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2000 Besucher erobern den Dachauer Hofgarten:Bach zwischen Blumen und Bäumen

Barockpicknick

Die Erwartungen waren groß beim musikaffinen Publikum des Barockpicknicks.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Exzellentes Spiel des Jacques Bono Trios beim Barockpicknick. Kritik gibt es nur an der Programmauswahl.

Barockpicknick, Bach und Bono. Was klingt, wie eine Erfolgsgarantie für den musikalischen Teil der alljährlichen friedlichen Eroberung des Hofgartens, musste sich am Freitagabend der reichlich klangverstärkten Realität stellen. Schließlich hatte Kulturamtsleiter Tobias Schneider mit dem Engagement des Jacques Bono Trios eine geradezu salomonische Entscheidung getroffen, die die Dauerdiskussion Klassik oder Jazz, Oldies oder Pop beim Barockpicknick zumindest für 2019 obsolet machen sollte. Füllt der renommierte E-Bassist Jacques Bono mit seinen kraftvollen, aufregenden Adaptionen von Werken Johann Sebastian Bachs, mit Jazz und Rock längst Konzertsäle, Kirchen und Clubs gleichermaßen. Pianistin Rie Kimura und Geigerin Mari Kobayashi haben in der Klassikszene einen hervorragenden Ruf.

Die Erwartungen waren also groß beim musikaffinen Publikum. Und wurden nur zum Teil erfüllt. Was nicht am exzellenten Spiel des Jacques Bono Trios lag, sondern eher an der Programmauswahl. Bonos Soloauftritte, etwa mit der E-Bass-Version von Bachs Cello-Sonate Nr 1, oder zwei Mozart-Violinsonaten, gespielt von Rie Kimura und Mari Kobayashi, können zwar in einem Kammermusiksaal ihre ganze Strahlkraft entfalten, unter 500 Obstbäumen und zwischen unzähligen Sommerblumen ist das jedoch ein eher gewöhnungsbedürftiges Unterfangen, zumal die Soundexperten es sowieso nie allen recht machen können. Was am Freitagabend in Bühnennähe noch teils heftige Kritik hervorrief, war im hinteren Teil des Areals schon fast purer Wohlklang.

Ideales Picknickwetter

Da stellt sich unweigerlich die Frage, warum sich rund 2000 Besucher im Alter von (gefühlt) acht Monaten bis weit über achtzig Jahre immer wieder rund um die Bühne auf die Füße respektive die Decken treten, wenn es "auf den hinteren Rängen" eher ruhig, beschaulich und romantisch zugeht. Hat man von dort aus doch den schönsten Blick auf kunstvoll in den Bäumen drapierte Lampion- und Lichterketten, die heuer vorzugsweise LED-beleuchtet sind. Ein paar Silber-Kandelaber schmücken stilvoll mit weißem Damast drapierte Tische, die überwiegend bevorzugten Plastikbehältnisse präsentieren sich in modisch-kitschigem Bonbon-Pastell. Die ersten aufblasbaren neongrellen Plastikliegen geben bereits nach wenigen Minuten mit mehr oder weniger lautem Knall den Geist auf. Ansonsten wenig beschäftigte Security-Mitarbeiter weisen einen leicht renitenten jugendlichen Grill-Fan zurecht. Will der doch zunächst absolut nicht einsehen, warum Würstlgeruch-Schwaden nicht ins barocke Picknick-Ambiente passen. Kinder wuseln über die Wiesen, während die Eltern je nach Gusto Fleischpflanzerl oder Tofu-Burger auspacken. Es wird geratscht und getratscht. Ein bisserl Klassentreffen-Atmosphäre liegt in der Luft, weil man beim Barockpicknick garantiert alte Bekannte trifft und endlich erfährt, wer gerade mit wem oder gegen wen - und so weiter.

Schlossverwalter Stephan Müller wirft einen freundlich-kritischen Blick auf etliche Kids, die den sorgsam gehegten Laubengang in einen Abenteuerspielplatz verwandeln. "Da muss man schon aufpassen, dass die nicht zu sehr im Geäst rumtoben", sagt er. Schließlich seien einige Bäume doch schon recht alt und entsprechend anfällig. Müller freut sich über eine wissbegierige Gartenfreundin, die unbedingt erfahren will, wie sie aus der heimischen Wiese einen Augenschmaus und für die aktuell allseits gehegte Insektenwelt einen Gaumenschmaus machen kann. "Veitshöchheimer Saatgutmischung" empfiehlt Müller - und zeigt deren Pracht gleich an Ort und Stelle neben dem Bienenstand im Englischen Garten. In diesen Teil des Schlossparks haben sich bereits einige Verliebte zurückgezogen. Wie lange sie dort ausgehalten und ob sie vor Toresschluss noch einmal an den Ort des Picknickgeschehens zurückgefunden haben, ist nicht bekannt. Dort, im Französischen Garten, führt fast kein Weg an einer langen Tafel vorbei. Oberbürgermeister Florian Hartmann und seine Frau Julia feiern immer noch Hochzeit - ganz unzeremoniell mit allen, die vorbeikommen und mit ihnen ein Glas Prosecco trinken. Wie überhaupt - es ist schließlich ideales Picknickwetter - an diesem Abend ordentlich getrunken wird. Was dazu führt, dass auch der stylische Toilettenbus vor dem Schloss gut frequentiert ist. Der sei für "einen Ein-Meter-fünfundachtzig-Mann ziemlich ungeeignet, weil viel zu niedrig gebaut", findet ein Besucher. Das ist wohl aber auch die einzige Beschwerde, die am Eingang eingeht und lächelnd zur Kenntnis genommen wird.

Ansonsten geht es locker-fröhlich zu. Geigerin und Pianistin spielen ein Medley aus Leonard Bernsteins "West Side Story". So mancher summt leise "Tonight" mit - was auch eine Reverenz an ein stimmungsvolles entspannendes und entspanntes Barockpicknick ist. Und die Frage nach der idealen Musik schon fast beantwortet.

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