Dachau:Bewusst bescheiden

Dachau: Tobias Hermanutz dirigiert die Liedetafel Dachau.

Tobias Hermanutz dirigiert die Liedetafel Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Die Liedertafel Dachau und ihre Aufführung der Messe in D-Dur von Antonín Dvořák in Sankt Jakob

Von Adolf Karl Gottwald, Dachau

Geht die Liedertafel Dachau nach dem Abschied von ihrem Dirigenten Peter Frank neue Wege? Wohin führen sie? Die Vorstellung des neuen Dirigenten Tobias Hermanutz mit dem "König David" von Arthur Honegger war ein effektvoller Coup. Er funktionierte. Die Liedertafel führte ein bahnbrechendes oratorisches Werk des 20. Jahrhunderts auf. Darauf folgte jetzt die erste Aufführung einer Messe, aber nicht etwa die H-Moll-Messe von Bach, eine der großen Messen von Joseph Haydn, Mozarts "Krönungsmesse" oder die beliebte "Cäcilienmesse" von Gounod. Die Wahl fiel auf die Messe in D-Dur op. 86 von Antonín Dvořák, und zwar in der ursprünglichen Fassung für Soli, Chor und Orgel.

An das Ordinarium Missae der katholischen Kirche, bestehend aus Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei, knüpft sich eine vom Mittelalter bis heute ununterbrochene Reihe von Vertonungen an. Das ermöglicht, das Werden der abendländischen Musik anhand der Vertonungen des Messetextes darzustellen. Und "wir werden genötigt, die Musik im allgemein Historisch-Geistigen- Menschlichen verwurzelt zu sehen". So sah das der große Musikhistoriker Thrasybulos Georgiades.

So tiefgründig war die erste Messendarbietung unter Tobias Hermanutz wohl nicht gedacht, denn die Dvořák-Messe gehört nicht zu den Meilensteinen der Messvertonungen wie die oben genannten. Die wohlgelungene Aufführung in der Kirche Sankt Jakob war eher nicht als anspruchsvolles musikalisches Ereignis gedacht.

Bei den geistlichen Konzerten in Sankt Jakob waren nicht, wie sonst üblich, Solisten, Chor und möglichst auch ein Orchester im Altarraum versammelt, um von dort aus musikalisch Bedeutsames zu verkünden, im Gegenteil: Alle Beteiligten waren, von den Zuhörern in der voll besetzten Kirche unsichtbar, auf der Empore unter der Orgel versammelt und sangen von dort aus bescheiden, wie ein Kirchenchor bei der musikalischen Gestaltung eines Gottesdiensts. So groß wie im Altarraum kann sich der Chorklang von dort oben auch nicht entfalten. Ein Konzert im herkömmlichen Sinn war das nicht, dazu hätte man Dvořáks Messe in der Konzertfassung mit Orchester aufführen müssen. So aber kam die Intention des Komponisten, der gerade in diesem Zusammenhang seine fromme Gläubigkeit betonte, gut zum Tragen.

Die Dvorak-Messe ist kein Werk der tiefen Textdeutung und Deutung des Sinngehalts wie bei Bach und Beethoven, auch nicht eine jener prachtvollen Messvertonungen des 19. Jahrhunderts, die schier das Kirchengewölbe heben wollen, sondern ein Werk des innigsten Wohllauts, in seiner wunderschönen Melodik eher ans Schlicht-Volkstümliche als ans Prunkvolle angelehnt. Das war für den Chor der Liedertafel Dachau und auch für sein Publikum ein wahres Seelenbad und eine Erholung nach dem strapaziösen "König David".

Der Chor der Liedertafel fühlte sich in seiner Rolle als Kirchenchor wohl und sang so schön wie es Dvořáks beseligend schöne Melodien und fromme Harmonien verlangen, und das vorwiegend mit Dachauer Sängerinnen und Sängern besetzte Solistenquartett - Anna Maria Bogner (Sopran), Merit Ostermann (Alt), Christoph Birgmeier (Tenor) und Florian Dengler (Bass) - war ohnehin Spitze. Carmen Hartlaub an der Orgel begleitete stimmig, also sehr gut.

Vor Antonin Dovraks frommer und in diesem Sinn unprätentiöser Messe spielte Josef Reichl Orgelwerke des 19. Jahrhunderts, die eine ganz andere Sprache als Dovrak sprechen: eine bombastische Fantasie d-Moll von Gustav Adolf Merkel und eine kompositorisch anspruchsvolle Vision von Johann Gabriel Rheinberger. Welche Vision Rheinberger da hatte, "lässt sich im Nachhinein nur schwer erahnen", schreibt Reichl, der hervorragend spielte, in seiner Einführung. Das Stück ist so wie es die offiziellen Grußworte bei allen Veranstaltungen sein sollten: kurz und gut. Der Weg der Liedertafel Dachau aber führt zunächst zu Beethoven.

© SZ vom 19.04.2016
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