder Amir. Sie kommen aus Mali, Somalia oder Syrien. Sie sind Schweißer, Landwirt, Biochemiker oder Buchhalter. Und sie suchen einen Job. Deshalb sind sie vor Kurzem ins Ludwig-Thoma-Haus gekommen. Denn genau um ihr Anliegen geht es: Arbeitsmöglichkeiten für Asylsuchende und Flüchtlinge. Eingeladen haben die Wirtschaftsförderung der Stadt, die Ausländerbehörde im Landratsamt, die Agentur für Arbeit und der Arbeitskreis Asyl. Sie wollen beide Seiten zusammenbringen: Flüchtlinge auf Jobsuche und Betriebe auf Mitarbeitersuche.

Auch letztere sind gekommen. Vertreter von 40 Unternehmen aus unterschiedlichen Bereichen von Automobilindustrie bis zum Handwerk drängen sich auf den Stühlen. Mehrere hundert Firmen aus Dachau haben die Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftsförderung angeschrieben. Viele, die an diesem Abend nicht selbst dabei sind, haben um Informationen über die Veranstaltung gebeten und sich auf einer Liste potenziell Interessierter eingetragen. Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist offensichtlich kein einseitiger Wunsch der Malier, Eritreer und Syrer. Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) findet das gut.

Neben Sprache und Wohnen ist Arbeit eine der drei Säulen der Integration, die er bei jeder Gelegenheit beschwört. Einen Teil der Verantwortung beim Thema Arbeit, sagt Hartmann an diesem Abend, sehe er beim Staat und bei den Kommunen. Aber auch die Wirtschaft selbst sei gefragt. "Ich bin kein Romantiker, der glaubt, es gehe so einfach", sagt er und meint damit die Vorstellung, Flüchtlinge und Arbeitgeber einfach in einen Raum zu stecken und zu hoffen, dass danach jeder gefunden hat, wonach er sucht. "Aber wenn wir es nie ausprobieren, werden wir es nie herausfinden."

Einige Gesprächspaare bilden sich danach tatsächlich. Manche Flüchtlinge haben Mappen dabei, in denen sie Lebenslauf, Praktikumsbescheinigungen und Zeugnisse fein säuberlich in Klarsichtfolien abgeheftet haben. Dabei haben ihnen die Ehrenamtlichen vom Arbeitskreis Asyl geholfen. Die Helfer haben außerdem Profile ihrer Schützlinge erstellt, in denen sie Daten zu Schuldbildung, Arbeitserfahrung und Ausbildung gesammelt haben. Bisher mussten sie damit in mühsamer Kleinarbeit bei einzelnen Betrieben anfragen. Denn eine landkreisweite, oder auch nur auf die Stadt Dachau beschränkte Datenbasis, auf die alle Seiten zugreifen können, existiert noch nicht.

Eindringlich wirbt Josef Mayer vom Arbeitskreis Asyl deshalb dafür, permanente Strukturen für die Kommunikation zwischen Flüchtlingen, Behörden, Bildungseinrichtungen und Unternehmen zu schaffen. Das Potenzial ist da, glaubt er, auf beiden Seiten. "Weg mit der Anonymität", appelliert er. Bei Christine Gossner trifft er damit auf volle Zustimmung. Die Unternehmerin ist im Bereich Hausverwaltung und Immobilien tätig. Einem Jurastudenten aus Syrien hat sie gleich ihre Visitenkarte mitgegeben. Sie kann sich vorstellen, ihn als Praktikanten einzustellen. Vor allem auf Deutschkenntnisse legt sie Wert, und auf EDV-Erfahrung. Gossner engagiert sich selbst ab und an im Arbeitskreis Asyl. An einige der Hausmeisterdienste und Handwerksbetriebe, mit denen sie zusammenarbeitet, hat sie bereits Flüchtlinge vermittelt. "Wenn sie Arbeit haben, sind sie schneller integriert und selbstständig. Das stärkt die soziale Struktur."

Andere finden an diesem Abend im Thomahaus nicht, wonach sie gesucht haben. Sylla Modou hat 15 Jahre als Schweißer gearbeitet, aber einen Job hat er in seiner neuen Heimat noch nicht bekommen. Auch Anas Zein Aldin war noch nicht erfolgreich. In Aleppo hat er Biochemie studiert, fünf Jahre lang hat er gearbeitet, unter anderem in leitender Position im Qualitätsmanagement. Biomedizin, Labor, Kosmetik - er kann sich einen Tätigkeit in vielen Bereichen vorstellen. Die entsprechende Ausbildung hat er jedenfalls. Sein Cousin Amir Mashhadi ist Buchhalter und ebenfalls auf der Arbeitssuche. Noch sprechen beide besser Englisch als Deutsch, aber die Hoffnung geben sie nicht auf. "Wir werden weiter zu solchen Veranstaltungen gehen", sagt Aldin.

Josef Mayer hat die Veranstaltung positiv gestimmt. Gleich fünf Visitenkarten hat er auf Anhieb in die Hand gedrückt bekommen. Es freut ihn, dass so viele Betriebe da waren. Furcht vor bürokratischen Hürden und Berührungsängste, glaubt er, halten viele bislang noch davon ab, mehr Flüchtlinge einzustellen. Veranstaltungen wie an diesem Abend findet er deshalb wichtig. "Endlich wurde mal gesprochen." Auch bei Sabrina Schwaab und Julia Schwarz von der Abteilung Wirtschaftsförderung der Stadt hat der Abend einen positiven Eindruck hinterlassen. Sie können sich vorstellen, als Schnittstelle zwischen Flüchtlingen und Betrieben zu fungieren. Auf www.dachau.com wollen sie deshalb zunächst alle Informationen des Abends einstellen. "Die Unternehmen müssen merken, dass sie sich auf die Behörden verlassen können."

Auch wenn am Ende nicht alle euphorisch sind: Der Abend setzt einen guten Anfang. Es bewegt sich was in der Stadt. "Vernetzung" ist das Wort der Stunde. Aber eines macht die Veranstaltung mal wieder überdeutlich. Sie zeigt, wie sehr Verwaltung und Behörden auf die ehrenamtlichen Helferkreise angewiesen sind - und wie selbstverständlich sie auf deren Beitrag zählen.

© SZ vom 17.05.2016

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