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Hohe Radonwerte:Die unerkannte Gefahr

Auf Antrag der Freien Wähler hat die Stadt in öffentlichen Gebäuden die Radonwerte gemessen. Einige liegen im bedenklichen Bereich - doch die einzige Empfehlung lautet: lüften.

Der Kampf gegen Asbest hat eine Lobby. Der gegen Radon nicht. Wenn der krebserregende Stoff Asbest nachgewiesen wird, werden umfangreiche Umbauten und Sanierungen gemacht. Nach dem Stoff wird sogar gezielt gesucht. Radon ist gefährlicher als Asbest, es kann Lungenkrebs auslösen und besonders bei Rauchern die Gefahr, ernstlich zu erkranken drastisch erhöhen. Doch über das giftige Edelgas wird selten gesprochen. Im Landkreis Dachau werden zur Zeit an Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden Messungen vorgenommen. Schon vor eineinhalb Jahren hatte die Stadt in ihren Liegenschaften Messgeräte ausgelegt. Damit war damals ein Antrag der Freien Wähler umgesetzt worden.

Radon wird nicht absichtlich verbaut. Es befindet sich im Boden. Ein Hauptverbreitungsgebiet ist Oberbayern, Dachau befindet sich darin etwa im Mittel. Besonders in Altbauten kommt es häufiger vor, dass das Gas aus dem Boden durch undichte Fugen und Bodenplatten über Keller und Schächte in Wohnräume aufsteigt. Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt bauliche Maßnahmen. Etwa das Abdichten von Fugen und Ritzen oder das Anbringen fester Bodenplatten im Keller - und das ab einem Messwert von 100 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m³). In einem kleinen Comic-Filmchen auf der Homepage des Bundesamtes wird dargestellt, wie das Gas das Haus einnebelt - nach dem Umbau aber unter der Erde bleibt. In einigen Schulen und Kindergärten in der Stadt Dachau wurden Werte von mehr als 100, mehr als 200 und sogar mehr als 300 Bq/m³ gemessen. Mit einem Wert von 340 im Sekretariat im Erdgeschoss der Grundschule Süd ist sogar der Grenzwert nach EU-Standard überschritten. Einen Umbau an der Grundschule nahm man jedoch nicht vor. Die Empfehlung der Stadt an die Schule lautete: öfter lüften. Tatsächlich hilft häufiger Luftaustausch, die Konzentration zu mindern. Nur gibt es Monate, in denen niemand gern das Fenster ständig offen lässt.

Die Stadt Dachau hatte sich Rat vom Landesamt für Umweltschutz eingeholt. Dort verweist man mittlerweile auf den EU-Richtwert von 300 Bq/m³, ab dem man tätig werden sollte. Auch der Eigenheimerverband kann mit dieser Empfehlung leben. Angesichts von Radonkonzentrationen von mehreren tausend Bq/m³, wie sie in manchen Gegenden Bayerns gemessen werden, sei das ein guter Richtwert, sagt Geschäftsführer Friedrich Richler. Der Präsident des Verbandes Heinrich Rösl hatte vor einigen Jahren in seinem Bauernhaus im Chiemgau einen Wert von 4500 Bq/m³ gemessen. Seitdem betreibt der Verband Aufklärung. Dass im Landkreis so hohe Werte gemessen werden, ist unwahrscheinlich. Trotzdem sind Gebiete im Ausläufer der Münchner Schotterebene oder auf anderen lockeren Gesteinsböden deutlich stärker von der Radonstrahlung betroffen, als etwa Grund auf Lehmböden. Je dichter das Erdreich, desto stärker wird das Gas zurückgehalten.

Im Sekretariat im Erdgeschoss der Grundschule Dachau-Süd ist sogar der Grenzwert nach EU-Standard überschritten.

(Foto: Toni Heigl)

Ob das Lüften allein der Radonkonzentration in der Grundschule Süd abhilft, prüft die Stadt mit neuen, noch genaueren Langzeitmessungen. Ein korrektes Vorgehen aus Sicht des Landesamtes für Umweltschutz wie auch aus Sicht des Eigenheimerverbandes. Ein gewichtiges Problem bleibt aus dessen Sicht jedoch bestehen: die mangelnde Aufklärung. Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz sterben in jedem Jahr in Deutschland 1900 Menschen an einem Lungenkrebs, der durch Radon und seine Folgeprodukte hervorgerufen wurde. Zum Vergleich: In jedem Jahr sterben laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin etwa 1500 Menschen an den Folgen einer Asbestbelastung.

Deshalb sind die Messergebnisse in den öffentlichen Gebäuden von Stadt und Landkreis nicht nur für jene wichtig zu wissen, die in diesen arbeiten und leben. Sie sind auch für die Nachbarn interessant. Zwar verweist das Landesamt für Umweltschutz darauf, dass die Radonkonzentration von Haus zu Haus verschieden sein kann - je nach Gebäudeart, Kellertiefe oder Baustoff. Friedrich Richler vom Eigenheimerverband findet es jedoch angebracht, die Radonwerte zu prüfen, wenn bekannt ist, dass sie im Nachbarhaus hoch ausfallen. Denn das lässt auf einen durchlässigen Untergrund schließen. Richler rät, sich in jedem Fall über die Möglichkeiten einer Sanierung zu informieren. "Es gibt einfache Möglichkeiten wie etwa Isolierfarbe", sagt er. Denn: Radonstrahlung ist zwar gefährlicher als Asbest, kann aber oft mit einfacheren Mitteln begrenzt werden. Statt einer Komplettsanierung reicht manchmal ein Eimer Farbe.

© SZ vom 17.03.2015
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