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Dachau:Die letzte Einöde

Gerhard Kreitmair hat in Viehhausen den Bauernhof seines Vaters übernommen und führt ihn in der vierten Generation. Er baut Braugerste, Weizen, Zuckerrüben und Körnermais an und handelt mit Stroh. Ein hartes Brot, und doch möchte er mit niemandem tauschen

Von Andreas Förster, Dachau

Irgendwo im Nirgendwo, ein gutes Stück nördlich von Dachau, liegt die Einöde Viehhausen: zwei große Wohnhäuser, zwei Lagerhallen und Trockensilo mit Photovoltaik-Modulen auf dem Dach; mehrere Schuppen und Garagen für Geräte und Fuhrpark. Gleich vorn an der Straße, etwas im Schatten des turmhohen, noch recht neuen Mais-Trockners, steht die Hof-Kapelle. Fast das gesamte Ensemble ist aus Stein gebaut und weiß getüncht, mit grünen Holztüren. Die Farben wirken frisch. Zusammen ergibt das den Einödhof der Familie Kreitmair. Drumherum: nichts als Felder, Wiesen und Wälder.

Der Ortsteil Pellheim ist knapp zwei Kilometer entfernt, nach Dachau sind es rund sechs Kilometer. Platz gibt es auf dem Einödhof genug. Die Kinder können sich hier nach Herzenslust austoben. Georg und Gabriel, eineinhalb und drei Jahre alt, flitzen mit dem Bobbycar oder dem Mini-Traktor herum. Tagsüber herrscht meistens geschäftige Ruhe auf dem Hof, nachts ist es still wie auf einem Friedhof. Außer im Spätsommer während der Maisernte. Dann sind der Mähdrescher und die turmhohe Maschine, in der Mais getrocknet wird, pausenlos im Einsatz. Bei Dunkelheit brennt Flutlicht. "Das hilft mir, nachts nicht so müde zu sein", sagt der Landwirt Gerhard Kreitmair. So kommt er mit fünf Stunden Schlaf aus.

In diesen sechs Wochen müsse die Maschine ihre Investitionskosten amortisieren, sagt Kreitmair. Die übrige Zeit steht sie meistens still. Dann fahren seine beiden Lastwagen und liefern oder holen Futtermais und Stroh, denn damit handelt Kreitmair. Die Landwirtschaft alleine reiche nicht mehr aus, um gewinnbringend zu wirtschaften, sagt der 48-Jährige. "Als Einöd-Bauer hast du aber keine große Alternative, wenn du deinen Laden nicht komplett zumachen willst." Bauland zu verkaufen, das gehe nicht so ohne weiteres. "Deshalb existieren ja kaum noch Einödhöfe", sagt Kreitmair. "Andere Bauern, die Teile ihres Grundes als Bauland verkaufen können, tun sich da natürlich leichter."

Den Hof hat der Vater im Jahr 2003 an den Sohn übergeben. Damals war Josef Kreitmair 66 Jahre alt und hatte gerade ein neues Wohnhaus gebaut, ein Stückweit hinter dem alten Bauernhaus, in das der Sohn nun einzog. Der Vater zeigte damit: Ich trete zurück, du bist jetzt der neue Hofherr. Trotzdem steht der heute 78-Jährige seinem Filius noch täglich mit Rat und Tat zur Seite. Und der sieht das ganz praktisch: "Lieber lass ich mir helfen, als dieselben Fehler noch mal zu machen, die mein Vater schon gemacht hat", sagt Kreitmair junior.

Seine drei Schwestern wurden ausgezahlt. Er hingegen trägt die Verantwortung für die gut 45 Hektar Land, die er für die nächste Generation erhalten möchte. Darauf baut er vor allem Braugerste, Weizen, Zuckerrüben und Körnermais an. Und das mit immer gemischteren Gefühlen, denn: "Die Bauern bekommen kaum noch genug für die Ernte und als Ausgleich Subventionen. Das hat mit freiem Markt nichts mehr zu tun." Ihm wäre es lieber, die Lebensmittelpreise wären höher. Dann könnten diejenigen, die gut wirtschaften, auch anständig davon leben. So jedenfalls brauche er ein zweites Standbein, eben den Handel mit Futtermais und Stroh. Die Viehzucht habe sein Vater schon 1975 aufgegeben, in dem Jahr, an dem der letzte Melker des Hofs in Rente ging. Damit ging eine hundertjährige Tradition zu Ende.

Über die weiß seine Mutter, Maria Kreitmair, recht gut Bescheid. Die 78-Jährige interessiert sich, neben der Landwirtschaft, für Geschichte und Politik. Sie saß 24 Jahre für die CSU im Kreistag und war stellvertretende Landrätin. Ursprünglich aus der Nähe von Odelzhausen, lebt sie seit ihrer Heirat 1962 auf dem Hof. Stundenlang könnte sie erzählen über dessen bewegte Historie, beschränkt sich aber auf die wichtigsten Fakten: Der Name Viehhausen wurde erstmals im Jahr 970 urkundlich erwähnt. Die Bewohner betrieben Viehzucht und -handel, zuerst für das Kloster Scheyern, dann, nach dem Mittelalter, für das Kloster Schäftlarn. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Viehhausen in Pellheim eingemeindet, seit 1972 gehöre man, wie Pellheim, zur großen Kreisstadt Dachau. In den Besitz der Familie kam der Hof im Jahr 1895.

Maria Kreitmair zeigt eine vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografie aus der Zeit, als der Großvater ihres Mannes den Hof von einem Onkel erbte. Die Hälfte der Gebäude war damals schon vorhanden. Der Eiskeller beispielsweise, das älteste Gebäude auf dem Hof, wurde im Jahr 1850 gebaut und mittlerweile zu einer Wohnung umgestaltet. Die Ställe aus dem Jahr 1937 sind jetzt Garagen. Das historische Bauernhaus entstand 1951. Strom gebe es erst seit den 1920er Jahren und Autos seit Mitte der 1950er Jahre. Ihr Mann lief als Kind noch zu Fuß nach Dachau, sagt die Ehrenkreisbäuerin.

Die Kreitmairs haben in ihrem Beruf den Meistertitel erworben, Maria in ländlicher Hauswirtschaft, Josef als Landwirt, Sohn Gerhard ebenfalls. Der Familie ist es wichtig, dass Bauern eine solide Berufsausbildung durchlaufen. Wie komplex der Beruf inzwischen geworden ist, werde in der Gesellschaft zu wenig wahrgenommen, und auch an der Wertschätzung hapere es manchmal, findet Gerhard Kreitmair. Das spüre er zum Beispiel, wenn er mit dem Traktor über die Felder fahre und Dünger ausbringe. "Da reden mich Spaziergänger auch mal blöd an", sagt Kreitmair. Trotzdem möchte er den Beruf nicht wechseln und schon gar nicht weg aus Viehhausen. "Wenn ich mir vorstelle, in der Stadt zu leben, wo mir vielleicht der Nachbar ins Fenster schauen könnt, dann graust's mir", sagt Kreitmair. Probleme mit Nachbarn hatten sie hier noch nie. Es gibt einfach keine auf Dachaus letztem Einödhof.

© SZ vom 12.12.2015
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