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Dachau:Der Berserker

Die Gemäldegalerie präsentiert mit den Werken von Max Feldbauer die Ära der Dachauer Malerfürsten des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Werke symbolisieren dessen Selbstverständnis. Er verstand sich als maßgeblicher Künstler seiner Zeit

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Wenn sich Elisabeth Boser schon seit Jahrzehnten mit der Pleinair-Malerei befasst und obendrein die vergangenen Monate mit einem der früheren Dachauer Malerfürsten, der selbstbewusst bis 1919 auf dem Giglberg residierte, wenn also eine Expertin eine umfassende Ausstellung von Max Feldbauer vorbereitet, dann darf die Frage erlaubt sein: "Welches Werk ist Ihr Lieblingsbild?" Vielleicht gibt die Leiterin der Dachauer Gemäldegalerie auf der Vernissage am Donnerstag, 15. Oktober, eine klare Antwort darauf. Beim ersten Rundgang in der wunderbaren, lichtdurchfluteten Galerie im zweiten Stock, gewährt sie zumindest Annäherungswerte.

Vielleicht mag sie doch eines der Porträts in ungewöhnlicher Perspektive, wie die heutige Fotografie Gesichter im extremen Bildausschnitt aufnimmt? Dabei stammen diese Werke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Oder diese Miesmacher Bäuerin, die aus kräftigen Pinselstrichen regelrecht zusammengehämmert ist? Der Maler legte auf Genauigkeit oder realistische Wiedergabe überhaupt keinen Wert; was zählt, ist die Körperlichkeit, die Figur im Raum, die den Raum erst schafft. Diagonal dahin gestreckt liegen die rubensartigen Akte und verschwimmen malerisch mit dem Hintergrund. Dieser Maler war ein Berserker der Kunst, weshalb Böser auch von dem riesigen Brauereigespann beeindruckt ist, das aus dem Bild wuchtig und wild hinauszuspringen scheint. Dabei malte Feldbauer nur diejenigen Passagen pastos aus, die ihn wirklich interessierten.

Feldbauer-Ausstellung

Mitterndorf mit der Villa von Ignaz Taschner (links außen) und von Max Feldbauer (rechts oben), dazu der Maler mit Frau Elise, Hund und Pferdegespann.

(Foto: Gemäldegalerie Dachau)

Diese Gemälde strotzen vor Selbstbewusstsein und ihr Ziel ist die überwältigende Präsenz, egal wie groß das Format ist. Genau so ließ sich der Maler für Zeitungen und Zeitschriften auch fotografieren: als der Herr Ökonom, der Herrscher über den ländlichen Raum. So einer passte damals nach Dachau, beispielsweise zu dem damals mächtigen Mann Eduard Ziegler von der Schlossberg-Brauereidynastie. Dazu passte auch die Villa auf dem Giglberg, leicht erhöht über das Moos und mit einem weiten Panoramablick. Feldbauer nannte sie "meine Burg". Ein Foto ist von enormer symbolischer Bedeutung: Linksaußen steht die Ignaz-Taschner-Villa, rechts die Burg, dazwischen die Ebene. Über Kontakte der beiden Malerfürsten mit ihren Künstlervillen in Dachau auf einer klaren Sichtachse ist Boser nichts bekannt. In der Feldbauer-Villa ist das Montessori-Kinderhaus untergebracht.

Bis Anfang der dreißiger Jahre war Max Feldbauer einer der anerkanntesten Maler Deutschlands, der enorm gut verdiente, eine Professur in Dresden inne hatte und sich einen aufwendigen Lebensstil leisten konnte. Umso bedrückender wirkt dann die weitere Lebensgeschichte, die 1937 mit dem Eintritt in die NSDAP ihren Tiefpunkt erreichte. Die Nationalsozialisten mochten Feldbauers Malerei nicht. Dazu war sie dem Expressionismus und einer Bildauffassung zu nahe, in der die Farbe an Eigenwert gewann und wichtiger als der gezeigte Gegenstand wurde.

Feldbauer-Ausstellung

So zart und leicht hat Max Feldbauer nur seine Frau Elise gemalt. In dem Fall vor der Villa am Dachauer Giglberg.

(Foto: Gemäldegalerie)

Aber Feldbauer, der Fürst und Berserker, der sich als Erhabener ablichten ließ, suchte die Nähe zu den Nazis, um zu verkaufen. Und er malte ziemlich schlechte Landschaften. Auch sie zeigt Elisabeth Boser und blendet das Kapitel der Erniedrigung nicht aus. Feldbauer hatte seine Strategie nichts genützt. Er verkaufte keines seiner Bilder und wurde mit einem Pferdekopf in seiner für ihn typischen Manier sogar aus der Münchner Kunstausstellung 1938 entfernt. Tatsächlich hatte Max Feldbauer seine letzte Einzelausstellung in München im Jahr 1930. Die in Dachau ist seine erste seit 85 Jahren. Damals lebte er schon nicht mehr in Dachau - und doch war der Maler für den spezifisch künstlerischen Dachauer Blick stilprägend. Er gab das Muster für die Stadtansichten oder die Bildausschnitte von Häusern und Gärten vor, wie sie jetzt noch gängig sind. Die wenigen Bilder, die es gibt, sind lichtdurchflutet und in hellen Farben mit starken Kontrasten gemalt. Im Farbauftrag hält sich der Künstler zurück.

Diese Bilder favorisiert die Leiterin der Gemäldegalerie nicht. Aber sie kommen einer Vorliebe von Elisabeth Boser in Feldbauers Werk vermutlich ziemlich nahe. In einigen Werken zeigt er eine überraschende Zartheit: wenn es um seine Frau vor dem Giglberg geht, wenn er sie in einem flüchtigen Stil malte, der an den Expressionisten Max Heckel erinnert, oder wenn er seine Lieblingstiere darstellte: Pferde. Boser erzählt von den handschriftlichen, teils schwer leserlichen Dokumenten, die sie regelrecht transkribieren musste. Darin schreibt er, dass er der einzige wirkliche zeitgenössische Pferdemaler ist. Diese Tiere wirken richtig menschlich.

Die Ausstellung über Max Feldbauer wird am Donnerstag, 15. Oktober, 19.30 Uhr in der Dachauer Gemäldegalerie in der Altstadt eröffnet. Den Einführungsvortrag hält Kuratorin und Leiterin Elisabeth Boser.

© SZ vom 15.10.2015
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